Psychiatrie und Psychotherapie: Schwerkranke werden schlechter versorgt

Von Jana Hauschild

Das Budget für psychisch Schwerkranke schrumpft zugunsten weniger belasteter Menschen wie Burnout-Patienten. Experten warnen vor der Entwicklung einer Zweiklassenpsychiatrie - und dem Entgeltsystem der Kassen.

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Psychotherapeutische Sitzung: Schwere Erkrankungen sind nicht erwünscht

Immer mehr Burnout-Kliniken entstehen in Deutschland, Menschen mit leichten und mittelschweren Problemen finden dort Hilfe. Die Krankenkassen zahlen oftmals bereitwillig. Gelder, die an anderer Stelle fehlen, wie Psychiater-Verbände beklagen.

"Insbesondere Menschen mit chronischen und schweren psychischen Erkrankungen sind benachteiligt", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) Wolfgang Maier. Sowohl ambulant als auch stationär würde deren Behandlungsbedarf nicht genügend berücksichtigt, betonte er auf dem DGPPN-Hauptstadtsymposium in Berlin. Grund dafür sei häufig die schlechte Vergütung.

Rund 45 Euro pro Quartal erhält ein niedergelassener Psychiater für die Betreuung eines Patienten mit Schizophrenie, rechnet Maier vor. Darin enthalten: ein Gespräch und eine Pauschale für den Patienten. Behandelt er hingegen einen Patienten mit einer Psychotherapie, die vorwiegend bei leicht oder mittelschwer Erkrankten zum Einsatz kommt, bezahlen die Krankenkassen bis zu 90 Euro pro Therapiestunde. "Das setzt falsche Anreize", sagt Maier. Die Psychotherapeuten seien nicht über-, sondern die Gesprächszeit beim Psychiater deutlich unterbezahlt.

Schwerkranke sind nicht lukrativ

Viele Psychiater behandeln inzwischen bevorzugt leichtere Depressionen oder Lebenskrisen als Psychotherapeuten, von ihrem Schwerpunkt - der Therapie Schwerstkranker mit etwa einer Schizophrenie oder einer bipolaren Störung - wenden sie sich ab. Der Psychiater Karl H. Beine vom deutschen Chefarzt-Arbeitskreis der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie an Allgemeinkrankenhäusern (ACKPA) berichtet gar von mitgehörten Gesprächen darüber, "welche Erkrankung lukrativer ist".

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Psychiatrie: Schwerkranke nicht erwünscht
Daneben könnten auch Psychotherapeuten schwerkranke Patienten behandeln - allerdings werden die passenden Angebote bisher nicht von den Kassen erstattet. Eine Psychotherapie nach den bundesweit geltenden Richtlinien , an denen sich die Bezahlung orientiert, setzt voraus, dass die Patienten mindestens 50 Minuten lang mitdenken, verstehen, reflektieren und beim Thema bleiben können. "Viele psychisch Schwerkranke haben diese Ressourcen nicht, sie benötigen kürzere und dafür häufigere Sitzungen mit anderen Inhalten", sagt Maier. So sei es sinnvoll, mit den Betroffenen Fertigkeiten zu üben, die sie wieder in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt integrieren.

"Tatsächlich finden wir bei den niedergelassenen Psychotherapeuten so gut wie keine Patienten mit Suchtproblemen, Demenz oder Psychosen", sagt Iris Hauth, Leiterin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin. Menschen mit solch schweren psychischen Erkrankungen kämen in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung einfach nicht an.

Doch auch die Kliniken laufen Gefahr, in eine Versorgungsschieflage zu geraten, warnt Psychiaterin Hauth. Ab 2015 soll für die Psychiatrie ein neues Entgeltsystem gelten, das dieses Jahr bereits optional eingeführt wird. Die Krankenkassen zahlen demnach Tagespauschalen pro Patient. Bleibt der Patient länger als 14 Tage, kürzen die Kassen diese Pauschale für die weiteren Tage stufenweise - auch wenn der Aufwand für die Therapie gleich bleibt.

"Das kann zu ökonomischen Fehlanreizen führen, so dass Kliniken ihre Patienten immer öfter frühzeitig entlassen, um in ihrem Budget zu bleiben", sagt Hauth. Nach so kurzer Zeit seien viele allerdings noch nicht stabil genug, um ambulant betreut zu werden. Ein Rückfall und damit ein erneuter Klinikaufenthalt könne die Folge sein.

