Sicherheit im Straßenverkehr Was für und gegen Fahrradhelme spricht

Schützt ein Helm beim Radfahren? Welche Folgen hätte eine Helmpflicht in Deutschland? Acht Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Sicherheit im Straßenverkehr.

Radfahrer mit Helm: Guter Schutz vor Unfällen oder überflüssig?
Corbis

Radfahrer mit Helm: Guter Schutz vor Unfällen oder überflüssig?

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1. Wenn eine Helmpflicht der Gesellschaft mehr schadet als nützt - bin ich dann ohne Helm genauso sicher unterwegs wie mit?

"Es ist klar, dass ein Helm schützt, wenn man auf den Kopf fällt", sagt Michael Meschik, Verkehrsforscher an der Universität für Bodenkultur Wien. Bei bestimmten, allerdings auch selteneren Stürzen kann ein Helm jedoch auch schaden, weil er den Kopf stärker belastet. Das Unfallrisiko beim Radeln ist jedoch insgesamt gesehen gering - egal ob mit oder ohne Helm. Pro eine Million Personenkilometer kommt es in Deutschland zu 2,3 Unfällen, pro 100 Millionen Personenkilometer zu 1,25 tödlichen Unfällen. Übrigens: Wenn Sie mit Helm riskanter fahren als ohne, weil sie sich sicherer fühlen, kann der Kopfschutz ihr Unfall- und Verletzungsrisiko erhöhen. Psychologen nennen dieses Phänomen Risikokompensation.

2. Wissenschaftler wie Gernot Sieg, der die Folgen der Helmpflicht untersucht hat, lehnen eine Helmpflicht ab. Aber raten sie deshalb auch vom Helm ab?

Nein, nicht unbedingt. Der Tenor ist: Jeder soll das für sich selbst entscheiden. "Fahrradfahren ohne Helm ist nicht per se unvernünftig", sagt Gernot Sieg, Verkehrsforscher an der Universität Münster. Er macht es von den konkreten Umständen abhängig, ob er einen Helm trägt oder nicht. Ist er schnell unterwegs oder gemütlich? Wie sicher ist Radeln in dem jeweiligen Ort insgesamt? "Radfahrer sind in der Lage, diese Entscheidung zu treffen", sagt Sieg. "Da muss kein Staat kommen und sagen: Du musst einen Helm tragen."

3. Bei einer Mountainbike-Tour trage ich immer einen Helm - bei der Fahrt zum Bäcker um die Ecke aber nicht. Ist das nicht inkonsequent?

Es ist auf jeden Fall vernünftig, bei risikoreichen Fahrten einen Helm aufzusetzen. Aber auch bei der Tour zum Bäcker kann man schwer stürzen. Das Risiko dürfte zwar deutlich geringer sein als bei einer halsbrecherischen Schussfahrt durchs Gelände - aber es ist da.

4. Ich fahre selbst ohne Helm, meine Kinder müssen aber immer einen aufsetzen. Müsste ich nicht ein gutes Vorbild sein?

Gute Vorbilder sind wichtig. Wenn Sie aber lieber ohne Helm fahren, können Sie das auch weiterhin tun. Sie sollten Ihrem Nachwuchs aber erklären, warum zumindest Kinder einen Helm tragen sollten. Heranwachsende beherrschen das Rad noch nicht so gut wie ein Erwachsener, die Sturzgefahr ist dadurch höher - und deshalb ist ein Helm durchaus angebracht.

5. Die Argumente gegen eine Helmpflicht erinnern mich an die Argumente gegen eine Gurtpflicht im Auto. Angurten schützt, der Helm auch, beides sollte daher Pflicht sein, oder?

Es gibt viele Parallelen bei Gurt- und Helmpflicht - aber auch einen wichtigen Unterschied. Eine Helmpflicht hat wahrscheinlich negative Nebenwirkungen, so legen es zumindest Studien nahe. Es würden wahrscheinlich weniger Menschen radeln, dadurch gäbe es mehr Herz- und Kreislauferkrankungen, weil die Bewegung fehlt. Derartige Nebenwirkungen gibt es bei der Gurtpflicht nicht. Wer den Gurt nicht mag, wird eher nicht aufs Autofahren verzichten. Er ändert sein Verhalten also kaum - und falls doch, steigt er vielleicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel um, was das Unfallrisiko sogar minimal senkt.

6. Ist eine Kosten-Nutzen-Berechnung der Helmpflicht überhaupt sinnvoll? Die Folgen einer solchen Maßnahme lassen sich doch kaum vorhersehen.

Die Wissenschaftler kennen die Unsicherheiten ihrer Berechnungen - aber es ist allemal besser, das Ganze möglichst präzise zu analysieren, als sich auf das Bauchgefühl zu verlassen. Der Wiener Forscher Michael Meschik hält die neue Studie zu den Folgen einer Helmpflicht in Deutschland für "eine gute Zusammenstellung der Pro- und Contra-Argumente zum Thema Radhelm". Wenn man die Annahmen ändere, könne das Nutzen-Kosten-Verhältnis aber durchaus auch ins Positive kippen. Dann würde sich die Helmpflicht rechnen. Christian Juhra, Unfallchirurg aus Münster, sieht die Untersuchung mit einer gewissen Skepsis: "Gernot Sieg muss für seine Berechnungen eine Reihe von Annahmen machen, über die sich sicherlich auch streiten lässt."

