Achilles' Verse: Zeitmanager der eigenen Gefühle

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Corbis

Liebe unter Zeitdruck: Sportliche Höchstleistungen sind ohne fixen Trainingsplan nicht zu schaffen

Freizeitsportler sind Beziehungs-Legastheniker. Will die Partnerin romantisch werden, denkt der Athlet an sein Training. Für Wunderläufer Achim Achilles funktioniert die Zweisamkeit nur, wenn knallhart der Terminkalender regiert.

Nach all den Jahren Lauferei kann Mona leider meine Gedanken lesen. Ist ja auch nicht so schwer; sind ja nur drei. Wenn der Läufer läuft, fragt er sich matt: "Wann ist es endlich vorbei?" Läuft der Läufer nicht, was deutlich häufiger vorkommt, dann denkt er sich: "Wann kann ich endlich wieder laufen?"

Ob ich im Supermarkt auf eiweißreiche Hühnerbeine starre, in Sanitäranlagen Elektrolyte in die Kanalisation spüle oder einfach nur eine Treppenstufe sehe, die mir einen Muskelfaserriss einbringen könnte - jede Lebenslage wird auf Sportkompatibilität durchdacht. Ob das Sucht ist? Bestimmt nicht. Denn Gedanke drei lautet: Bier. Daran kann ich einfach so denken, ohne Kontext.

Gerade in Momenten trauter Zweisamkeit führt binäres Läuferdenken, das nur "Müsste mal wieder" und "Kann nicht mehr" kennt, stracks in krisenhafte Missverständnisse. Knabbert Mona an meinem Ohr und säuselt vielversprechende Tiernamen, dann ist es nun mal wenig hilfreich, wenn ich über die 75 Minuten knapp unterhalb des Wettkampftempos sinniere, die ich unbedingt noch am Wochenende unterbringen muss. "Du bist ja gar nicht bei der Sache", mault Mona. Doch, bin ich wohl. Nur nicht bei ihrer. Während sie "Panther" flötet, denke ich an eine schlabbrige Schnecke, also an mich. Oder an Bier. In Hollywood würde man diese Szene wohl als Show-Stopper bezeichnen.

Ich denke nicht, ich schiebe Zahlen durch die Gegend

Meistens denke ich auch gar nicht richtig, sondern rechne. Um genau zu sein, schiebe ich Zahlen durch die Gegend, in Fachkreisen als "Zeit-Management" bekannt. Wenn der Trainingsplan zum Beispiel morgen 90 Minuten Entspannungslauf vorsieht, muss ich eine entsprechend große Lücke in den Tag zwängen. Je eine halbe Stunde früher aufstehen, ins Bett gehen und zwölfmal zweieinhalb Minuten weniger facebooken ergäbe zwar die Zielzeit, aber leider nicht am Stück. Ich schiebe und rechne und quetsche während Mona vom Elternabend berichtet. Ich sage in unverdächtigen Abständen Einfühlsames wie "Ja, natürlich" und "Klar, Schatz" oder "Völlig richtig". Doch plötzlich entgegnet Mona: "Ich weiß genau, was Du denkst." - Das hat sie mir gerade jetzt echt voraus. Ich gucke mal lieber schuldbewusst. "Du denkst, dass es völlig wurscht ist, was ich erzähle." Stimmt gar nicht. Dafür hätte ich ja zuhören müssen.

Nach einer vorwiegend von routiniertem ehelichem Schweigen beherrschten Nacht habe ich meine Zeit endlich gemanagt. Zwischen Kind abliefern und dem lebenswichtigen Meeting in der City, wo ich mit duschnassen Haaren aufzukreuzen gedenke ("war laufen"), um mein Sozialprestige zu heben, liegen exakt 150 Minuten. Bei idealer Verkehrslage, Express-Aufrüschen und ohne unerwartete Telefonate bleiben exakt 90 Minuten.

Das Kind loswerden und dann ab in den Grunewald

Wie immer werfe ich den Sohn im letzten Moment vor der Schule ab. Der Müllwagen versperrt die Straße Richtung Grunewald, dahinter eine neue Baustelle. Eintreffen am Start 15 Minuten nach Plan. Mir bleiben vier Optionen:

1. Klappe halten, 75 Minuten durchziehen, bei verschärftem Tempo.

2. Alibi-Gymnastik, Stabilisationsklimbim und drei Liegestütze.

3. Ab nach Hause, Zeitung lesen.

4. So lange in die Beine spüren, bis sich eine Verletzung findet.

Heldenhaft für Option 1 entschieden. Nach drei Minuten ziept der Knöchel. Hecheln. Natürlich zu ungeduldig losgelaufen. 200 Meter weiter pumpend stehen bleiben. Wie zum Teufel soll ich pünktlich um 11 Uhr im Meeting sein, wenn ich um 9.30 Uhr im Wald stehe, mit wahrscheinlich angebrochenem Knöchel? Die 90 Minuten haben sich halbiert.

Ich werde schlechte Laune kriegen, wenn ich jetzt nach Hause fahre. Ich werde aber noch schlechtere Laune kriegen, wenn ich hier nur darstellenden Sport absolviere. In solchen Momenten hilft nur Gedanke drei.

Ich renne wieder los. Triumph eines unbändigen Athletenwillens, der sich bis zur Markierung "0,7 km" leider wieder verflüchtigt hat. Ich finde keinen Rhythmus, ich habe Angst, zu spät zum Meeting zu kommen. Ausdrucken muss ich auch noch was. Ich marschiere zurück zum Parkplatz. Heute hasse ich mal meinen Knöchel. Er ist schuld, dass das Zeit-Management nicht klappt. Trainingsbilanz: aufgerundet etwa 1,9 hektische Kilometer in 20 Minuten statt 90 Minuten entspannt. Heute Abend werde ich noch mal durchstarten, ganz bestimmt.

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1. Da bin ich ja froh...
liberator_ 09.10.2012
...das ich nicht der einzigste bin der seine Freizeit vorwiegend mit den Gedanken an das nächste Training füllt. Wobei ich laufen höchstens als Ergänzung zu vier anderen Sportarten mache.*prahl* Sport ist ja sehr positiv für Gesundheit, Fitness und Stimmung, und er ist ein Stahlbad und gleichzeitig eine Flucht aus mehr oder weniger langweiligen Konversationen. Unsportliche Frauen dürfen sich angesprochen fühlen. :)
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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