Fitnessprodukte Isotonisch, kalorienreich, wirkungslos?

Hersteller bewerben isotonische Getränke, Protein-Shakes und Energieriegel mit allerlei Versprechen. Wissenschaftlich belegt ist der angebliche Nutzen der Hilfsmittel jedoch kaum, berichten Forscher. Die Produkte wirken vor allem auf den Geldbeutel der Sportler.

AFP

Von


Der Power-Riegel soll die Muskeln wachsen lassen und die Regeneration nach dem Training unterstützen. Ein halber Liter isotonische Brühe "rehydriert", was der Körper beim Sport ausgeschwitzt hat. Und für unersättliche Kraftprotze gibt es das Vierkomponenten-Proteinpulver im 750-Gramm-Eimer für unter 30 Euro frei Haus, wahlweise auch in den Geschmacksrichtungen "Cookies & Cream" oder "Lemon".

Die Auswahl an Fitnessprodukten ist enorm. Doch halten die als leistungssteigernd oder regenerierend beworbenen Sportgetränke und Nahrungsmittel auch, was die Hersteller versprechen? Britische Wissenschaftler um Carl Heneghan von der University of Oxford haben versucht, die Frage zu beantworten. Gemeinsam mit der britischen BBC recherchierten sie und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Forschung weiß nicht genug über die von Millionen Sportlern verwendeten Produkte, um etwas über Sinn oder Unsinn sagen zu können, schreibt die Gruppe im "British Medical Journal" (BMJ).

Ärgerlich ist das Ergebnis vor allem für Freizeitsportler, die ihrem Körper mit isotonischen Energydrinks und Energieriegeln Gutes tun wollen und dafür tief in die Tasche greifen müssen.

Wissenschaftliche Belege für die Werbeaussagen? Fehlanzeige!

Für ihre Untersuchung filzten die Forscher die Märzausgaben britischer und US-amerikanischer Magazine auf der Suche nach Werbung für Nahrungsmittel, die entweder eine leistungssteigernde Wirkung oder eine schnellere Regeneration nach dem Training versprachen. Anschließend suchten sie nach wissenschaftlichen Ergebnissen, mit denen die Hersteller ihre Werbeaussagen belegen könnten.

Die Forscher fanden nur wenige Studien, keine der Untersuchungen gehörte der höchsten wissenschaftlichen Qualitätsstufe an. Außerdem hatten Heneghan und seine Kollegen bei der überwiegenden Mehrheit der Studien den Verdacht, dass sie beeinflusst worden sein könnten. Bis auf zwei größere Versuchsreihen hatten die Untersuchungen im Schnitt nur 16 Teilnehmer - deutlich zu wenig, um valide Schlüsse ziehen zu können. Von insgesamt 74 Studien bewerten die britischen Wissenschaftler nur drei als qualitativ hochwertig. Und in diesen drei konnten die untersuchten Produkte ihren Nutzen nicht beweisen.

Heneghan und seine Kollegen fordern nun bessere Daten. Mit dem jetzigen Wissen könnten Verbraucher über Nutzen oder mögliche Gefahren der Produkte nicht beraten werden, schreiben sie.

Dabei schwören viele Sportler auf ein spezielles Getränk oder einen Lieblingsriegel, der ihnen erst ermögliche, die volle Leistung zu bringen. Dafür gibt es durchaus eine Erklärung. Südafrikanische Sportwissenschaftler ließen für eine Studie Wettkampf-Radfahrer gegeneinander antreten. Sagten die Forscher den Fahrern, ihr Getränk enthalte Kohlenhydrate, schnitten die Sportler besser ab als wenn ihnen gesagt wurde, sie würden nur Wasser trinken - tatsächlich bekamen alle nur Wasser. Verkaufen die Hersteller also vor allem den Placeboeffekt?

Vor allem Sportgetränke sind bei Hobbysportlern beliebt

Besonders Sportgetränke halten viele Hobbysportler für unverzichtbar, schreibt BMJ-Autorin Deborah Cohen in einem weiteren Fachartikel. Dabei fehlten für den Nutzen der Getränke die Belege. Zudem stünden Wissenschaftler und Hersteller der Produkte sich häufig näher, als es wünschenswert wäre.

