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Lebensmittelwerbung: Foodwatch wirft Unilever, Danone, Red Bull Täuschung vor

Von Mareile Jenß

Health Claims: Lebensmittel am Foodwatch-Pranger Fotos
foodwatch

Sie preisen "Energie für den Tag" an oder Joghurt "für Ihr Wohlbefinden": Auf Lebensmitteln werben Hersteller dafür, dass ihre Produkte die Gesundheit fördern. Die Verbraucherschützer von Foodwatch beklagen jetzt irreführende Botschaften.

Beim Gang durch den Supermarkt begegnen Verbraucher ihnen in allen Regalen. Ob Frühstücksflocken, Milchprodukte oder Sportgetränke - auf Lebensmitteletiketten werben Hersteller mit Slogans, die den gesundheitlichen Nutzen des Produkts herausstellen. Die Organisation Foodwatch hält derartige Gesundheitsversprechen für irreführend und nennt sie eine Verbrauchertäuschung.

In einer Untersuchung hat Foodwatch jetzt verschiedene Produkte getestet, die mit Werbeaussagen zu Gesundheit und Wohlbefinden vermarktet werden. Nach Auffassung der Verbraucherschützer ist die EU-weite Health-Claims-Verordnung gescheitert, die seit Dezember 2012 gesundheitsbezogene Werbeaussagen auf Lebensmitteln regelt, um Verbraucher vor Irreführungen zu schützen. Der Test soll das belegen.

Health-Claims-Verordnung geht nicht weit genug

"Danone, Unilever und Co. vermarkten Industrieprodukte im falschen Gesundheitslook", kritisiert Oliver Huizinga von Foodwatch. Er fordert ein grundsätzliches Verbot von Gesundheitswerbung auf Lebensmitteln. Selbst Süßigkeiten dürften mit Gesundheitsbotschaften beworben werden, wenn ihnen Vitamine zugesetzt wurden. Eine ausgewogene Ernährung würde so jedoch eher verhindert als gefördert, sagt Huizinga.

Lebensmittelhersteller würden billige Vitamine oder Mineralstoffe in Softdrinks, Süßigkeiten oder Wurst mischen, um diese dann legal mit Gesundheitswerbung vermarkten zu können. Foodwatch bemängelt in diesem Zusammenhang, dass die seit einem Jahr geltende EU-Verordnung zu gesundheitsbezogenen Werbeaussagen ("Health Claims") die Verbraucher nicht vor solchen Täuschungen schütze.

Hersteller wundern sich über die "Meinungsäußerung"

Aktuell hat Foodwatch mehrere Produkte untersucht: "Actimel" von Danone, "Belvita Frühstückskekse" von Mondelez ("Energie für den Tag"), "Ferdi Fuchs Salami" der Firma Stockmeyer, den "Active O2"-Drink von Adelholzener, "Becel pro.activ"-Margarine von Unilever, Nestlés Joghurt "LC1" ("Für Ihr Wohlbefinden") und "Red Bull"-Energydrink. Nach Angaben von Foodwatch erfüllen die Produkte und ihre Werbeaussagen zwar aus rechtlicher Sicht die Vorgaben der europäischen Health-Claims-Verordnung, führen die Verbraucher aber dennoch in die Irre.

Adelholzener wies die Vorwürfe als "reine Meinungsäußerung" zurück. Danone zeigte sich über die Darstellung Foodwatchs verwundert. Verbrauchern stünden unterschiedliche Möglichkeiten für eine ausgewogene Ernährung offen, "Actimel kann ein Teil davon sein". Mondelez erklärt, Verbraucher würden über die Eigenschaften und Nährwerte seiner Frühstückskekse "umfassend und vollständig auf der Verpackung und im Internet" informiert. Auch Nestlé äußerte sich zu der Kritik: Dem Unternehmen sei es wichtig, dass "gesundheitsbezogene Aussagen eine fundierte wissenschaftliche Basis haben und geltendem Recht entsprechen. Die Angaben auf Nestlé LC1 stehen hierzu nicht im Widerspruch".

Zusätze machen ein Produkt nicht gesund

Hersteller müssen in der EU Gesundheitsbotschaften genehmigen lassen. Dabei werden jedoch häufig nur isolierte Effekte einzelner Zusätze betrachtet. Ob ein Lebensmittel insgesamt empfehlenswert ist oder nicht, prüft die EU nicht. Seither wurden tausende Anträge von Herstellern auf eine Zulassung ihrer Werbesprüche abgelehnt. Übrig blieben dennoch rund 250 zugelassene Werbebotschaften, wie etwa, dass Vitamin D "zur normalen Funktion des Immunsystems" oder Magnesium "zur normalen Funktion der Muskeln" beitrage. Auch für Kakaoflavanole erhielt ein Schokoladenhersteller den zugelassenen Health Claim - "fördern die Elastizität der Blutgefäße". Sogar für mit Fruchtzucker (Fruktose) gesüßte Getränke hat die EU einen Gesundheitsslogan zugelassen, obwohl Ernährungsexperten den Konsum größerer Mengen als riskant einstufen.

"Genau wie zuckriger Danone-Joghurt nicht vor Erkältung schützt, machen künstlich zugesetzte Vitamine aus fettig-salziger Salami kein gesundes Produkt und Mineralstoffe aus einem Softdrink kein sportliches Getränk. Gefährlich kann es für Verbraucher werden, wenn sogar umstrittene Produkte wie Red Bull oder Becel pro.activ Gesundheitswerbung tragen dürfen", sagt Huizinga von Foodwatch. "Lebensmittel sind keine Medikamente. Wer krank ist, sollte nicht in den Supermarkt gehen, sondern zum Arzt."

Andauernder Streit mit Unilever

Der Streit zwischen Unilever und Foodwatch über die "Becel pro.activ"-Margarine währt schon lange. Bereits 2011 reagierte der Hersteller auf Kritik mit der Stellungnahme, dass es "aus wissenschaftlicher Sicht keinen Hinweis" auf Nebenwirkungen gebe. Foodwatch kritisierte diese Formulierung mit der Begründung, dass in der Margarine enthaltene Phytosterine im Verdacht stünden, Ablagerungen in Gefäßen und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten zu verursachen.

Eine Foodwatch-Klage wurde vom Landgericht Hamburg allerdings abgewiesen. Unilever verwies auf einen Health Claim, den die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) 2009 Becel pro.activ erteilt hatte und der die Unbedenklichkeit der Margarine behördlich bestätigte. Das Gericht folgte der Argumentation Unilevers und bewertete die Aussage als rechtens.

Angesichts der aktuellen Foodwatch-Vorwürfe erneuerte Unilever jetzt das Statement und wies abermals auf die positive Wirkung seiner Margarine hin, die wissenschaftlich bestätigt sei. "Die Wirksamkeit der Pflanzensterine in Becel pro.activ wurde inzwischen in über 45 Studien belegt. Pflanzensterinhaltige Produkte wie Becel pro.activ werden von europäischen Fachgesellschaften für Kardiologie (ESC) und Arteriosklerose (EAS) empfohlen", so Unilever.

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Zur Autorin
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    Mareile Jenß hat Ökotrophologie in Hamburg und Kiel studiert. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt sie für das Ressort Gesundheit rund um die Themen Ernährung und Lebensmittel.

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