Eine Kolumne von Jan Spielhagen
Revolution im Supermarktregal! Der Pressetext zur Einführung dieses völlig neuartigen Lebensmittels verspricht Folgendes: "Wer ( ) ab und zu auf Fleisch verzichten möchte, erhält ( ) erstmals eine herzhafte Alternative zu Bratwurst oder T-Bonesteak: Valess Hot Pfeffer und Valess Sweet BBQ sind zwei leckere Grillvarianten des fleischfreien Schnitzels aus Milch, die Barbecue-Fans begeistern werden."
Sie haben richtig gelesen: fleischfreies Schnitzel aus Milch. Verrückte vegetarische Welt, in der sich sogar die Aggregatzustände bekehren lassen. Milch wird zu Schnitzel. Das ist ja besser als Wasser zu Wein, mein Gott! Und es klingt auch so sympathisch. Nach der neuen Milchschnitte. Nur eben nicht für Kinder, sondern für Kerle. Richtig harte Jungs, die beim Grillen ihren weichen Kern entdecken, endlich fleischlos essen wollen und sich fortan ihre Extraportion Milch vom Rost holen. Da verdreht ja die Bärchenwurst im Kühlschrank vor Neid die Augen.
Und dann erst der Geschmack, wieder ein Zitat aus dem Pressetext: "Es sieht aus wie Fleisch, hat eine saftige Konsistenz und schmeckt genauso herzhaft und lecker." Toll! Endlich schmecken Lebensmittel nicht mehr, wie sie schmecken. Sondern sie schmecken, wie andere Lebensmittel schmecken. Was ist da alles möglich in der Zukunft? Heute schmeckt Milch nach Fleisch. Aber was ist Morgen? Apfel schmeckt nach Birne. Butter nach Marmelade. Traube-Nuss-Schokolade nach Landleberwurst.
Hackfleisch-Substitut wie Katzenstreu
Leider bremst der mutige Selbsttest die Euphorie. Der Hersteller muss sich verschrieben haben, korrekterweise lautete der Satz: "Es sieht aus wie eine glitschige Tischtenniskelle, hat eine pappähnliche Konsistenz und schmeckt nach Marinade."
Spaß beiseite. Jeder Mensch, der sich für eine vegetarische oder vegane Lebensweise entscheidet, verdient unseren Respekt. Meinen jedenfalls hat er. Sie tragen für die meisten Folgen der Massentierhaltung keine Verantwortung, leben gesünder und weniger umweltschädlich. Chapeau!
Aber das politisch korrekte Leben hat auch seinen Preis. Zum Beispiel wenn es um die Wurst geht, in diesem Fall die Weißwurst. Die "Wheaty Weiße" zum Beispiel, hergestellt aus Weizeneiweiß, angereichert mit Kokosfett und natürlich nicht in den Naturdarm gepresst sondern in die Kunststoffhülle, die sieht wirklich aus wie eine Weißwurst. Schmeckt nur nicht danach. Aber hey, das Auge isst mit, heißt es, da ist es den Geschmackspapillen auf der Zunge doch wurscht, was da so über sie hinweg rutscht. Und erst das Hackfleisch-Substitut. Ein Granulat aus gemahlenen, entfetteten Sojabohnen. Sieht aus wie Katzenstreu, saugt nur nicht so gut. Nicht mal die Tomatensoße bei der Zubereitung einer Spaghetti Bolognese ohne Fleisch, obwohl es ausdrücklich empfohlen wird. Eine Grenzerfahrung - kulinarisch und optisch.
Warum um alles in der Welt müssen Fleischgerichte imitiert werden? Wer ohne Fleisch leben kann, kann doch auch ohne Imitate leben, oder nicht? Ich stelle mir das in anderen Lebensbereichen vor: Wer sich gegen das Auto- und für das Radfahren entscheidet, schweißt sich doch auch keinen V8-Motor auf den Gepäckständer.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Gesundheit | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness | RSS |
| alles zum Thema Speis und Zank | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH