Wir machen uns mal frei: Das Schweigen der Männer

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Umkleidekabine des FC. St. Pauli: Wer putzt hier wohl durch?

Sie sind eine Frau? Frage: Was würden Sie davon halten, wenn Männer in Ihrer Umkleidekabine putzen würden? Nichts? Völlig richtig. Wenn aber Frauen in Männerumkleidekabinen putzen, regt sich niemand auf. Ein Skandal, findet Kolumnist Jens Lubbadeh.

In Hamburg gibt es einen bekannten Fitnessclub, in dem sonderbare Gesetze gelten. Dort machen sich Männer vor Frauen nackig - ohne, dass es irgendjemanden stört. Nein, lieber Leser, ich rede nicht von der Sauna, wo bei 90 Grad aufwärts der letzte Unterschied zwischen den Geschlechtern vaporisiert. Hier geht es um Örtlichkeiten, die extra dafür angelegt wurden, dass man(n) dort unter sich bleibt.

Großraumbüros mögen Sinnbild der modernen Arbeitswelt sein. Großraumumkleidekabinen sind Überbleibsel der siebziger Jahre. Auf den viel zu engen Bänken, wo sich Pobacke an Pobacke drängelt und man ständig irgendein Schließfach versperrt, kommen unwillkürlich Erinnerungen an Schwimmunterricht in der Grundschule hoch. Da helfen auch die vielen Spiegel, die schicken Fliesen, das gedämpfte Licht nichts.

Unangenehm genug also. Nun stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau (wenn Sie nicht ohnehin schon eine sind) und stehen dann da, bestenfalls noch in Unterwäsche, und wollen gerade ihren BH aufmachen - und dann sehen sie IHN. Seelenruhig schiebt er seinen Wischmop in unregelmäßigen ellipsoiden Bewegungen vor sich her. Plötzlich überkommt Sie das ungute Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Und nun wischt er auch noch langsam auf Sie zu - natürlich ohne sich politisch unkorrekt zu verhalten und zu Ihnen aufzuschauen. Was tun?, denken Sie. Weiter ausziehen? Undenkbar. Wieder anziehen? Quatsch. Schreien? Vielleicht.

Warum nicht gleich Unisex-Kabinen?

Vorsichtig blicken Sie sich um, in der Hoffnung, dass sich Ihre Geschlechtsgenossinnen für Sie aufregen. Doch nichts. Niemand regt sich auf. BHs werden geöffnet, Unterhosen fallen, alle machen weiter wie bisher - außer Ihnen. Jetzt fragen Sie sich, ob Sie prüde sind, ob im 21. Jahrhundert so etwas nicht normal ist. Doch warum dann getrennte Umkleiden? Warum nicht gleich Unisex-Kabinen? Ist ja in der Sauna auch so. Und immer näher kommt die männliche Putzfrau, zieht schließlich den Wischmop seelenruhig um Ihre Füße herum, ja schiebt ihn sogar zwischen Ihren Füßen hindurch - immer noch, ohne Sie oder die 20 anderen (halb)nackten Frauen auch nur eines Blickes zu würdigen. Dann ist der unglaubliche Spuk vorbei, der Wischroboter zieht weiter.

Ein Mann in der Frauen-Umkleide - völlig undenkbar, sagen Sie jetzt? Das glaube ich auch. Zugegeben, ich habe die weiblichen Besucher des Fitnessclubs nicht befragt, doch würde ich meine Turnhose darauf verwetten, dass sich eben geschilderte Szene in der Frauenumkleidekabine so niemals abspielen würde. Dann stünde nämlich sofort der Frauenbeauftragte auf der Matte des Geschäftsführers - klarer Fall von "Mopping".

In der Männerumkleidekabine aber, zumindest in der des bekannten Hamburger Fitnessclubs, gehen weibliche Putzfrauen ein und aus.

Aber damit des Skandalträchtigen nicht genug: Während man nach seinem Fitnessprogramm glaubt, sich das alles nur eingebildet zu haben, wird man nochmals kalt erwischt - dieses Mal unter der Dusche. Auch dorthin wagt sich die unerschrockene weibliche Putzfrau vor und wringt ihren Mop aus, völlig unbeeindruckt von den zehn nackten Männern - die immer noch so tun als sei ja alles völlig normal.

Auch auf der Männertoilette ist man nicht unter sich

Nur der Vollständigkeit halber: Auch auf der Männertoilette ist man nicht unter sich. In diesen Momenten, in denen man vom anderen Geschlecht so überrascht wird, schießen einem seltsame Gedanken durch den Kopf. Zum Beispiel dieser: Wie wohl Bewerbungsgespräche für Putzfrauen in Fitnessclubs ablaufen mögen?

"Was ist Ihre größte Schwäche?"

"Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?"

"Sie sind in einem Raum mit zehn nackten Männern. Was tun Sie?"

Bemerkenswert ist diese stoische Ruhe. Diese Fähigkeit, die Realität komplett auszublenden. Wahrscheinlich könnte man diese Fitnessclub-Putzfrauen auch zum Aufräumen in Reaktor 4 von Fukushima Daiichi schicken - sie würden einfach weiterwischen. Erstaunlich wozu unser Gehirn fähig ist.

Eine andere interessante Frage aber ist: Warum schweigen wir Männer?

Liegt es daran, dass der Respekt vor Putzfrauen heute schon so sehr gesunken ist, dass sie gar nicht mehr als Frauen wahrgenommen werden? Sondern nur noch als mechanisches Neutrum, quasi als Putzroboter? Oder sind wir Männer durch die Emanzipation der Frauen schon so sehr eingeschüchtert, dass wir fürchten, gleich als frauenfeindlich abgestempelt zu werden, weil wir keine Frauen in unserer Umkleidekabine wollen? Oder ist es die Angst, als prüde zu gelten, wenn man sich über die Anwesenheit einer Frau in der Dusche beschwert? Oder wird mal wieder unser Steinzeiterbe aktiviert und wir Männer fühlen uns gar geschmeichelt, unsere (trainierten) Körper zu zeigen?

Ob der Kavalier hier wirklich genießt, bleibt offen. Schweigen tut er auf jeden Fall.

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insgesamt 89 Beiträge
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    Seite 1    
1. na und
eigene_meinung 18.07.2012
Solange die Reinigungsfachkraft mir nichts "wegguckt" oder wegputzt, stört mich das nicht. Übrigens kommt es häufig vor, dass (meist junge) Frauen an Männerpissoirs vorbei kichernd zu den Toilettenräumen strömen, weil (angeblich oder wirklich?) alle Frauentoiletten besetzt sind und lange Schlangen davor warten...
2. optional
ghostrider 18.07.2012
Mag der Artikel dies auch suggerieren, indem er von einer "weiblichen Putzfrau" spricht- es gibt keine männliche Putzfrau. Wenn "Putzfrau" die korrekte Bezeichnung für einen Beruf ist, dann legt er netterweise schon fest, wer diesen Beruf niemals ausübt. Männer.
3. sowas...
endbeach 18.07.2012
ich hatte erst vor einigen Tagen solch ein Erlebnis. Ich stand am Pissoir einer raststättentoilette (ja, die mit dem gib 70 bekomme 50 Cent Automaten) und die Putzfrau wischte in Seelenruhe hinter mir während ich mich erleichterte. Es hat mich nicht gestört und die Frau wohl auch nicht. Ich kann es mir nur so erklären, daß sie hier einfach pragmatisch weiter macht und eh nichts anderes sieht als sie von zu Hause kennt. Auf der anderen Seite ist doch die Situation in einer Herrentoilette ohnehin schon grotesk genug. Da steht man mit seinem guten Stück in der Hand direkt neben anderen völlig fremden Männern, die das gleiche tun. In einer Frauentoilette wäre ein Putzmann undenkbar. Männern wird hier eben gleich das Lustelement unterstellt.
4. Nix Neues
fuzzi-vom-dienst 18.07.2012
Schon 2008 sah ich auf einer Fähre zwischen Dänemark und Schweden auf Dänisch und Englisch an der Toilette das (bestimmt nicht neue) Schild: "Die Toiletten werden von Personen beiderlei Geschlechts gereinigt" Auf schwedischen Campingplätzen sind seit Jahren Unisex-Waschräume und Toiletten Standard. Selbst in Fortbildungsstätten der TELIA (dem schwedischen Pendant zur TELEKOM) seien (so erzählte mir ein Bekannter, der seinerzeit maßgeblich an der Harmonisierung des GSM-Standards beteiligt war) schon in neunziger Jahren Unisex-Toiletten Standard gewesen, was bei den europäischen Teilnehmern von internationalen Konferenzen Schmunzeln hervorrief, bei den Amis aber zu schlichtem Entsetzen führte und den Japanern nicht einmal ein Achselzucken ablockte.
5. optional
großwolke 18.07.2012
Ich kenn nun weder Hamburg noch namhafte Fitness-Studios, den geschilderten Zauber aber schon, aus Schwimmbädern in mehreren Orten Deutschlands, und was ich mir so denke, wenn ich, Badehose und Handtuch in der Hand nackend auf meinen Spind zuschlappe ist meistens dies: Ich bin vermutlich weder der erste noch der schönste Mann, den diese (meist schon etwas angegraute) Dame zu sehen bekommt, von daher: was soll die Aufregung? Dass es andersrum vielleicht weit weniger entspannt zuginge, ist vielleicht einer von diesen kleinen, aber bedeutsamen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, die Genderforscher so gern wegdiskutieren wollen. Männlein und Weiblein sind halt nicht gleich, und das ist auch gut so.
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Jens Lubbadeh