Ex-160-Kilo-Mann Es fällt mir schwer, mich zu bremsen

Von 160 auf 110 Kilo: Micha Klotzbier fühlt sich, als würde er schweben. Doch Freunde und Ärzte raten ihm, öfter mal einen Gang runterzuschalten

Timo Schumacher

Ich bin wieder 18. Vor mir liegt ein neues Leben. Ich bin gespannt, was mich erwartet, ich bin ungeduldig. Frühmorgens, um 3 Uhr, liege ich wach und warte, dass der Tag beginnt. Ich will raus: walken, bouncen, laufen, fliegen. Doch ich darf nicht.

Dieses Jahr ist das Jahr der Veränderung. Im Januar wog ich noch rund 160 Kilo. Ich war ein Koloss, ein Fels ohne Brandung. Ich führte ein Leben im Stillstand. Selbst beim Schuhezumachen geriet ich aus der Puste und klang wie ein Walross. Ich hatte mir lange eingeredet, dass alles okay sei. Läuft bei mir. Ich lag falsch.

Jetzt, rund elf Monate später, bin ich ein anderer Mensch: Ich bin wieder der Micha, der ich mit 18 war. Ich habe zwar keinen durchtrainierten 72-Kilo-Körper wie in meiner Jugend, aber mein sportlicher Ehrgeiz ist wieder da. Meine Dynamik, meine Lebensfreude, mein Selbstbewusstsein.

Ich fühle mich so leicht und habe das Gefühl, ich schwebe. Und das, obwohl ich immer noch 110 Kilo auf den Rippen habe und noch lange nicht am Ziel bin. Bin ich schon abgehoben? Bekannte, Kollegen, Freunde teilen zwar meine Euphorie, versuchen mich aber auch auf den Boden zurückzuholen. Meine Mutter bringt es auf den Punkt. Sie sagt: "Spinn nicht rum! Du weißt, wie es beim Fußball geendet ist."

Jahrelang in der Vergangenheit gelebt

Vor meinem Kreuzbandriss war ich so was wie ein Lokalheld in meinem Dorf, die Leute luden mich zum Essen ein und dachten, der junge Kerl sei am Anfang einer vielleicht großen Fußballkarriere. Das hoffte ich auch. Dann riss zweimal das Kreuzband, und ich musste mir mein Würstchen wieder selber kaufen. Die Bänder verheilten wieder, doch die Verletzung blieb. Jetzt wird mir klar, dass ich die Jahre danach in der Vergangenheit gelebt habe, immer mit der Frage im Hinterkopf: Was wäre gewesen, wenn...

Seit Januar schaue ich wieder nach vorne.

Und so wie ich gelernt habe, mich wieder zu bewegen, muss ich jetzt wieder lernen, mich auszuruhen. Auch wenn ich lieber in Bewegung bleibe. Mein Trainer Piet sagt: "Euphorie birgt auch Risiken. Du musst Maß halten." Das fällt mir zugegebenermaßen schwer. Am liebsten würde ich jedes Wochenende einen Lauf mitmachen und von Zuschauern bejubelt durch die Ziellinie rauschen. Doch Piet sagt: "Laufveranstaltungen sind etwas Besonderes, das Salz in der Trainingssuppe. Bei einem Adventskalender öffnest du auch nicht am 1. Dezember alle Türen."

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Achilles' Verse: Die Welt, eine Laufstrecke
Es fällt mir schwer, mich zu bremsen. Ich will immer weiter und weiter. Doch Piet und andere erinnern mich daran, dass ich mir meine Kraft einteilen muss. Ich darf mich nicht vollgepumpt mit Adrenalin die Piste runterstürzen. Statt ständiger Aneinanderreihung von Highlights sollte ich eine Routine entwickeln, meint Piet. Integration in den Alltag ist das Stichwort.

Weniger Schlaf = mehr Hunger = mehr Gewicht

Apropos Alltag. Ich nehme nicht mehr so schnell ab. Nach rund 50 Kilo in zehn Monaten ist anscheinend eine Grenze erreicht. Die Kilos purzeln nicht mehr von meinem Körper, sie krallen sich fest und lösen sich nur zäh. Wenn überhaupt. An meinem Bewegungsdrang liegt es nicht. Ich trainiere weiterhin regelmäßig, fleißig und mit Spaß.

Ernährungstechnisch läuft es auch mittelmäßig. Die Euphorie lässt mich weniger schlafen. Weniger Schlaf bedeutet mehr Hunger. Mehr Hunger bedeutet mehr Gewicht. Ich möchte lieber weiter nach vorne preschen, als in alte Muster zurückzufallen. Ich dachte, ich bräuchte keine Regeneration, keine Pause. Ich habe mich mehr als 15 Jahre lang ausgeruht! Doch Piet hat recht, ich muss wieder runterkommen und weiter meine täglichen Hausaufgaben machen. Oberkörper-Stabilisation und -Mobilität klingt wenig sexy, ist aber der nächste Schritt.

Klar möchte ich am liebsten morgen wieder an meine Grenzen gehen und diese besondere Energie spüren, wenn man Herausforderungen gemeistert hat. Ich will Höhepunkte und Rausch, aber ich weiß, dass ich es langsamer angehen lassen muss. Statt weit nach vorne zu schauen, sollte ich versuchen, häufiger im Jetzt zu bleiben. Öfter mal in die Badewanne statt auf die Laufstrecke. Auch Kollege Knut sagt: "Du wirst fahrig. Fokussier dich mal." Was in dem Fall heißt, dass ich einen Gang zurückschalten soll.

Das ist doch die gute Nachricht: Ich darf wieder ohne schlechtes Gewissen faul sein. Ich habe es mir verdient.

Wie es mit Michael Klotzbiers Marathon-Vorhaben weitergeht, lesen Sie in regelmäßigen Abständen auf SPIEGEL ONLINE und auf Michas Abnehm-Blog bei achim-achilles.de.

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