Die DGPPN hat zusammen mit anderen Ärzteverbänden und Betroffenen-Organisationen vergangenes Jahr ihre Sorgen beim Bundesministerium für Gesundheit vorgetragen - ohne Erfolg. "Das Gesetz wurde trotzdem durch den Bundestag verabschiedet. Unsere Argumente sind einfach nicht gehört worden", sagt Hauth.

Lieber Lebenskrise als Schizophrenie

Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz warnt vor einer Spaltung in eine Zweiklassengesellschaft innerhalb der Kliniken. Auf der einen Seite stünden viele Patienten der Psychosomatik, unter vorgehaltener Hand auch als "Psychiatrie Light" betitelt, auf der anderen die der Psychiatrie.

"Während in psychosomatischen Kliniken gerne auch mal gut situierte Patienten mit Lebensproblemen Hilfe finden, befinden sich die psychisch Schwerkranken in der Psychiatrie", beklagt er. Manche psychosomatische Klinik werbe in Stellenausschreibungen für Ärzte sogar damit, dass es dort keine psychiatrischen Patienten gebe.

Während die Psychiatrie in den vergangenen 20 Jahren etwa die Hälfte ihrer Betten abgebaut hat, bauen die psychosomatischen Kliniken ihr Kontingent an Behandlungsplätzen kontinuierlich aus. Sie sind zudem nicht von dem neuen Entgeltsystem betroffen.

