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03. Juli 2012, 07:56 Uhr

Yoga-Verletzungen

Riskante Körperkunst

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Die Matte unterm Arm pilgern Millionen Deutsche zur Yoga-Stunde. Entspannen soll die Körperkunst, das Leben entschleunigen, den verkalkten Körper gelenkig machen. Wer aber Yoga mit Leistungssport verwechselt, erfährt statt innerer Ruhe vor allem eins: Schmerzen!

Keine Frage: Yoga ist gesund. Die asiatische Körperkunst lindert Rückenschmerzen. Sie gilt als Waffe gegen Stress, kann Durchblutung und Verdauung fördern. Im Jugendgefängnis strecken die Insassen ihre Füße im Schulterstand in die Höhe, um Aggressionen abzubauen. Und selbst die jähzornige Naomi Campbell wird durch die Entspannungsübungen anschmiegsam.

Über die positiven Aspekte vergessen jedoch viele, dass Yoga auch Risiken birgt. Zwar kann im Prinzip jeder seinen Schreibtischstuhl gegen eine Yogamatte eintauschen. Aufregende Verdrehungen und Verrenkungen sollte er anfangs jedoch nicht probieren. Erst wenn man Muskeln und Gleichgewichtssinn trainiert hat, kann man sich an Kopfstand und Co. wagen. Wer dies missachtet oder sich als Anfänger mit 40 anderen Schülern Matte an Matte in Positionen wuchtet, gefährdet seine Gesundheit.

"Heikel ist, wenn die Menschen ihre körperlichen Grenzen nicht kennen, und der Yoga-Lehrer sie auch nicht sieht", sagt Angelika Beßler, Vorstandsvorsitzende des Berufsverbandes der Yoga-Lehrenden in Deutschland (BDY). "In den Medien wird Yoga häufig mit super beweglichen schlanken jungen Menschen dargestellt, die im Bodysuit herumhüpfen. Wer dieses Bild im Kopf hat, kann Probleme bekommen." Ebenso kritisch sei, wenn der Leistungsdruck vor der Yoga-Stunde nicht Halt mache. Der Blick auf die Nachbarmatte, der Gedanke: Pah, das schaffe ich auch!

Studienlage: Vereinzelt auch Horrorszenarien

2009 befragten Forscher erstmals Yoga-Lehrer, Yoga-Therapeuten und Mediziner in einer großen Studie zu den Risiken der Körperkunst. Das Ergebnis, das im "International Journal of Yoga Therapy" veröffentlicht wurde, untermauert die Einschätzung vieler Yoga-Experten: Ein Großteil der 1336 Spezialisten aus 35 Ländern bewertet falschen Ehrgeiz als die größte Gefahr, gefolgt von einer schlechten Anleitung und einer falschen Technik. Der Nacken, der untere Rückenbereich, die Schulter, das Handgelenk und das Knie werden demnach am häufigsten verletzt.

Vereinzelt finden sich in medizinischen Fachblättern auch Horrorszenarien: Mehrere Studien beschreiben etwa das Schicksal junger Mittdreißiger, die nach der Yoga-Stunde plötzlich einen Schlaganfall erlitten hatten. Bei den Untersuchungen entdeckten die Ärzte winzige Verletzungen der Halsschlagader. Auf ihrem Weg ins Gehirn durchläuft die Arterie kleine Löcher in den Wirbeln. Bei abrupten Bewegungen des Kopfes kann es passieren, dass im Nacken ein Stück eingeklemmt wird. Das Risiko ist allerdings verschwindend gering. Genauso gut kann die Arterie bei einer Niesattacke, beim Deckenstreichen oder gar bei wildem Sex verletzt werden, lautet der Tenor in den Fachzeitschriften.