7. Sind die Statistiken über Radfahren und Fahrradunfälle, mit denen immer wieder argumentiert wird, überhaupt aussagekräftig genug?

Die Datenlage könnte in der Tat besser sein. Beispielsweise wird bei Unfällen in Deutschland nicht zwingend erfasst, ob ein beteiligter Radfahrer einen Helm aufhatte. Der Unfallchirurg Christian Juhra aus Münster weiß auch von anderen Problemen der Statistik wie dem sogenannten Dunkelfeld. Das sind schwere Unfälle mit stationärer Behandlung, die nicht als Fahrradunfall in der Statistik auftauchen, weil diese falsch oder nicht erfasst wurden. "Die tatsächliche Anzahl der Schädel-Hirn-Traumen könnte damit auch über den von Herrn Sieg verwendeten Werten liegen." Ähnlich sei es bei der Anzahl von verunglückten Radfahrern, die aufgrund eines Helmes unverletzt bleiben und daher in keiner Studie erfasst werden. "Der Schutzeffekt des Helms kann dadurch unterschätzt werden", meint Juhra.

8. Darf man Unfallopfer, die keinen Helm tragen, mit Menschen gleichsetzen, die mangels Bewegung einen Herzinfarkt bekommen? In der Helmpflichtstudie wird genau das gemacht.

Die WHO hat berechnet, welche Kosten ein leichter, ein schwerer und ein tödlicher Unfall haben. Für Westeuropa liegen diese Werte bei 16.000, 205.000 und 1,574 Millionen Euro. Das sind Mittelwerte, im Einzelfall kann eine schwere Verletzung auch deutlich teurer sein als 205.000 Euro. Ob ein Mensch bei einem Unfall oder durch einen Herzinfarkt stirbt, macht für die Gesellschaft keinen Unterschied. Daher rechnen Wissenschaftler wie Gernot Sieg oder Michael Meschik Unfallopfer und Herzinfarktpatienten gegeneinander auf. Der monetäre Wert des Lebens ist in beiden Fällen gleich. Es macht auch keinen Unterschied, wie alt Betroffene sind, die Kosten sind immer gleich hoch.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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strixaluco 17.04.2014
1. Sinnvoll, aber Pflicht muss nicht sein
Beim Radfahren trage ich immer einen Helm, und ich nehme an, dass mir dieser schon mindestens einmal eine böse Platzwunde erspart hat - da ich mit dem Schrecken und ein paar unerheblichen blauen Flecken davon kam, taucht das natürlich in keiner Statistik auf! Mir ist auch schon mal jemand begegnet, der erst nach einem schweren Unfall zum Helmträger wurde und es schwer bereut, nicht vorher einer geworden zu sein. So gesehen: Der Helm ist, denke ich, vernünftig, aber das Argument, dass gar nicht radeln mehr schadet als ohne Helm, zählt sicher, also sollte man auf die Pflicht wohl verzichten.
jandokar 17.04.2014
2. Egal wohin man schaut
der wahre Wert ist nur der monetäre; alles andere zählt (!) nichts mehr in dieser Welt.
karsten.burger 17.04.2014
3. mit Helm eventuell auch riskanter
Ein Bekannter von mir (ca 50 Jahre, sportlich) war ein Fahrrad-Sicherheitsfanatiker: immer die beste Ausrüstung und natürlich ein super Helm. Vor kurzem ist er bei einem Radunfall gestorben, auf einem Feldweg vermutlich in der Kurve ausgerutscht. Dabei ist er wohl so unglücklich gestürzt, dass der Nacken gebrochen ist. Hier war vermutlich der Helm schuld! Ich finde, auch über solche (eventuell seltene) Fälle, sollte diskutiert werden.
pumpernickl1811 17.04.2014
4. Einiige Anmerkungen
Der tödliche Unfall ist ja wohl kaum der teuerste oder? Schwerverletzt mit langfristigen Schäden würde wohl eher den Kosten von 1,5 Mio entsprechen. Das Risiko ist auch nicht der Radfahrer selbst, sondern vor allem die Autofahrer. Insofern ist es unerheblich, ob ich als Radfahrer langsam fahre oder nicht. Wenn mich ein Auto mit 60 km/h erfasst hätte ich wohl besser einen Helm getragen, wenn es da überhaupt noch was zu retten gibt. Irgendwie lässt mich Ihr Artikel unzufrieden zurück.
hotte.am.weiher 17.04.2014
5. Helmpflicht für Radfahrer
Helm ist nicht gleich Helm! Warum wird eigentlich nie die Frage gestellt, wie ein Helm gebaut sein muß, damit er in jeder Fallsituation Schutz gewährt? Wenn ich im Sturz mit dem Kinn auf dem Randstein aufschlage, dann nutzt mir die bisher übliche Bauweise der Helme gar nichts. Also sollte man Helme tragen wie die "vollschützenden" Dinger der Motorradfahrer. Den Radfahrer möchte ich allerdings mal sehen, der in bergigem Gelände mit so einer "Schädel-Burka" seine Genußtour unternimmt.
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