Unabhängig davon haben Patienten in psychosomatischen Einrichtungen jetzt schon mehr Zeit zu genesen. "Wer mit einer Depression in eine Psychiatrie kommt, wird im Durchschnitt nach 24 Tagen entlassen", sagt Hauth. "Patienten mit der gleichen Problematik verweilen in psychosomatischen Kliniken hingegen rund 40 Tage." Wer dorthin eingewiesen wird, hat Glück.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Zynisch
volker_morales 26.06.2013
Zitat von sysopDas Budget für psychisch Schwerkranke schrumpft zugunsten weniger belasteter Menschen wie Burnout-Patienten. Experten warnen vor der Entwicklung einer Zweiklassenpsychiatrie - und dem Entgeltsystem der Kassen. Experten warnen vor psychiatrischer Unterversorgung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/experten-warnen-vor-psychiatrischer-unterversorgung-a-907685.html)
Der eigentlich teuere Kostentreiber ist der Drehtüreffekt. Infolge der Budgetierung werden die Erkrankten nur solange stationär behandelt, wie sie als akut selbst- oder fremdgefährdend eingestuft werden. Eine längerfristige Stabilisierung unterbleibt. Und nicht selten befinden sich die Betroffenen nur wenige Wochen später wieder in der nächsten aktuten Phase, bei der dann medizinisch wieder neu begonnen werden muss. Formal betrachtet sinkt so zwar die Behandlungszeit pro Fall, unterm Strich erhöht sich der medizinische Betreuungsaufwand jedoch. Zynisch daran ist, dass aus vordergründigen betriebswirtschaftlichen Aspekten, wertvolle Therapiemöglichkeiten geopfert werden, statt die bisherigen Konzepte sinnvoll weiterzuentwickeln.
2. optional
Analogkäse 26.06.2013
Behandeln nach der Methode "welche Erkrankung lukrativer ist" ?! - Wenn solch eine Denke bei Ärzten endgültig angekommen ist, dann ist auch letztlich dieser geldgierigen Gesellschaft insgesamt nicht mehr zu helfen!
3. Ärzte - geldgeil statt idealistisch
Vermalia 26.06.2013
Zitat von sysopDas Budget für psychisch Schwerkranke schrumpft zugunsten weniger belasteter Menschen wie Burnout-Patienten. Experten warnen vor der Entwicklung einer Zweiklassenpsychiatrie - und dem Entgeltsystem der Kassen. Experten warnen vor psychiatrischer Unterversorgung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/experten-warnen-vor-psychiatrischer-unterversorgung-a-907685.html)
Leider bestätigt das die Erfahrung, die ich generell inzwischen mit Ärzten mache: Die Kompetenz vieler Ärzte ist inzwischen sehr fragwürdig, aber ihre wirtschaftliche Tüchtigkeit dafür überwältigend. Nach Idealen fragt man da wohl besser nicht mehr.... Der Zustand der deutschen Psychiatrie ist überwiegend traurig, seit 30 Jahren hat sich da wohl kaum etwas verbessert, die Menschen werden entmündigt und statt Hilfe bekommen sie Medikamente. Paradiesische Zustände für die Pharmaindustrie aber ein Alptraum für viele Betroffene. Es wäre wohl angemessen, "Patienten" mit "Burnout" in einen langen Urlaub zu schicken und dafür tatsächlich psychisch Kranken zu therapieren, statt aufzubewahren. Und...endlich ein einheitliches (angemessen gutes) staatliches Gehalt für Ärzte einzuführen.
4. Wie krank, willkürlich und irrational
Deify 26.06.2013
ist eigentlich unser "Gesundheitssystem"?? Was für unbedarfte Leute (Bahr, Lauterbach, Lindner), die weiter nichs im Kopf haben als Preise, erfinden die Gesetze? Keine Logik, keine Rationalität, nur Willkür und Dummmheit, so scheint es mir. Sowohl den Patienten als auch den Ärzten gegenüber. Dass die dann nur noch daran denken, wie sie am besten zurecht kommen, liegt auf der Hand. Weshalb wird nicht danach abgerechnet, was wirklich geleistet wird? Pro Person und Fall, wobei bestenfalls darüber nachgedacht werden kann, was jede Leistung wert ist; da erscheint mir vieles in Schieflage. Und jede Rechnung ist vom Patienten abzuzeichnen. Vertrauen ist gut.. Alles wirklich Wichtige wird nicht erstattet: Brillen, vernünftiger Zahnersatz, Früherkennung u.v.a.m. Ein Beispiel: Nach Prostatektomie ist zur Rekonvalenszenz ein Potenzmittel indiziert, weil sonst Atrophie entsteht. Diese Mittel sind privat zu bezahlen, da angeblich ein Lifestyle-Medikament, was aber nicht jedem finanziell möglich und in diesem Fall auch nicht zutreffend ist; das ist für mich schon unterlassene Hilfeleistung. Des Weteren die unsägliche Debatte über PSA-Untersuchungen... es würde zu weit führen hier. Und noch etwas: Nach meiner Auffassung werden immer wieder seelische und psychiatrische Themen in einen Topf geworfen. Schizophrenie z. B. und endogene Depressionen sind grundverschiedenen Ursprungs; deshalb haben so viele Leute Hemmungen, sich an einen Therapeuten zu wenden oder darüber zu sprechen, weil die meisten sofort an Geisteskrankheit denken, die sie "natürlich nicht haben." Haben sie ja auch nicht.
5.
ppaule67 26.06.2013
Zitat von sysopImmer mehr Burnout-Kliniken entstehen in Deutschland, Menschen mit leichten und mittelschweren Problemen finden dort Hilfe. Die Krankenkassen zahlen oftmals bereitwillig. Gelder, die an anderer Stelle fehlen, wie Psychiater-Verbände beklagen. Experten warnen vor psychiatrischer Unterversorgung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/experten-warnen-vor-psychiatrischer-unterversorgung-a-907685.html)
Kan ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß in einer Privatklinik die Zahl der Patienten zu annähernd 75% aus Lehrern und anderen Beamten zwischen dem 50 und 59 Lebensjahr besteht, die sich dort wegen Burn-out behandeln lassen. Es handelte sich hier zum überwiegenden Teil um Haupt- und Realschullehrer und Beamten, die in einem Angestelltenverhältnis bei gleichem Einkommen überhaupt nicht in den Genuß einer Privaten (=Beamten + Beihilfe) Krankenversicherung und dem damit verbundenen Aufenthalt in einer Privatklinik (= 4 Sterne Hotel mit Psychologischer Betreuung) gekommen wären. Von Ärzten erfuhr ich, daß "Burn-out" bei Lehrkräften und anderen Beamten ab einem bestimmten Alter + Besoldungsstufe eine beliebte Methode wäre um in den sicheren Genuß einer vorzeitigen Pensionierung zu kommen.
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  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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