Wüstendurchquerer Bruno Baumann "Stillstand heißt Tod"

Bruno Baumann hat den Himalaja bestiegen und als erster Mensch die Wüste Gobi im Alleingang durchquert. Im Interview spricht der Abenteurer von der lähmenden Angst, dem Verdursten und dem Nahtod auf dem Gipfel.

Bruno Baumann

ZUR PERSON
  • Bruno Baumann
    Bruno Baumann, geboren 1955 in der Steiermark, ist ein österreichischer Forschungsreisender, Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Vortragsredner. Baumann durchquerte 2003 als erster Mensch im Alleingang die rund 500 Kilometer durch die Wüste Gobi. Der renommierte Wüsten- und Himalaja-Experte studierte Ethnologie und Geschichte und wohnt in München.
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SPIEGEL ONLINE: Herr Baumann, warum wollten Sie allein durch die Wüste Gobi laufen?

Baumann: Ganz banal - aus sportlichem Ehrgeiz. Es war aber nicht so, dass ich aus dem Sandkasten in die Wüste marschiert bin. Das wäre Selbstmord gewesen. Mein Alleingang war die Quintessenz aus 20 Jahren Wüstenerfahrung. Ich habe gespürt, dass ich mehr Potenzial habe. Einmal in meinem Leben wollte ich eine objektive Grenze überschreiten und meine wahren Möglichkeiten kennenlernen.

SPIEGEL ONLINE: Beim ersten Marsch wären Sie fast verdurstet.

Baumann: Auf der gesamten Tour gab es nur einen Punkt, an dem ich hätte zurückkehren können. Es gibt da einen Mann, der mit seiner Frau mitten in der Wüste lebt und einen vier Meter tiefen Brunnen gegraben hat. Mein Leben hing von dieser einen Wasserstelle ab, die ich völlig dehydriert, mit aufgeplatzten Lippen erreichte. Ich konnte gerade noch das chinesische Wort für Wasser lallen. Verdursten ist eine peinigende Angelegenheit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gescheitert, haben aber sieben Jahre später noch einmal versucht, die 500 Kilometer zu bewältigen.

Baumann: Das Scheitern war die wichtigste Erfahrung. Da habe ich am meisten gelernt. Aber in unser Gesellschaft wird Scheitern meist nur als Versagen bewertet. Dabei kann man aus jeder Niederlage etwas Positives herausfiltern.

SPIEGEL ONLINE: Was hatten Sie beim ersten Mal falsch gemacht?

Baumann: In der Wüste ist jeder Gang ein Wettlauf zur nächsten Wasserstelle. Du dehydrierst in jeder Sekunde, mit jedem Atemzug. Egal ob du sitzt, stehst oder schläfst. Stillstand heißt Tod. Dessen war ich mir in dieser Konsequenz nicht bewusst.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihnen die Wüstenerfahrung gebracht?

Baumann: Ich lebe mit weniger Ängsten und mehr Freiheit. Ich bin geistesgegenwärtiger - also im Wissen dessen, dass die Zukunft durch die Gegenwart begründet wird und nicht umgekehrt. Unsere Krankheit ist die ständige Disharmonie mit der Zeit: Wir wollen immer weiter sein als wir sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber man braucht doch Ziele.

Baumann: Nicht in der Aktion. Da zählt nur die Qualität des nächsten Schrittes, da muss die Vision zurücktreten. Wenn es nicht gelingt, in diesen Flow zu kommen, ist es ein Leidensweg.

SPIEGEL ONLINE: Warum muss man überhaupt an seine Grenzen gehen?

Baumann: Das ist das Entscheidende: Man muss nicht. Man wird eh an seine Grenzen geführt, durch Krankheit, Schicksalsschläge, Tod. Aber ich wollte vorbereitet sein. Es geht um den Mut, seine Ideen, Visionen und Träume zu verwirklichen. Nicht immer zu sagen: Das kann ich nicht, das traue ich mir nicht zu.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen doch nicht etwa jedem raten, auch in die Wüste zu gehen.

Baumann: Nein, jeder sucht sich seine eigene Wüste. Aber es ist heilsam, einmal in seinem Leben sein wahres Potenzial ausgeschöpft zu haben. Die Wüstenerfahrung ist wie ein tröstender Freund. Wenn mich ein Schicksalsschlag ereilt, gehe ich in die Erfahrung hinein und die Relationspyramide verändert sich.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Umgang mit Angst verändert?

Baumann: Ich habe am eigenen Leib erfahren: Angst lähmt. Wenn du in der Wüste Angst hast, stirbst du. Es gab oft Situationen in der Wüste, in denen der Kopf dir nichts nützt. Der sagt: Du verdurstest. Aber du läufst weiter, gesteuert von der Intuition. Diese emotionale Intelligenz ist eine Quelle, aus der wir viel zu wenig schöpfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auch begeisterter Bergsteiger. Wie ist das Gefühl, einen Gipfel zu erklimmen?

