Essstörungen Jeder Bissen ein Kampf

Jahrelang hat Mafalda Rakos Frauen getroffen, die an einer Essstörung leiden oder sie überwunden haben. Ihre Fotoserie gibt einen intimen Einblick in die Welt der Betroffenen.

Mafalda Rakos

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Mit elf Jahren fing Corina an, sich dick zu fühlen - obwohl andere ihr immer wieder sagten, sie sei ein schlankes Mädchen. In ihrer Jugend verbrachte sie mehrere Monate in einer Klinik, litt an Magersucht und Bulimie.

Heute mit 21 Jahren geht es ihr zwar besser, doch immer wenn der Druck zu groß wird, meldet sich die Essstörung wieder. Die Fotografin Mafalda Rakos sprach mit ihr und anderen Betroffenen, ließ sich von den Frauen erzählen, wie das Essen zu ihrem Feind wurde - und wie manche von ihnen die Krankheit überwinden konnten.

Rakos litt selbst lange Zeit an einer Essstörung. Aus einem anderen Blickwinkel konnte sie sich nun dem Thema nähern - und erkennen, dass andere sich mit ähnlichen Gedanken wie sie damals quälen. Vor allem das Gefühl alleine mit den Problemen zu sein, mache es vielen Betroffenen schwer, darüber zu sprechen.

95 Prozent der Betroffenen sind weiblich

Essstörungen seien weiter verbreitet als angenommen, aber von vielen verheimlicht, so die Fotografin. Menschen jeder Altersschicht, beider Geschlechter und verschiedener körperlichen Erscheinungsbilder können daran leiden. Rakos zeigt allerdings nur die weibliche Seite: "Ich habe vor allem junge Frauen gefunden, weil sie am meisten betroffen sind." Rund 95 Prozent der Menschen mit Essstörungen sind weiblich und unter 30 Jahren.

Vier Jahre lang traf Rakos die Frauen, entstanden ist daraus die Fotoserie "I Want to Disappear - Approaching Eating Disorders", die im Herbst auch als Buch erscheint. Die Fotografin will vor allem mit Vorurteilen über die Krankheit aufräumen, mit denen sich auch viele ihrer Protagonistinnen täglich konfrontiert sehen: "Jede Betroffene hat ihre individuelle Geschichte. Und sie entsprechen nicht alle diesem Stereotyp von magersüchtigen Körpern."

Bei anderen Formen wie beispielsweise der Bulimie, der Ess-Brech-Sucht, sind die Menschen in der Regel normalgewichtig. Bei der Sport-Anorexie tendieren die Betroffenen zu einer übermäßigen sportlichen Aktivität und Orthorexie beschreibt die übertriebene Tendenz, sich gesund zu ernähren.

Fotostrecke

12  Bilder
Magersucht und Bulimie: Betroffene erzählen von ihren Erfahrungen

Die Frauen gaben Rakos auch Einblicke in ihre Tagebücher, zeigten ihr Zeichnungen und Skulpturen, fotografierten sich selbst. Auf einem der Bilder ist eine Toilette zu sehen, der Rückzugsort für viele Frauen, wenn der Druck mal wieder zu groß wird. Auf einem anderen erkennt der Betrachter ein Diagramm - mit dem eine der Frauen den Umfang ihres Bauches festhält.

Die persönlichen Materialien, Interviews und Fotografien enthüllen, wie Essstörungen die Betroffenen, aber auch ihre Familien beeinflussen, geben Einblick in den täglichen Schmerz und die Gedanken der Frauen.

Magersucht und Bulimie sind nur Symptome, die Probleme sitzen oft tiefer: "Ich glaube, das ist eine Hilfe, damit dieser Mensch nicht zerbricht", sagte eine der Frauen. Auch der Wunsch nach einem idealen, standardisierten Aussehen, das von Werbung und Medien geprägt wird, sei nicht das alleinige Problem, so Rakos. Auch familiäre Probleme und psychologische Faktoren wie ein geringes Selbstwertgefühl und ein zu stark ausgeprägter Perfektionismus können diese Krankheiten auslösen.

"Es war für mich eine Art Trost"

Letztendlich hat jede der Frauen ihre eigenen Gründe für das gestörte Verhältnis zum Essen. "Ich habe das Gefühl, dass wenn mir alles zu viel wird und ich dann einfach nicht mehr kann, dann kommt auch die Essstörung wieder stärker hervor", sagte eine der Frauen. Eine andere verarbeitet traumatisierende Erlebnisse: "Ich bin mit Missbrauch, Gewalt und Psychoterror aufgewachsen, vom Babyalter bis ich 17 Jahre alt war. Das Essen ist für mich immer so eine Art Trost, eine Art Rettung." Es unterdrücke ihre negativen Gefühle und erleichtere ihr, mit manchen Situationen umzugehen.

Viele der Frauen fanden Hilfe in Kliniken oder Selbsthilfegruppen, manche konnten sich aus eigener Kraft von der Essstörung befreien. Einige ziehen sogar Positives aus der Erfahrung: "Das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich weiß nicht, wie das Leben weitergegangen wäre, wenn ich und meine Familie einfach so weitergelebt hätten."

Auch Rakos sieht die Krankheit als Chance zur Veränderung: "Anstatt verzweifelt zu versuchen, bestimmte Erwartungen zu erfüllen und Normen zu entsprechen, muss man sich bei der Überwindung der Krankheit ernsthaft mit seinen eigenen Bedürfnissen und Gefühlen auseinandersetzen. Und das ist etwas sehr Gutes."

Eine Aussteigerin berichtet


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