Trend "Funktionales Training": Kräftigen ohne Gewichtsplackerei

Von Michaela Rose

Kräftig soll das Training machen. Die Figur formen. Aber bitte ohne Gewichtestemmen. Ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht mit funktionalem Training. Das Trend-Workout macht den eigenen Körper zum Trainingsgerät - und setzt auf die Zusammenarbeit der einzelnen Muskelgruppen.

Funktionales Training: Der Körper als Trainingsgerät Fotos
Akhtar/ Aspria

Jahrzehntelang prägte monotone Plackerei das Bild der Fitnessstudios. Die Besucher stemmten Gewichte, wuchteten Kilo um Kilo in die Höhe, trimmten jeden Muskel auf Kontraktion. Und rätselten dabei insgeheim, warum Training eigentlich so langweilig wie langwierig sein muss. Keine Frage, das zeitaufwendige Strecken und Beugen einzelner Muskeln an Maschinen bringt Kraft. Ganzheitlich fit macht es aber kaum.

Damit ist jetzt Schluss: Seit mehreren Jahren gewinnt das funktionale Training immer mehr an Bedeutung - und sorgt für ein Umdenken beim Kraft-Workout. Das Training verzichtet auf Maschinen und isolierte Bewegungen, es macht den Körper zum effektiven Trainingsgerät. Wo sonst Gerätepolster für Halt sorgten, muss bei freien und dreidimensionalen Übungen wie Ausfallschritten, Kniebeugen, Sprüngen, Klimmzügen und Stütz-Varianten die eigene Bauch- und Rückenmuskulatur den Rumpf stabilisieren.

Das hat einen entscheidenden Vorteil: Der Körper wird mit den komplexen Übungen im Ganzen gekräftigt und nicht nur in seinen Einzelteilen optimiert. Dadurch werden die natürlichen Bewegungsabläufe gestärkt. Denn im Alltag, beim Laufen, Springen oder Werfen müssen unterschiedliche Muskeln fein dosiert zusammenarbeiten, um die Kraft von einem auf das nächste Körperteil zu übertragen - in sogenannten Muskelketten von den Beinen über Hüfte, Po und Rumpf bis in den Schultergürtel und die Arme. Ist die Rumpfmuskulatur zu schwach oder stimmt die Koordination nicht, verpufft die Energie.

Der Kopf trainiert mit

"Für jede Bewegung brauchen wir Hard- und Software - nämlich unsere Muskulatur und den Kopf", erklärt Oliver Schmidtlein, einer der führenden Experten für funktionales Training, der schon die Fußball-Nationalspieler mit seinen Übungen fit machte. "Klassisches Krafttraining ist reines Hardware-Training, funktionales Training arbeitet hingegen an der Hard- und Software." Die Sportler trainieren entscheidende Bewegungsmuster. So verbessert das funktionale Training neben Kraft und Koordination auch Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit sowie Körpergefühl und Haltung. Indem es Gelenke und Muskeln stabilisiert, senkt es außerdem die Verletzungsgefahr.

Sportwissenschaftler, Reha-Therapeuten, Trainer und Leistungssportler nutzen das funktionale Training schon länger. Doch auch das Angebot für Freizeitsportler wächst. Meridian Spa und Holmes Place haben gesonderte Trainingsflächen eingerichtet, bei Fitness First trainiert man "Freestyle" und der Berliner Aspria-Club eröffnete eigens ein "Functional Training Gym". Mit Crossfit und Outdoor-Bootcamps etablieren sich deutschlandweit studiounabhängige Anbieter, zudem setzen viele neue Kurse auf das Ganzkörper-Konzept.

