Speis und Zank Gräten-Alarm!

Lieber praktische Fischstäbchen als eine ganze, grätige Forelle: In einer Welt aus Analogkäse und Mango-Espuma ist das Künstliche zum Normalem geworden. Und das Normale? Wird zum Problem - oder wenigstens zur Kuriosität.

Lieber Fischfilet als ein Fisch im Ganzen - und mit Gräten: Manche Speisen sind uns schlicht zu umständlich geworden
Corbis

Lieber Fischfilet als ein Fisch im Ganzen - und mit Gräten: Manche Speisen sind uns schlicht zu umständlich geworden

Eine Kolumne von Jan Spielhagen


Die Hiobsbotschaft trifft die Kunden an der Kasse des Hamburger Fischhändlers wie die Fluke eines Pottwals. "Wir müssen Sie darauf hinweisen, dass der Fisch Gräten enthalten könnte." Wumms! Was für ein Skandal! Da sind Gräten im Fisch. Echte Gräten. Lange, kurze, gerade, krumme, sogar Mittelgräten. Das muss man sich mal vorstellen. Wir haben 2012, und im Fisch sind Gräten. Nach BSE, Vogelgrippe und Gammelfleisch hat Deutschland seinen nächsten knochenharten Lebensmittelskandal.

Die Welt dreht sich, die der Lebensmittel verdreht sich. Auf das Normale und Natürliche wird hingewiesen wie auf eine Gefahr, während das Unnormale und Künstliche als Selbstverständlichkeit hingenommen wird.

Wir kaufen Kirschjoghurt ohne Kirschen. In Schinkenform gepresstes Fleisch. Instant-Fonds, deren Zutatenliste sich wie der Waschzettel einer Herpes-Salbe liest. Schokoladeneier, die Spielzeug beherbergen. Bärchenwurst. Und die berühmte braune Brause, um deren geheime Rezeptur vor allem aus einem Grund so ein Gewese gemacht wird: Damit wir nie ganz genau erfahren, was alles in ihr steckt (eine Strategie, mit der es der Konzern übrigens zur wertvollsten Marke der Welt geschafft hat). All das wird konsumentenfreundlich konfektioniert, bunt verpackt und mit Hilfe von mächtigen Marketingetats beworben.

Ein richtiger Fisch - wie unpraktisch!

Da hat es so ein oller, toter Fisch natürlich schwer. Nicht nur wegen seiner Gräten. Schon die Form ist doof. Zu realistisch. So eine Forelle am Fischstand sieht ja haargenau so aus wie ihre lustige Schwester aus dem klaren Bächlein in den Sommerferien. Dazu dieser schmierige Schleimfilm auf der schimmernden Haut. Und dann die Augen, glotzen einen immer so an und wollen selbst dann nicht zufallen, wenn der Fisch gar und blau angelaufen ist.

Nicht zu vergessen der offene Bauch, in dem mal echte Innereien gesteckt haben. Und wenn das glibberige Tier dann endlich essfertig auf dem Teller liegt, muss man es nach der Hälfte auch noch wenden. Wie unpraktisch! Ein mit Fischmesser und Gabel kaum zu bewältigendes Kunststück, bei dem grundsätzlich mindestens eine Petersilienkartoffel auf dem Tischtuch landet. Aber wer benutzt schon noch Fischbesteck?

Stellen wir uns die Schuldfrage. Wer ist eigentlich verantwortlich für diese Verkehrung des Normalen zum Unnormalen? Die Industrie, die uns all die neuen artifiziellen Produkte so bereitwillig und mundgerecht anbietet? Oder wir?

Dusselige Konsumenten, die völlig unbedacht eine einzigartige Kultur des Essens und Genießens und eine jahrhundertealte Tradition des Kochens eintauschen gegen die bunten Glasperlen aus den Forschungslabors der Lebensmittelindustrie. Quaderförmige Fischstäbchen mit einem Hauch von Seelachs statt lustiger Forelle.

Wenn das so weiter geht, werden noch ganz andere Warnhinweise in Zukunft nötig sein. Nicht nur: Vorsicht, Fisch hat Gräte! Sondern auch: Achtung, Kunde ohne Rückgrat!



insgesamt 32 Beiträge
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murphy83 16.07.2012
1. Woher soll die Wertschätzung des Essens auch kommen?
Woher soll der heute Nachwuchs denn auch das unnatürliche vom natürlichen unterscheiden können - er kennt es doch gerade in Sachen Essen längst nicht mehr. Verarbeitung und Zubereitung von Naturprodukten? Wie geht denn das überhaupt? Viele jungen Menschen verzweifeln doch heute schon an so simplen Dingen wie Kartoffel-Schälen und Kräuter hacken... Da ist meines Erachtens die Schule wieder mehr gefordert - Kochunterricht hat noch keinem geschadet - ich selbst bringe mir die Sache als Single mittlerweile selbst bei, denn ich habe keine Lust mehr auf E-Nummern-Salat. Mühselig muss ich sagen - die Schule sollte uns doch aber auf das Leben vorbereiten ...
nimue11 16.07.2012
2. Ich stimme Ihnen rückrat- o Gott, nein - rückhaltlos zu!
Aber mal ehrlich... So 'ne richtige Freude ist es nicht, wenn man den Hecht erst 20 Mal im Mund wenden muss, weil er so mickrige Grätchen hat, die man sonst verschlucken könnte. Was man dann schlussendlich runterkriegt, ist nicht mehr so wirklich appetitlich.
mcvit 16.07.2012
3. Düsteres Bild
Da wird mal wieder ein düsteres Bild gezeichnet. Ich glaube jeder, der sich mit seinem Essen auseinandersetzt, ist froh, wenn er eine frisch zubereitete Mahlzeit erhält oder sich zubereiten kann. Oft ist es einfach der Mangel an Zeit, der einen zwingt zu Fertigprodukten zu greifen. Gefährlich wird es nur, wenn Kinder mit Fertigprodukten großgezogen werden. Bis ich die selbstgemachten Maultaschen meiner Mutter wertzuschätzen gelernt hatte, sind schon ein paar Jahre ins Land gegangen :D.
Pookaa 16.07.2012
4. Mangel an Zeit?
Ist aber eine schlechte Ausrede. Nennen wir es doch lieber Faulheit. Lieber 30 Minuten weniger fern gucken oder vorm PC hängen und dafür essen Zubereiten ;-) Geht alles. Man muss halt nur wissen was einem wichtiger ist. Gesunde Ernährung oder das Wissen wie die nächste Soap weitergeht :)
bafibo 16.07.2012
5. Die Forelle ist ein schlechtes Beispiel
Die Forelle ist ein schlechtes Beispiel, da die Gräten hier absolut vorhersehbar verteilt sind. Wer nur dreimal eine Forelle zerlegt hat, erlebt keine Überraschungen mehr und kann verhindern, daß Gräten mit in den Mund wandern. Andere Fische wie Hecht oder Karpfen sind da viel unangenehmer.
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