Baumann: Die Todeszone im Himalaja war extrem verlockend. Ich habe lange gerätselt, warum zum Teil Spitzenbergsteiger auf einen Achttausender steigen und dann dort oben verharren, bis sie erfrieren und sterben. Erst als ich selber oben war, habe ich es begriffen.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Baumann: Du sitzt da oben, alle Körperfunktionen sind heruntergefahren und plötzlich geht der Vorhang zwischen Leben und Tod auf. Ich hatte das Gefühl, ich würde hier am liebsten einfach sitzenbleiben …

SPIEGEL ONLINE: ... und sterben?

Baumann: Ja, man schläft ein. Es ist angenehm, wie eine Droge. Man muss bewusst Aktionen setzen, um ins Leben zurückzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen da oben, haben den Gipfel erklommen und erfahren buchstäblich das höchste Glück …

Baumann: … und wenn man sich darauf einlässt, stirbt man glücklich. Man träumt hinüber.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten sich gegen das Glück und für das Leben entscheiden?

Baumann: Richtig. Deswegen sage ich: Sterben ist rezeptiv, ein Annehmen. Um am Leben zu bleiben, muss man aktiv werden. Kurzum: Die Angst vor dem Tod ist verschwunden. Die Tür ging auf, und der Tod war nicht erschreckend, sondern verlockend.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 6 Beiträge
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hansvonderwelt 20.06.2014
1. Der Tod verlockend !?
Habe 1973 die Sahara durchquert,von Tunesien-Togo,alleine per Autostop,saß manchmal in Oasen fest.Was soll´s!Die Nächte unterm Sternenhimmel,die Kälte der Nächte,die Einsamkeit,WASSER ZUM TRINKEN,altes Brot,eine kalte Gulaschkonserve,das Bier in Zinder.Bilanz : die Realtionspyramide,dieses Wort trifft den Punkt !Schade,heute sind viele Pisten Autostraßen,Rebellengruppen sind eine Gefahr,dito Menschenschmuggler uw.
zufriedener_single 20.06.2014
2. Klasse Interview
Unsere weichgespülte Gesellschaft wird es eines Tages versammt hart treffen. Schön, daß es Leute wie ihn gibt (oder den Höhlenforscher inkl. der Megarettung aus dem Riesending), die die Grenzen ausloten.
tzoumaz 20.06.2014
3. Baumann und Westhauser
Baumann durchquert die Gobi und besteigt 8000er. Respekt! Aber er flirtet auch dabei mit seinem Tod. Respekt! Solange er nie seine evtl. Retter moralisch zwingt, ebenfalls mit dem Tod zu flirten.
ge1234 20.06.2014
4. Im Ernst?
Den Himalaya bestiegen? Den ganzen? Ansonsten das übliche bla bla bla, Das Interview liest sich wie eine Aneinanderreihung von Zitaten nach ähnlichen Unternehmungen alà "Allein auf den Everest", "Allein durch die Arktis", "Allein über den Pazifik" "Alleine aufs Klo" etc. Jedesmal werden die selben Grenzen neu Grenzen überwunden, längst bekannte Potentiale entdeckt und das Bewußtsein neu definiert. Typisch jedesmal die Erkenntnis: "Das Scheitern war die wichtigste Erfahrung", wenn man es nicht geschafft hat. Mittlerweile langweilen derartige Unternehmungen nur noch. Übrigens: Reinhold Messner ist schon vor 10 Jahren durch die Wüste Gobi gelatscht. Seine Erfahrungen? s.o..
seriphos02 20.06.2014
5. nunja ...
Zitat von ge1234Den Himalaya bestiegen? Den ganzen? Ansonsten das übliche bla bla bla, Das Interview liest sich wie eine Aneinanderreihung von Zitaten nach ähnlichen Unternehmungen alà "Allein auf den Everest", "Allein durch die Arktis", "Allein über den Pazifik" "Alleine aufs Klo" etc. Jedesmal werden die selben Grenzen neu Grenzen überwunden, längst bekannte Potentiale entdeckt und das Bewußtsein neu definiert. Typisch jedesmal die Erkenntnis: "Das Scheitern war die wichtigste Erfahrung", wenn man es nicht geschafft hat. Mittlerweile langweilen derartige Unternehmungen nur noch. Übrigens: Reinhold Messner ist schon vor 10 Jahren durch die Wüste Gobi gelatscht. Seine Erfahrungen? s.o..
... es hat auch niemand behauptet, dass Sie das immer wieder von neuem lesen müssen. die inflationären reisebeschreibungen (mit der dampfwalze durch afrika o.ä.) nerven mich genauso, also verzichte ich darauf. selbst ausprobieren ist der punkt. da ist der mann doch ganz realistisch.
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