Auch der altbewährte Medizinball kommt zum Einsatz

Das Prinzip ist überall gleich: Trainiert wird mit dem eigenen Körpergewicht und speziellen Zusatzgeräten. Beliebt ist das Sling-Training, bei dem sich der Sportler mit Händen oder Füßen in zwei von der Decke oder einem Gerüst baumelnde Gurte hängt, stützt oder lehnt. Bei den anschließenden Übungen muss er den Körper ständig ausbalancieren. Wer Hanteltraining mag, kann zur sogenannten Kettlebell greifen und die Kugelhantel beispielsweise ein- oder beidarmig aus der Kniebeuge nach oben vor den Körper schwingen.

Eine Alternative bietet eine etwa einen Meter lange Hartgummi-Gewichtsröhre, die man anheben, ziehen, drücken, schwingen, werfen, rollen oder drehen kann. Einsteiger hantieren damit im Stehen oder Gehen, Trainierte können dabei Sprünge absolvieren. Der Power- oder Sandbag ist quasi ein gefüllter Sandsack, der getragen, geschleudert oder geworfen wird. Auch der altbewährte Medizinball kommt wieder zum Einsatz, eben so wie Turnringe, Gymnastikbälle oder Seile. Der Effekt der Trainingsgeräte, die in unterschiedlichen Gewichtsstufen für Einsteiger und Trainierte zur Verfügung stehen: Die gesamte Körpermuskulatur wird gefordert, muss permanent stabilisieren und ausbalancieren.

Auspowern im Intervall

Ob mit oder ohne Geräte - das Trainingsmotto ist so simpel wie effektiv: Zeit oder Wiederholungen zählen. Die Übungen dauern zwischen 30 und 120 Sekunden oder umfassen 20 bis 40 Wiederholungen, die Pausen dazwischen sind nur kurz. Das macht es intensiv, aber auch abwechslungsreich. "Diese neue Trainingsform ist in seiner Effektivität kaum zu übertreffen, lässt ungeliebtes Körperfett dank intensiver Trainingseinheiten in Rekordzeit schmelzen und verändert den Körper sichtbar positiv", ist der Berliner Aspria-Manager Christian Kaiser überzeugt.

Da das anspruchsvolle Workout individuell variiert und erleichtert werden kann, eignet es sich auch für Einsteiger und Ältere. Schließlich stammt die Idee aus der Sport- und Physiotherapie - dort stärken die ganzheitlichen Übungen lädierte Muskeln und Gelenke. Wichtig: Zwischen den intensiven Trainingseinheiten sollten ein bis zwei Tage Pause liegen. Schon ein bis zwei funktionale Workouts pro Woche reichen aus.

