SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. Oktober 2017, 14:49 Uhr

Frust durch Sportmangel

Alles auf Anfang

Anna Achilles hat vor lauter Dauerstress keine Zeit mehr für Sport. Schlimmer noch: Ihr Körper sendet Signale, dass er nicht mehr kann. Auf dem Oktoberfest fließen Tränen, dann fasst sie einen Entschluss.

Bierkrüge schellen aneinander, so heftig, dass die Schaumkrone spritzt. Die Banknachbarn hinter mir grölen mit einer solchen Inbrunst, dass bei jedem "Joana" die Lampe wackelt. Wo ich nur hinblicke, sehe ich errötete, glückselige Gesichter. Das Oktoberfest - der Ort der guten Laune.

Plötzlich entwischt mir eine Träne. Was war denn das? Mein Hals schnürt sich zu. Es kommen mehr Tränen. "Reiß dich zusammen, Anna", sage ich mir. Schnell suche ich ein Taschentuch. Noch rollen sie nur einzeln an meiner Wange hinunter. Ich ringe um Fassung. Aber der Druck wird stärker. Meine Augen brennen. Ich muss aufgeben. Loslassen. Es bricht aus mir heraus.

Mitten auf dem Oktoberfest sitze ich und flenne wie ein Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hat. Mit dem Unterschied: Mir hat man nichts weggenommen. Mir geht es wunderbar. Nur wo ist dann das Problem?

Okay, da waren einige Dinge in den vergangenen Monaten. Mein 30. Geburtstag, berufliche Veränderungen und viel Arbeit. Aber ist das so schlimm, dass ich deshalb heulen muss? Ich muss an Mister Knallhart-keine-Gnade-für-die-Wade denken, meinen Onkel Achim Achilles. Garantiert würde er mit den Augen rollen und mosern: "Dickie, jetzt stell dich mal nicht so an." Anschließend würde er - halt Moment, ja natürlich... Das ist der Grund für meine Traurigkeit: Seit Ewigkeiten war ich nicht laufen.

Mein Onkel würde mir das in Berlin nie durchgehen lassen. Er hätte mich schon längst in Liegestützposition durch den Grunewald robben lassen. Und zwar zu Recht! Ich Jammerlappen heule vor mich hin. Dabei fehlt mir einfach die Bewegung.

Wie konnte ich das so vernachlässigen?

Mein Körper wollte Bewegung, stattdessen bekam er Dauerstress

So blöd das klingt, aber schuld ist natürlich die Arbeit. Die letzten zwei Jahre, in denen ich ein Volontariat gemacht habe, kosteten so viel Kraft, vor allem zum Schluss hin. Im April lief ich einen Halbmarathon. Gleich danach stieg ich in den Zug nach Hamburg. Am nächsten Tag war mein erster Arbeitstag in einer neuen Redaktion. Mit Muskelkater in den Beinen schüttelte ich der Redaktionsleiterin die Hand.

Kurz danach pendelte ich zwischen München, Berlin und der Oberpfalz. Anfangs packte ich meine Laufschuhe noch ein. Irgendwann ließ ich sie daheim. Ich hatte ja doch keine Zeit. Wenn man mit anderen an einem Projekt arbeitet, kann man schlecht den Stift fallen lassen und sagen: "So Leute, ihr könnt ja weiter arbeiten, aber ich gehe laufen." Eigentlich hätte ich genau das tun sollen. Mein Körper wollte Bewegung, stattdessen bekam er Dauerstress.

Darauf reagierte er, wie man als Körper eben so reagiert: Schlafprobleme, schlechte Haut, Krankheit. Ich bekam eine Seitenstrangangina. Konnte kaum schlucken. Einziges Mittel: Antibiotikum. Kurz danach ging es mir besser. Dann erneut Halsschmerzen. Und wieder Antibiotikum. Vier Wochen schleppte ich mich durch den Alltag. Mein Körper wollte Ruhe. Schließlich bekam er sie.

Und als wäre das nicht schon genug, stand auch noch mein Geburtstag an: 30. "Keine große Sache. Ist doch nur eine Zahl", hörte ich immer wieder. Mir aber machte sie enorm zu schaffen. Total albern eigentlich. Solche dämlichen Trübsalsgedanken hätte ich früher beim Laufen einfach weggeatmet.

Stattdessen sitze ich nun auf einer Bierbank und heule. Mit dreißig! Echt mega erwachsen, mein Onkel wäre stolz auf mich. Vielleicht steckt ja doch mehr hinter seiner Trainingswut als nur Ehrgeiz. Er hat längst erkannt, dass Laufen mehr als eine Sportart ist. Habe ich in all den Jahren nichts dazugelernt? Weder, dass man sich nach einem Halbmarathon vernünftig dehnen sollte, noch, dass ich das Laufen brauche für mein inneres Gleichgewicht? Anscheinend nicht.

Als ich das Oktoberfest verlasse, bin ich wahrscheinlich die einzige, die nüchtern ist. Zu Hause angekommen steige ich die letzten Treppenstufen zu meiner Wohnung hinauf, sehe meine Laufschuhe, wie sie quer in der Ecke liegen und da weiß ich: Morgen wage ich einen Neuanfang.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH