Von Christine Pander
Schokoholics und Tortenjunkees fühlten sich endlich verstanden. Als Forscher vor einiger Zeit ihre Ergebnisse aus einer Rattenstudie veröffentlichten, war für sie eine logische Erklärung für das exzessive Verlangen nach dem Kalorien-Quickie gefunden: Schuld an der Gier waren demnach als Lebensmittel verkleidete Drogen wie Käsekuchen, Speck oder Zuckerguss. Ihnen, so das Fazit der Studie, kann der vermeintlich Süchtige kaum etwas entgegenhalten.
Die Wissenschaftler Paul Johnson und Paul Kenny vom Scripps Research Institute in Florida hatten untersucht, wie viel hochkalorische Nahrung übergewichtige und normalgewichtige Ratten konsumieren, wenn sie gleichzeitig einen unangenehmen Reiz aushalten müssen.
Das Resultat: Die fettleibigen Ratten fraßen zwanghaft, die anderen nicht. Offenbar waren bestimmte Rezeptoren, die zum Belohnungssystem gehören, im Gehirn der übergewichtigen Ratten weniger aktiv - eine Reaktion, die der Drogenabhängiger gleicht. Johnson war sich sicher:
"Zu viel sehr kalorienreiche Kost macht gewissermaßen süchtig." Aber kann Fast Food wirklich so abhängig machen wie Drogen?
Martina de Zwaan, Direktorin an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der medizinischen Hochschule Hannover (MHH), relativiert nachdrücklich: "Es gab zwar den Hinweis, dass Essen ein Suchtpotential haben kann. Aber bei der Studie aus Florida handelte es sich um standardisierte Bedingungen mit mangelernährten Ratten." Beim Menschen habe man bis heute keine derartigen Hinweise gefunden.
Nicht die Nahrungsmittel an sich machen ihrer Meinung nach abhängig, sondern das Essen als Vorgang - wenn damit beispielsweise Trauer, Kummer, Stress oder Einsamkeit bekämpft werden. "Alle Reize, die angenehme Effekte verheißen wie Alkohol, Sex oder Essen, werden durch neuronale Reaktionen im Gehirn verstärkt", sagt de Zwaan. Wird etwas verspeist, das schmeckt, schlägt das Belohnungszentrum im Gehirn Purzelbäume.
Schuld an der Fressattacke ist das Wanting
"In erster Linie ist es der Genuss - das sogenannte 'Liking', das uns motiviert, etwas zu wiederholen. Dann gibt es auch das 'Wanting', bei dem es nicht um die Freude selbst geht, sondern um die Motivation, etwas zu bekommen", sagt de Zwaan.
Sind Wanting und Liking in Balance, führt das nach einiger Zeit automatisch dazu, dass die Gier nach Schokolade oder Chips nachlässt. Bei manchen macht sich das Wanting jedoch selbständig. Kreisen die Gedanken dann nur noch um die Chips, ist das de Zwaan zufolge in Ansätzen schon mit den Effekten einer Sucht vergleichbar. "Allerdings sprechen wir dann allenfalls von einer Verhaltenssucht", sagt die Wissenschaftlerin. "Oder haben Sie schon einmal gehört, dass jemand einen echten Rauschzustand auf Nahrungsmittel entwickelt hat?"
Wenn dem so wäre, müsste es auch möglich sein, auf Entzug zu gehen. Ein ziemlich unwahrscheinliches Vorhaben, sagt Falk Kiefer, Suchtforscher am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Allenfalls im Verhalten von extrem hungrigen Menschen sieht er Parallelen zu Drogenabhängigen, die nur noch an den nächsten Schuss denken können.
"Es gibt jedoch einen zentralen Unterschied: Beim Essen setzt ein Sättigungsgefühl ein, das bei chemischen Drogen fehlt." Essen ist zudem lebensnotwendig, Drogen sind es nicht. Bei kontinuierlicher Ernährung mit gesunden, sättigenden Lebensmitteln sei der Belohnungseffekt von Nahrung viel geringer als der von Drogen. Abstinenz könne daher kein Therapieziel sein, denn: "Regelmäßiges Essen schützt vor suchtähnlichen Exzessen."
Büroalltag passt nicht zu Genen aus der Steinzeit
Warum manche Menschen den Drang haben, sich lieber mit Zucker und Fett den Bauch vollzuschlagen als mit Gemüse oder Salat, liegt für ihn auf der Hand: "Erstere aktivieren das Belohnungszentrum im Hirn stärker, aber sie führen nicht zu einem anhaltenden Sättigungsgefühl." Das Endorphin-Orchester, das bei Hochkalorischem im Kopf zu jubilieren beginnt, sitzt tief in den Hirnstrukturen des Mittelhirns. Hat es Geschmack an einer bestimmten Aktion gefunden - das gilt für Sex genauso wie fürs Essen -, entsteht eine zunehmende Motivation, das Verhalten zu wiederholen.