Für Mobilleser: Hier erfahren Sie mehr über Vibrationstraining, Elektrische Muskelstimulation und ein Workout für zu Hause.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gegensatz nicht zu Gewichten, sondern zu Maschinen
dr3w 26.04.2013
Medizinbälle, Kettlebell und die bei crossfit beliebte Langhantel sind natürlich Gewichte und Übungen gegen den Widerstand eines elastischen Bandes sind vom Kräfteverlauf her ähnlich. Der Gegensatz zu dem, was man in Fitnessstudios im allgemeinen anfindet ist eher der, dass auf Maschinen und bestimmte Muskelgruppen isolierende Übungen zugunsten von komplexen Bewegungsabläufen verzichtet wird. Beispiele sind neben den genannten Körpergewichtsübungen wie Klimmzügen durchaus auch olympische Gewichtshebungen. Es ist beispielsweise als Novize deutlich gesünder, eine Kniebeuge mit dem eigenen Körpergewicht auf den Schultern durchzuführen, als ohne Gewicht mit nur einem Bein, weil die Ansprüche an die Balance herstellenden kleinen Muskeln bei letzterem extrem hoch sind.
2.
barlog 26.04.2013
Aha - jetzt wird also das funktionale Ganzkörpertraining entdeckt und die monotone Plackerei hat ein Ende . .. Schön, daß die Fitnessbranche mal wieder ein uraltes Prinzip neu vermarktet und irgendwelche Hersteller dazu Hartgummiröhren verkaufen. Am Alltag in den Studios wird das wenig ändern, denn dort ging schon immer ein Teil der Mitglieder zu ähnlichen, seit ewigen Zeiten bewährten Kursen, in denen im Gegensatz zu den geführten Bewegungen an den Kraftmaschinen eben Koordination, Beweglichkeit, Körpergefühl und Haltung verbessert werden. Auf die Ausdauer, wie im Artikel beschrieben, hat diese Art von Training wenig Einfluss, da kann man noch so enthusiastisch im "Functional Training Gym" umherspringen. Und ob das Körperfett damit "in Rekordzeit schmilzt", müssten eigentlich schon seit langem die Teilnehmer von straffen Zirkeltrainingskursen (keine Miss-Sporty-Schwatzrunden) bestätigt haben. Ich gehe jetzt auch ins Studio, wo sich dicke Mädchen mit Smartphonen in der Hand und 10-Zentimeter-Hub-Bewegungen auf Steppern einbilden, Fett zu verbrennen und mehrheitlich gedopte Herren monoton Brust- und Armmuskeln auf- und abpumpen, dort wird das neue trendige funktionale Training vermutlich immer so populär wie Schulsportunterricht bleiben . ...
3. Und...
Wunderläufer 26.04.2013
wieder einmal wird eine neue Sau durch's Dorf getrieben, bis dann ein Neuer feststellt, dass auch dieses wiederum seinen Nachteil hat Wichtig ist für mich: Training muss Spaß machen; zu Anfang noch unter Anleitung, damit sich Neulinge nicht überanspruchen, alles andere ist Kokolores. So meine Feststellung nach über 17 Jahre im Fitness- Studio
4. optional
brainchild 26.04.2013
Funktionales Training ist nicht neu, sondern ein schlichtes Rebranding. Aber wenn die Leute mehr Sport machen weil es sich cooler anhört ist es trotzdem gut.
5. Grund...
fatherted98 26.04.2013
Zitat von dr3wDer Gegensatz zu dem, was man in Fitnessstudios im allgemeinen anfindet ist eher der, dass auf Maschinen und bestimmte Muskelgruppen isolierende Übungen zugunsten von komplexen Bewegungsabläufen verzichtet wird.
Das hat seinen guten Grund...die Fitnessbetreiber legen keinen Wert darauf das ihre Mitglieder komplexe Bewegungsablaeufe lernen und damit nicht nur isolierte Muskelgruppen sondern den ganzen Koerper kraeftigen und nebenbei noch die Balance ueben...weil es zum einen einfach mehr Muehe macht und zum anderen Verletzungsrisiken beinhaltet die nur durch intensives ueben und Aufsicht in den Griff zu bekommen sind...da aber die meisten sogenannten Trainer in Fitness Studios lieber Mineraldrinks verkaufen und mit attraktiven Mitglieder flirten als sich um ihren eigentlichen Job zu kuemmern, werden diese Grunduebungen wie Kreuzheben, Kniebeugen und Co. als dummes Zeug abgetan. Viele Fitness Studios verzichten ja bereits bewusst auf einen Freihantelbereich. Auf der Maschine kann sich keiner weh tun..da ist der Bewegungsablauf weitgehend vorgegeben....kann jeder Doofe auch ohne Einweisung....ich frage mich wirklich warum es in Fitness Studios ueberhaupt sowas wie Trainer gibt...naja...jemand muss ja die Mineraldrinks und Shakes an den Mann bringen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 33 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Autorin
  • bewahrediezeit.de
    Michaela Rose frönt jedwedem Sport und probiert gerne alles aus, was sie in Bewegung bringt. Deshalb schreibt die freie Journalistin und Diplomsportlehrerin vor allem über "bewegende" Themen.
  • Homepage der Autorin

Corbis

Liegt Ihr Gewicht im normalen Bereich? So hoch ist Ihr Body-Mass-Index

kg
cm

23,3