Falscher Ehrgeiz: Muskelkater oder gar Bandscheibenvorfall

Zwingen sich gesunde Yoga-Schüler in wacklige Positionen, holen sie sich im schlimmsten Fall einen ordentlichen Muskelkater. Mitunter leiden die Yoga-Schüler jedoch auch unter Vorerkrankungen, ohne es zu wissen. Dann können übertriebene Dehnungen und Drehungen verschlimmern, was sonst nicht zutage getreten wäre. "Wenn jemand von einer Vorschädigung der Wirbelsäule nichts weiß und seinen Rücken dehnt, ohne ihn vorher zu kräftigen, kann einem Bandscheibenvorfall Vorschub geleistet werden", sagt Beßler.

Dabei trifft es besonders häufig den Nacken und den unteren Rückenbereich: "Hals- und Lendenwirbelsäule werden im Alltag stark gefordert", sagt Klaus Völker, Leiter des Instituts für Sportmedizin am Universitätsklinikum Münster. "Die Lendenwirbelsäule etwa zeigt häufig schon im zweiten Lebensjahrzehnt Abnutzungserscheinungen. Da kann es bei Über- und Fehlbelastungen schon passieren, dass eine Bandscheibe zerquetscht wird oder Teile herausgedrückt werden."

Ein weiteres Problem sieht Völker in der Statik einiger Haltungen der Körperkunst: "Lastet das Körpergewicht zu lange auf einem kleinen Punkt im Gelenk, drückt es die Nährflüssigkeit aus dem schwammigen Gewebe des Knorpels heraus und beschädigt ihn gegebenenfalls." Ebenfalls aufpassen sollten Menschen mit einem hohen Blutdruck oder einem hohen Augeninnendruck. Wenn der Kopf lange nach unten zeigt, etwa bei einem Schulterstand, klettern beide weiter in die Höhe.

Richtig angewendet: Therapie für Rückenleiden

Für ein gesundes Yoga-Erlebnis sollten Neulinge zuerst die Grundpositionen erlernen und sich kräftigen. Eine ausgeprägte Muskulatur kann den Druck auf Gelenke und Wirbelsäule zwar nicht verringern, aber an die richtigen Stellen leiten. Im Seitstütz etwa, bei dem die Yoga-Schüler nur auf Unterarm und Fuß gestützt die Hüfte heben, hängen anfangs viele durch. "Das belastet die Lendenwirbelsäule", sagt Völker. "Wenn jemand geübt ist, kann er die Position besser halten, und seine Wirbel bleiben parallel, was die Belastung auf eine größere Fläche verteilt und damit gering hält."

Gezielt angewendet könne Yoga so auch Rückenleiden therapieren und sogar bei Bandscheibenvorfällen helfen, sagt Vicky Oertel-Kurz. Die Physiotherapeutin macht eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Nach mehreren Jahren des Selbsttrainings wollte sie Elemente der indischen Körperlehre in die Therapie ihrer Patienten einbauen. "Dafür muss sich der Yoga-Lehrer jedoch gut auskennen. Bei einem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule muss man zum Beispiel andere Übungen nutzen oder vermeiden als bei einem Bandscheibenvorfall im unteren Rücken."

Wohltuendes Yoga: Körpergefühl und ein guter Lehrer

Ein Großteil der Yoga-Risiken lässt sich einfach minimieren, indem die Schüler auf ihre körperliche Grenzen achten: "Ich sage immer, es gibt guten und schlechten Schmerz", sagt Oertel-Kurz. "Schlechter Schmerz ist beispielsweise einschießend, stechend und ein Warnsignal des Körpers. Positiver Schmerz im Sinne von Dehnungsschmerz ist eher angenehm und gibt mir das Gefühl, meinem Körper etwas Gutes zu tun."

Der zweiter entscheidende Faktor ist eine gute Anleitung. Der Begriff Yoga-Lehrer ist nicht geschützt, die Hausfrau um die Ecke kann sich nach einem Wochenendkurs genauso nennen wie ein Guru nach einer jahrelangen Ausbildung in Indien. Ein guter Lehrer sollte seine Schüler nach Vorerkrankungen fragen und Rücksicht auf ihre körperliche Verfassung nehmen. Außerdem sollte er bei Anfängern den Kurs überblicken können. Dann aber steht einer erfolgreichen Yoga-Stunde nichts mehr im Weg.

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