Frauen und Klimmzüge Debakel an der Stange

Das US-Militär will vorerst doch keinen Klimmzugtest für angehende Soldatinnen einführen. Tatsächlich haben viele Frauen große Schwierigkeiten mit der Übung. Warum eigentlich?

Und jetzt hoch!: Frauen und Klimmzüge - eine schwierige Geschichte
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Und jetzt hoch!: Frauen und Klimmzüge - eine schwierige Geschichte


Bei den US-Marines wird ein bisschen angepeilte Gleichberechtigung nun doch ausgesetzt: Mindestens drei Klimmzüge sollten Soldaten beim Eignungstest vom Jahreswechsel an schaffen - egal ob Mann oder Frau. Doch die Praxis zeigte, dass 55 Prozent der Soldatinnen an der Untergrenze scheiterten. Bei den Männern war es dagegen nur einer von hundert.

Aber warum versagen Frauen viel häufiger bei der Fitnessprobe? Spielen ähnliche Gründe eine Rolle wie beim Weitwurf, wo Studien zufolge einer der größten physischen Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen besteht?

Einige Ursachen für das Klimmzug-Debakel sind schnell ausgemacht:

  • Die im Durchschnitt schwächer ausgeprägte Muskulatur von Frauen
  • sowie ein höherer Körperfettanteil

gelten als Hauptursachen dafür, dass bei den Klimmzugversuchen der Damen die Schwerkraft die Oberhand behält. Beides zusammen erschwert tatsächlich, sich mit Hilfe von Oberkörpermuskulatur in die Höhe zu hieven und dürfte das verheerende Abschneiden der Soldatinnen zumindest zum Teil erklären.

Bisweilen gilt auch der tiefere Körperschwerpunkt der Frauen als Teil des Problems, doch der dürfte eher nebensächlich sein. Schließlich muss das eigene Körpergewicht so oder so gehoben werden. Wo der Schwerpunkt liegt, ist da Nebensache.

Relevant ist dagegen die Armlänge: Je kürzer der Arm, desto weniger Energie muss jemand insgesamt aufbringen, um sich nach oben zu ziehen. Doch das erschwert Männern und Frauen mit relativ langen Armen gleichermaßen die Übung.

17 US-Amerikanerinnen als Modell für Frauen der ganzen Welt

Eine 2003 publizierte Studie, die durch einen Artikel in der "New York Times" von 2012 bekannt wurde, belegt das grundlegende Versagen der Frauen bei Klimmzügen scheinbar: Sportwissenschaftler der University of Dayton (US-Bundesstaat Ohio) hatten 17 normalgewichtige, junge Frauen zwölf Wochen lang trainiert, die zu Beginn der Studie keinen Klimmzug schafften. Die Frauen legten zwar Muskulatur zu und bauten Körperfett ab - doch am Ende schafften trotzdem nur vier von ihnen einen Klimmzug.

"Wir dachten wirklich, wir könnten jede dazu bringen, einen zu schaffen", sagt Forscher Paul Vanderburgh in der "New York Times", die den Artikel mit "Warum Frauen keine Klimmzüge machen können" betitelte. Auf Basis der Studienergebnisse wäre es präziser gewesen, "Warum drei Viertel der Frauen keine Klimmzüge machen können" als Titel zu wählen, vermutlich klingt das aber nicht so gut.

Nur: Ganz so leicht lässt sich nicht von 17 US-Amerikanerinnen auf mehr als 3,5 Milliarden Frauen auf dieser Welt schließen. Möglicherweise war das Training nicht optimal oder die Übungsphase von zwölf Wochen war schlicht zu kurz. "Als ich noch Kletter-Trainer war, habe ich Männer und Frauen erlebt, die nach einem Jahr keinen Klimmzug geschafft haben, denen es aber später noch gelungen ist", schreibt etwa der Wissenschaftsjournalist Kyle Hill in einer Antwort auf den "New York Times"-Artikel.

Leider haben die Forscher in Dayton auch darauf verzichtet, gleichzeitig 17 Männer zu trainieren, die zu Studienbeginn nicht des Klimmzugs mächtig waren. So wissen wir nicht, wie viele von ihnen nach dem dreimonatigen Kurs erfolgreich das Kinn über die Stange gehoben hätten.

Für Frauen, die die Kunst des Klimmzuges meistern wollen, gilt am Ende das Gleiche wie für Männer: trainieren, trainieren, trainieren - das geht sogar mit Hilfe von Vorturnerinnen im Netz (siehe Video). Und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn jemand behauptet, man würde es nicht schaffen.

wbr



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