Während noch in den siebziger Jahren erzählt wurde, dass Trinken während eines Marathons den Läufer bremsen könnte, gilt heute das Dogma des Vor-dem-Durst-Trinkens: Noch bevor es in der Kehle brennt, soll man mit isotonischen Getränken gegensteuern. In den letzten Jahrzehnten, so Cohen, hätten Hersteller Wissenschaftler unterstützt, und ein ganzes Forschungsgebiet sei so entstanden, das sich mit der Frage des richtigen Trinkens beim Sport beschäftigt.

Besonders erfolgreich ist jenes Gebräu, das der Arzt Robert Cade an der University of Florida zusammenmischte: Wasser, Salz, Zucker, Kaliumphosphat, das Ganze mit einem Hauch Zitronengeschmack. Unter dem Namen Gatorade wird es bis heute vermarktet. Es soll Dehydrierung, Hitzschlag und Muskelkrämpfe verhindern und die Leistung steigern, so das Versprechen. Gatorade gehört heute zu Pepsi und sponsert seit Jahren wissenschaftliche Einrichtungen, die die Folgen der Dehydrierung auf sportliche Leistungen untersuchen.

Die Anfrage des Fachmagazins mit der Bitte um Belege für die Wirksamkeit ignorierte Gatorade. Lediglich Konkurrent GlaxoSmithKline (GSK), Hersteller des in Deutschland nicht vertriebenen Lucozade, schickte eine Liste mit Studien. Doch obwohl GSK auf mehr als hundert Untersuchungen verwies, kamen die Forscher auch hier zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis: Die Qualität der Studien sei so schlecht, dass die Forscher kein Urteil über die Wirksamkeit des Sportgetränks fällen konnten. Sie empfehlen jedem Sportler eine andere Methode, sich zu orientieren: "trial and error".

insgesamt 103 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pirx64 20.07.2012
1.
Zitat von sysopAFPHersteller bewerben isotonische Getränke, Proteinshakes und Energieriegel mit allerlei Versprechen. Wissenschaftlich belegt ist der angebliche Nutzen der Hilfsmittel jedoch kaum, berichten Forscher. Die Produkte wirken vor allem auf den Geldbeutel der Sportler. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,845253,00.html
Ist doch nur weil es Hipp ist. Wer denkt er braucht so was kann auch ein alkoholfreies Weizenbier trinken (wenn es schmeckt), ist genau so isotonisch, aber billiger (und damit bäh, Gutes MUSS teuer sein).
Pelao 20.07.2012
2. Gatorade wirkt ...
Renn mal bei 40°C im Schatten in der Wüste 'nen Berg rauf ... Gatorade hilft Dir dabei; mit Wasser schwitzt Du enorm und bekommst Probleme ... mit BeLight etc. bleibst Du zitternd auf der Strecke liegen ... Der Nachteil ... die Plauze, die Plauze ... und am Abend brauchst Du ein paar Bier um wieder pieseln zu können ... Mit Gatorade verläßt kein Tropfen Flüssigkeit Deinen Körper ...
hr_schmeiss 20.07.2012
3. ...und so schön bunt...
...und die meisten sind auch noch so knallig bunt. Das finde ich besonders komisch, noch vor einigen Jahren hätte man damit zweifelsfrei auf Farbstoffe und damit auf "böse Chemie" in den Produkten geschlosssen, inzwischen saufen die Leute reinste Textmarker. Wie konnte das passieren?
Martin Franck 20.07.2012
4. Vor mehr als 20 Jahren
hörte ich einmal einen Vortrag zu den isotonischen Getränken. Der einzige Grund warum sie isotonisch sind, ist nicht um den Salzverlust durch Schwitzen auszgleichen, sondern damit sie den Magen möglichst schnell passieren können, um dann zügig im Dünndarm aufgenommen zu werden. Sie nutzen auch nur, wenn man gerade am Ziel angekommen ist, und der Körper all die angelieferte Energie durch die Fettsäuren wieder stoppen soll durch die schnell absorbierbare Glukose.
Turin 20.07.2012
5. Dünne Apfelschorle...
...mit einer Prise Kochsalz löst das Problem auf einfache und kostengünstige Art.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.