Wir machen uns mal frei: Die Nackten und die Roten

Es ist heiß, alle suchen Abkühlung. Manche aber mehr als andere. Kolumnist Jens Lubbadeh will einfach nur baden und sieht sich plötzlich von Nudisten umzingelt. Als er flieht, landet er neben Sonnenverbrannten. Kann er das ignorieren?

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Hüllenlos sonnen: Nicht jedermanns Geschmack

Ganz langsam drehte sich die Luftmatratze in meine Richtung, Grad um Grad. Gleich würde sie mit ihrem Fußende auf mich zeigen. Das Problem: Nicht nur das Fußende der Matratze würde dann in mein Blickfeld geraten, sondern auch das Ende der zwei Füße, die der nackten Mittfünfzigerin auf der Luftmatratze gehörten. Und natürlich all das, was zwischen diesen Füßen lag.

Prophylaktisch schaute ich - Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel - in die andere Richtung, obwohl es da gar nichts zu sehen gab. Ich war genervt. Ich war nicht bis an den schönen Stechlinsee im Brandenburgischen gefahren, um mir von einer Nackten die Hälfte der Aussicht verderben zu lassen. Als sich - meinem inneren Geometriegefühl nach - die Matratze weit genug gedreht haben müsste, riskierte ich einen Blick. Ich hatte mich verrechnet: Ein Büschel aschblonder Schamhaare und ihre Besitzerin lachten mich orthogonal an. Ich stürmte aus dem Wasser.

Nackte, überall Nackte

Ich habe kein Problem mit Nacktheit, wohl aber mit Schamlosigkeit. Ich mag es nicht, wenn Schamlose mich zum Fremdschämen zwingen. Ein ungezwungener Umgang mit dem eigenen Körper in allen Ehren, aber manche Dinge tut man einfach nicht in der Öffentlichkeit. Seinen Mitmenschen ungefragt seine Genitalien zu präsentieren, gehört dazu.

An Land wurde es nicht besser. Links von mir hatte sich inzwischen eine fünfköpfige Familie niedergelassen. Die zwei Jungen und das Mädchen hatten Schwimmsachen an, wahrscheinlich weil ihre Eltern potentielle Pädophile fürchteten. Um Adultophile sorgten sie sich offenbar wenig, denn sie selbst waren so nackt wie Gott, Chips und Bier sie geschaffen hatten. Nennen Sie mich einen Ästhetik-Faschisten, aber die Kombination aus weißer Haut, cellulitären Pobacken und glänzenden Bierwampen hat meine Entspannung noch nie gefördert. Gesellen sich dann noch Vulvae, Vaginae und Penes (Latein-Plural) hinzu, ist das Maß voll.

Jetzt ließ sich zu meiner Rechten auch noch ein Rentnerpärchen nieder. Ihn bedeckte nur sein Vollbart, sie ihr Sommerhut mit den künstlichen Weintrauben. Ich schaute mich um. Mittlerweile hatten die Nackten mich umzingelt. Hatte ich das FKK-Schild übersehen? Nirgends entdeckte ich einen Hinweis. Auf einmal war ich die Randgruppe der Bekleideten. Musste ich jetzt auch die Hosen runterlassen? Würde man mich sonst für einen Spanner halten?

Schon glaubte ich, dass die alte Dame mit den Weintrauben auf dem Kopf mir einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Ich zog die Sonnenbrille auf, weil ich mich plötzlich nackt fühlte. Dass die Freikörperkultur in der DDR äußerst populär war, wusste ich. Und ihre körperliche Freiheit verteidigten die Nudisten lange vor der Wende erbittert, als das DDR-Regime ihnen auch noch das Nacktbaden untersagen wollte. Dass FKK aber immer noch so verbreitet war, war mir neu.

Von den Nackten zu den Roten

Ich suchte mir einen neuen Badeplatz. Doch auch dort sollte ich nicht zur Ruhe kommen. Neben mir lag ein Vater mit seinem etwa siebenjährigen Sohn. Beide waren knallrot. Wenn ich das als Rot-Grün-Schwachsichtiger bemerke, musste es wirklich schlimm sein. Meine Spiegelneuronen ließen mich mitleiden. Sollte ich ihm sagen, dass er wenigstens seinen Sohn aus der Sonne nehmen sollte? Vielleicht war er auch rot-grün-schwach? War es meine Pflicht, ihre Haut zu retten? Ich konnte mich nicht dazu überwinden und fühlte mich schlecht dabei.