Die genetischen Anlagen dazu sind alt. "Die Jäger und Sammler griffen früher auch lieber zur süßen, saftigen Frucht, weil sie davon länger zehren konnten", sagt Burkhard Pleger vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Logisch, dass der Mensch heute noch lieber in der Süßwarenabteilung als am Gemüsestand zuschlägt. Hochkalorisches triggert - das Belohnungszentrum applaudiert. "Das Belohnungszentrum spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation von Verhalten und Motivation, es ist der wichtigste Mechanismus, um überhaupt tätig zu werden", sagt er.
Wer sich ständig überisst, kann sein Belohnungssystem jedoch mit der Zeit herunterschrauben. Dopamin ist der zentrale Botenstoff, der das Belohnungssystem aktiviert. Bei stark Übergewichtigen nehmen die Dopamin-Rezeptoren ab. Das Gehirn verlangt immer mehr des auslösenden Stoffes. Lebensmittelsucht und Drogensucht weisen daher auch für Pleger Parallelen auf. "Allerdings haben Lebensmittel keine suchtspezifischen Eigenschaften, sondern da läuft viel über Kompensation, Abschauen und Erziehung", sagt er.
Keine Sucht nach klassischer Definition
Auch der Kinder- und Jugendpsychiater Johannes Hebebrand von der Universität Duisburg Essen beschäftigt sich mit der Frage, ob es die "food addiction" gibt. Experten diskutieren diesen Begriff seit einigen Jahren. "Bei der Sucht im psychiatrischen Sinne wird vorausgesetzt, dass sie sich auf einen ganz spezifischen chemischen Stoff bezieht - eine Substanz also, die im Gehirn andockt und dort das Belohnungszentrum bei mehrfachem Gebrauch so in Ekstase versetzt, dass es nach immer noch mehr schreit", sagt der Psychiater.
Beim Lebensmittel werden aber immer ganze Stoff-Cocktails konsumiert. Die klassische Suchtdefinition greife beim Essen daher nicht. Wer etwa jeden Abend ein Glas Schokocreme verzehre und sich damit in den Dopamin-Himmel katapultiere, ist seiner Meinung nach nicht süchtig nach einer spezifischen Substanz in der Creme. "Viele Menschen haben die absurdesten Ess-Gewohnheiten. Erst wenn die Menschen regelrechte Entzugssymptomatiken entwickeln und das normale Alltagsleben nicht mehr bewältigt werden kann, weil sie eine spezielle chemische Substanz vermissen, könnte man von einer Sucht sprechen."
Neue Suchtdefinition der Psychiatrie
Fasst man den Suchtbegriff jedoch weiter, könne die Lebensmittelsucht eines Tages Eingang finden in das Register der Suchterkrankungen. "In der Psychiatrie beginnt im Moment ein Umdenken: Das neue Klassifikationssystem für psychiatrische Störungen wird in Amerika 2013 eingeführt. Bisher sprach man dort von Substanz-Störungen. Dies wird nicht mehr der Überbegriff sein, stattdessen benutzt man dort heute schon den Begriff addiction."
Denkbar wäre, dass es keine reinen Definitionen mehr nach Substanzabhängigkeiten gebe, sondern dass die Tür für Lebensmittelsucht als Verhaltenssucht damit geöffnet wird. "Für die Betroffenen kann das ein Segen sein, weil sie dann als therapiebedürftig angesehen werden", sagt Hebebrand. Die Diskussion lässt aber auch Spielraum für Kritik. "Andererseits ist zu befürchten, dass es die Psychiatrisierung vorantreibt und letztlich jeder nach irgendetwas süchtig ist."
Die Verführung lauert bis dahin an jeder Ecke. Lebensmittel sind billig zu haben, geschmacklich hochvariabel und von der Industrie auf regelmäßigen, schnellen Konsum designt. Geheime, süchtig machende Stoffe vermutet der Psychiater zwar nicht in Burgern, Chips oder Schokolade. "Aber man darf davon ausgehen, dass die Food-Designer schon wissen, wie sie ihre Versuchslabore nutzen", sagt Hebebrand. Jedes Jahr wirft die Nahrungsmittelindustrie rund 30.000 neue Produkte auf den Markt. Nur was sich bewährt, bleibt. "Das ist ein wahnsinniger Turnover, und wenn Sie so wollen, unser größtes humanes Experiment."
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