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Ultraläufer Florian Neuschwander: "Kurze Läufe sind mir zu stressig"

Ein Interview von Ellen-Jane Austin

Florian Neuschwander beim "Wings for Life World Run" 2015 in Darmstadt Zur Großansicht
Hans Herbig/ Wings for Life World Run

Florian Neuschwander beim "Wings for Life World Run" 2015 in Darmstadt

Er ist der junge Rebell der deutschen Laufszene. Pro Woche rennt Ultraläufer Florian Neuschwander 160 bis 200 Kilometer. Im Interview erzählt er, warum ihn Leistungsdruck dennoch kalt lässt.

Zur Person
  • Sebastian Stiphout / Red Bull Content Pool
    Florian "FLOw" Neuschwander, Jahrgang 1981, ist ein Ultraläufer und der erste Deutsche, der den "Transrockies Run" (6 Tage, 193 Kilometer, ca. 6.000 Höhenmeter) in den USA gewann. 2015 war er bereits der erfolgreichste Deutsche beim "Wings for Life World Run". Am 8. Mai 2016 startet er wieder als Botschafter bei dem Spendenlauf für die Erforschung der Heilungsmöglichkeiten von Rückenmarksverletzungen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Neuschwander, sind Sie fit?

Neuschwander: Ich bin topfit. Aber vielleicht geht noch mehr.

SPIEGEL ONLINE: Auf den ersten Blick würde man Sie eher an einer Halfpipe als auf einer Rennstrecke erwarten. Wie kommts?

Neuschwander: Ich war schon immer ein Skatertyp. Ein Skatertyp, der irgendwann festgestellt hat, dass er rennen kann. Ich habe beim Skaten sehr krasse Sachen gemacht. Das wurde mir zu riskant. Ich hatte Angst, dass ich mich verletze. Deshalb habe ich aufgehört und bin irgendwann nur noch gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie von Beginn an lange Strecken gelaufen?

Neuschwander: Nein. Mein erster und einziger Lauftrainer war von der alten Schule: Nur was man auf der Bahn läuft, zählt. Aber 800-Meter-Läufe - das ist ja nur Sprint. Das war mir zu stressig. Eigentlich mochte ich nie Läufe unter fünf Kilometern.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Neuschwander: Ach, immer im Kreis zu laufen - da sieht man doch nichts. Und bei so kurzen Läufen musst du von null auf hundert da sein. Wenn man da eine Runde verpennt, ist die Zeit futsch. Das hat mich immer genervt. Ich war zwar gut, aber mit dem Druck konnte ich nie wirklich umgehen. Bei langen Läufen kannst du gemütlich loslaufen. Du hast alle Zeit der Welt. Da kommen ja noch 50 oder 60 Kilometer. Da kannst du einfach genießen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist ein gemütliches Tempo für Sie?

Neuschwander: Vier Minuten pro Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: Ernsthaft? Vor etwas mehr als hundert Jahren hätten Sie damit eine Weltbestzeit erreicht. Trainieren Sie in Gruppen oder allein?

Neuschwander: Wenn ich mein Tempo laufe, dann meistens allein. Aber in der Gruppe laufe ich auch sehr gern. Ich mache öfter Posts auf Instagram. Nach dem Motto "Run with the FLOw" sage ich, wann ich wo loslaufe, und die Leute, die Bock haben, rennen mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Läufer kommen dann?

Neuschwander: Das ist verschieden. Aber neulich standen 60 Leute in der Hotellobby in München. Das war schon krass.

SPIEGEL ONLINE: Können die spontanen Laufgruppen überhaupt mit Ihnen mithalten?

Neuschwander: Wir laufen ungefähr zehn Kilometer zusammen. Das schaffen die meisten. Es geht ja hier auch nicht um Geschwindigkeit und ich laufe ein Tempo, bei dem man mithalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als würden sie das Training locker angehen - wie passt das mit dem harten Training zusammen, dass Sie für Ihre Leistungen absolvieren müssen?

Neuschwander: Erst mal muss ich ausschlafen. Alle anderen verrückten Topläufer stehen meistens um 6 Uhr auf. Da penne ich noch zwei, drei Stunden. Gegen 10 Uhr trinke ich gemütlich einen Kaffee und dann trabe ich zehn, zwanzig Kilometer. Danach chille ich ein bisschen. Und am Abend mache ich eine schnelle Einheit. Das wäre ein typischer Trainingstag.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten Sie auch neben dem Sport?

Neuschwander: Ja, ich arbeite im Frankfurter Laufshop, bin dort aber nur zwei Mal pro Woche. Ich habe gar keine Zeit für mehr. Ich bin ja nur unterwegs. Irgendwie will jeder was von mir. Ich war gerade auf Mallorca. Wir haben da einen kleinen Film für den "Wings for Life World Run" gedreht. Das war schön.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie bei den vielen Publicity-Aktivitäten genug Zeit zum Laufen?

Neuschwander: Während des Laufens bei den Dreharbeiten hab ich mich so gut gefühlt, dass ich den Dreh abgebrochen habe und einfach weitergelaufen bin. Das Kamerateam war nicht sonderlich begeistert, da sie ihre Pläne ändern mussten. Ich betreibe den Aufwand nur, weil ich Spaß am Laufen habe. Alles andere muss hinten anstehen.

SPIEGEL ONLINE: Lange Läufe sind sehr anstrengend. Empfinden Sie diese nicht als Qual?

Neuschwander: Nein. Laufen ist eher abschalten und entspannen.

SPIEGEL ONLINE: Es muss doch etwas geben, was Sie am Laufsport nicht mögen?