In meinem Leben hatte ich viele, viele Sonnenbrände, als Kind im Sommer regelmäßig, bis sich die Haut schälte, manchmal mehrmals hintereinander. Damals, 1983, ich war gerade zehn, hieß es, dass mir ein Hautkrebs zwanzig Jahre später sicher sei. 2003 verstrich jedoch ohne nennenswerte dermatologische Ereignisse. Seitdem bin ich in der Sonne vorsichtig geworden und lasse mich alle zwei Jahre vom Hautarzt checken.

Ob die ganzen Nackedeis wohl auch auf den Genitalien Sonnenbrand bekämen, fragte ich mich. Auch die Vorstellung, sich Sonnenmilch auf Penis respektive Schamlippe schmieren zu müssen, erschien mir nicht gerade verlockend. Wieder zu Hause verspürte ich das dringende Bedürfnis, zum Hautarzt zu gehen. Der einzige, der mir innerhalb von drei Wochen einen Termin anbot, war eine Frau. Nun gut, dachte ich, dann würde ich am Ende doch noch vor einer Fremden die Hosen runterlassen. Wenn das die lachende Nackte auf der Luftmatratze gewusst hätte.

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insgesamt 60 Beiträge
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1. Toleranz
dr.bro 07.08.2013
Wenn ich zum baden gehe sind mir die, bisher immer freundlichen und sauberen Nudisten wesentlich lieber als die lautstarken Teenager mit ihren ungewaschenen Badehosen, welche eher Freizeitshorts ähneln. Und ein visuelles Highlight sind beide Gruppen nicht, wer das sehen möchte sollte besser zum Schwimmtraining gehen, statt an den Badesee...
2.
Vanita 07.08.2013
Zitat von sysopTMNEs ist heiß, alle suchen Abkühlung. Manche aber mehr als andere. Kolumnist Jens Lubbadeh will einfach nur baden und sieht sich plötzlich von Nudisten umzingelt. Als er flieht, landet er neben Sonnenverbrannten. Kann er das ignorieren? http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/fkk-im-osten-kolumnist-fuehlt-sich-von-den-nackten-gestoert-a-915080.html
Lieber Autor, wenn Sie neben dem Verfassen von sinnfreiem und weinerlichem Gesafte fertig sind, nehmen Sie sich doch bitte ein paar Minuten Zeit, um erwachsen zu werden. Oder üben Sie das "Einfach-nicht-Hinkucken". Wenn Sie aber wirklich Herausforderung wollen, dann überlegen Sie, ob Sie besonders ansehnlich sind (ich kann diese Frage leider nicht bewanworten, ich habe Sie noch nie am Badestrand gesehen) und ob sich das jmd am Badestrand antun will, anstatt über die körperlichen Defizite anderer herzuziehen. Denn diese Makel weisen wir alle auf. Dieser Artikel zeugt nicht gerade von geistiger Reife.
3. Zwang zum Fremdschämen
MMK 07.08.2013
Nackte Menschen sind prinzipiell häßlich, abgesehen von Mädchen zwischen 16 und 26. Insofern sind Nacktbader unverschämt. Aber im Osten ist das so verbreitet: Wenn Du Pech hast wir die lachende Nackte Deine Hautärztin sein.
4. Augen zu und durch
almostthere 07.08.2013
Es mag sinnfrei und weinerlich sein, aber: niemand möchte fremde Genitalien vorgeführt bekommen, außer er entscheidet sich aktiv dafür, weil er ein Soanner oder ein Porno-Fanatiker ist. Wenn ich am Strand spazieren gehe und ein nackter Opa findet durch Zufall eine Muschel auf dem Boden, die er in einem meter Entfernung zu mir aufheben muss und mir seinen schrumpeligen Anus präsentiert, grenzt das an Belästigung. Niemand sieht aus wie ein gephotoshopptes Model....und daher: packt eure Brüste ein, zieht euch bitte etwas an!
5. optional
rann 07.08.2013
Ich bin da ganz der Meinung von Vanita.Wobei mir das lesen schon bei der Hälfte vergangen ist.
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