Neuschwander: Stabilisationsübungen und Krafttraining. Das hasse ich. Aber das mache ich auch nicht. Ich dehne mich auch nicht. Aber das was ich mache, mag ich. Auch wenn es manchmal wehtut. Aber bisher hält noch alles stabil an meinem Körper. Und wenn der Hintern mal zwickt, knetet mein Physio ihn durch, und danach ist alles wieder gut.

SPIEGEL ONLINE: Achten Sie als Extremsportler auf Ihre Ernährung?

Neuschwander: Mich nervt es, wenn ich von irgendwelchen Diäten lese. Ich glaube nicht, dass mich das schneller macht. Ich esse ganz normal. Mit meinen Jungs in der WG koche ich zum Beispiel oft Gemüseauflauf mit Nudeln und Käse oder mal ein leckeres Steak und dazu ein Bierchen. Fastfood esse ich nicht. Süßigkeiten auch selten. Das wars. Ich hätte überhaupt keinen Bock, streng auf meine Ernährung zu achten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist unverzichtbar für einen Lauf?

Neuschwander: Nichts. Außer Schuhe, die sind wichtig. Okay, wenn ich mal auf einen Tempotauf wirklich keinen Bock habe, hilft Musik, mich anzutreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie nicht Läufer wären, was wären Sie?

Neuschwander: Wenn ich richtig gut Gitarre spielen könnte, wäre ich Punkrocker.

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Achilles' Verse: Die Welt, eine Laufstrecke

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Profisportler?
unglaeubig 29.03.2016
Der "junge" Rebell Florian Neuschwander ist trotz einigem Talent schon in der Jugendklasse den "richtigen" Profisportlern wie dem heute sehr erfolgreichen Arne Gabius (ebenfalls Jahrgang 1981 und mit 35 Jahren übrigens schon lange kein "junger" Läufer mehr) eher hinterhergelaufen. Kein Wunder bei dieser Einstellung zum Sport. Nun frage ich mich, warum man so einen Menschen seine Meinung über Trainingsdisziplin und Sportlerernährung verbreiten lässt, anstatt mal ein Interview mit Leuten zu führen, die sich wirklich damit auskennen (und obendrein noch sehr eloquent und gebildet sind). Bei aller Laissez Faire und trotz gepflegtem Bartwuchs läuft Herr Neuschander einen Marathon eben im Gegensatz zu Arne Gabius nicht in 2:08:33 h.
2. Genau darum gehts ja
th.john 29.03.2016
Leiber ungläubig, genau darum geht es ja. Er wird ja nicht immer bekannter, weil er bekannter werden will... sondern weil viele Menschen ihn faszinierend finden. Eben weil er das leben locker nimmt und damit noch relativ schnell läuft.. Es geht ihm sicherlich darum auch mal schnell zu laufen - aber jetzt mal im ernst: das ist doch nicht alles. Ich finde es jedenfalls sehr faszinierend einen Menschen zu sehen der genau das macht, worauf er Bock hat. Und dann auch nur das. Wer macht das schon? Das erfordert Mut und Leidenschaft. Beides hat nicht jeder! Es reicht doch wenn er Spaß am Laufen hat. Warum denn die selbsgeisselung und die Diät vor dem Marathon um noch nen Kilo leichter zu sein. Für Spaß am Sport (und trotzdem schnell)!
3. Sie vergleichen Äpfeln mit Birnen
magister88 29.03.2016
@ unglaeubig Sie vergleichen ja auch Äpfel mit Birnen. Mag zwar sein dass Flo keinen Marathon unter 2:10 Stunden läuft, aber wozu auch? Er läuft in einer ganz anderen Klasse, nämlich Ultralauf. Ernährung hin und her, seine Erfolge geben ihm Recht. Seine lockere Einstellung zum Sport und zum Leben haben ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist: Einer der erfolgreichten Langstreckenläufer. Das sollten sie neidlos anerkennen und ihn nicht unterstellen von der Materie keine Ahnung zu haben.
4. Sie vergleichen Äpfeln mit Birnen
magister88 29.03.2016
@ unglaeubig Sie vergleichen ja auch Äpfel mit Birnen. Mag zwar sein dass Flo keinen Marathon unter 2:10 Stunden läuft, aber wozu auch? Er läuft in einer ganz anderen Klasse, nämlich Ultralauf. Ernährung hin und her, seine Erfolge geben ihm Recht. Seine lockere Einstellung zum Sport und zum Leben haben ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist: Einer der erfolgreichten Langstreckenläufer. Das sollten sie neidlos anerkennen und ihn nicht unterstellen von der Materie keine Ahnung zu haben.
5.
benjorito 29.03.2016
Zitat von unglaeubigDer "junge" Rebell Florian Neuschwander ist trotz einigem Talent schon in der Jugendklasse den "richtigen" Profisportlern wie dem heute sehr erfolgreichen Arne Gabius (ebenfalls Jahrgang 1981 und mit 35 Jahren übrigens schon lange kein "junger" Läufer mehr) eher hinterhergelaufen. Kein Wunder bei dieser Einstellung zum Sport. Nun frage ich mich, warum man so einen Menschen seine Meinung über Trainingsdisziplin und Sportlerernährung verbreiten lässt, anstatt mal ein Interview mit Leuten zu führen, die sich wirklich damit auskennen (und obendrein noch sehr eloquent und gebildet sind). Bei aller Laissez Faire und trotz gepflegtem Bartwuchs läuft Herr Neuschander einen Marathon eben im Gegensatz zu Arne Gabius nicht in 2:08:33 h.
Wo steht denn dass Herr Neuschwander Profisportler ist? Er läuft aus Spaß an der Freude, und da wollen Sie ihm reinreden, wie er das zu tun hat? Ganz nach dem Motto, es kann nicht sein was nicht sein darf? Wie sind denn Ihre Zeiten so?
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