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Yoga-Verletzungen: Riskante Körperkunst

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Massenphänomen: Wenn Yoga schadet Fotos
AFP

Die Matte unterm Arm pilgern Millionen Deutsche zur Yoga-Stunde. Entspannen soll die Körperkunst, das Leben entschleunigen, den verkalkten Körper gelenkig machen. Wer aber Yoga mit Leistungssport verwechselt, erfährt statt innerer Ruhe vor allem eins: Schmerzen!

Keine Frage: Yoga ist gesund. Die asiatische Körperkunst lindert Rückenschmerzen. Sie gilt als Waffe gegen Stress, kann Durchblutung und Verdauung fördern. Im Jugendgefängnis strecken die Insassen ihre Füße im Schulterstand in die Höhe, um Aggressionen abzubauen. Und selbst die jähzornige Naomi Campbell wird durch die Entspannungsübungen anschmiegsam.

Über die positiven Aspekte vergessen jedoch viele, dass Yoga auch Risiken birgt. Zwar kann im Prinzip jeder seinen Schreibtischstuhl gegen eine Yogamatte eintauschen. Aufregende Verdrehungen und Verrenkungen sollte er anfangs jedoch nicht probieren. Erst wenn man Muskeln und Gleichgewichtssinn trainiert hat, kann man sich an Kopfstand und Co. wagen. Wer dies missachtet oder sich als Anfänger mit 40 anderen Schülern Matte an Matte in Positionen wuchtet, gefährdet seine Gesundheit.

"Heikel ist, wenn die Menschen ihre körperlichen Grenzen nicht kennen, und der Yoga-Lehrer sie auch nicht sieht", sagt Angelika Beßler, Vorstandsvorsitzende des Berufsverbandes der Yoga-Lehrenden in Deutschland (BDY). "In den Medien wird Yoga häufig mit super beweglichen schlanken jungen Menschen dargestellt, die im Bodysuit herumhüpfen. Wer dieses Bild im Kopf hat, kann Probleme bekommen." Ebenso kritisch sei, wenn der Leistungsdruck vor der Yoga-Stunde nicht Halt mache. Der Blick auf die Nachbarmatte, der Gedanke: Pah, das schaffe ich auch!

Studienlage: Vereinzelt auch Horrorszenarien

2009 befragten Forscher erstmals Yoga-Lehrer, Yoga-Therapeuten und Mediziner in einer großen Studie zu den Risiken der Körperkunst. Das Ergebnis, das im "International Journal of Yoga Therapy" veröffentlicht wurde, untermauert die Einschätzung vieler Yoga-Experten: Ein Großteil der 1336 Spezialisten aus 35 Ländern bewertet falschen Ehrgeiz als die größte Gefahr, gefolgt von einer schlechten Anleitung und einer falschen Technik. Der Nacken, der untere Rückenbereich, die Schulter, das Handgelenk und das Knie werden demnach am häufigsten verletzt.

Vereinzelt finden sich in medizinischen Fachblättern auch Horrorszenarien: Mehrere Studien beschreiben etwa das Schicksal junger Mittdreißiger, die nach der Yoga-Stunde plötzlich einen Schlaganfall erlitten hatten. Bei den Untersuchungen entdeckten die Ärzte winzige Verletzungen der Halsschlagader. Auf ihrem Weg ins Gehirn durchläuft die Arterie kleine Löcher in den Wirbeln. Bei abrupten Bewegungen des Kopfes kann es passieren, dass im Nacken ein Stück eingeklemmt wird. Das Risiko ist allerdings verschwindend gering. Genauso gut kann die Arterie bei einer Niesattacke, beim Deckenstreichen oder gar bei wildem Sex verletzt werden, lautet der Tenor in den Fachzeitschriften.

Falscher Ehrgeiz: Muskelkater oder gar Bandscheibenvorfall

Zwingen sich gesunde Yoga-Schüler in wacklige Positionen, holen sie sich im schlimmsten Fall einen ordentlichen Muskelkater. Mitunter leiden die Yoga-Schüler jedoch auch unter Vorerkrankungen, ohne es zu wissen. Dann können übertriebene Dehnungen und Drehungen verschlimmern, was sonst nicht zutage getreten wäre. "Wenn jemand von einer Vorschädigung der Wirbelsäule nichts weiß und seinen Rücken dehnt, ohne ihn vorher zu kräftigen, kann einem Bandscheibenvorfall Vorschub geleistet werden", sagt Beßler.

Dabei trifft es besonders häufig den Nacken und den unteren Rückenbereich: "Hals- und Lendenwirbelsäule werden im Alltag stark gefordert", sagt Klaus Völker, Leiter des Instituts für Sportmedizin am Universitätsklinikum Münster. "Die Lendenwirbelsäule etwa zeigt häufig schon im zweiten Lebensjahrzehnt Abnutzungserscheinungen. Da kann es bei Über- und Fehlbelastungen schon passieren, dass eine Bandscheibe zerquetscht wird oder Teile herausgedrückt werden."

Ein weiteres Problem sieht Völker in der Statik einiger Haltungen der Körperkunst: "Lastet das Körpergewicht zu lange auf einem kleinen Punkt im Gelenk, drückt es die Nährflüssigkeit aus dem schwammigen Gewebe des Knorpels heraus und beschädigt ihn gegebenenfalls." Ebenfalls aufpassen sollten Menschen mit einem hohen Blutdruck oder einem hohen Augeninnendruck. Wenn der Kopf lange nach unten zeigt, etwa bei einem Schulterstand, klettern beide weiter in die Höhe.

Richtig angewendet: Therapie für Rückenleiden

Für ein gesundes Yoga-Erlebnis sollten Neulinge zuerst die Grundpositionen erlernen und sich kräftigen. Eine ausgeprägte Muskulatur kann den Druck auf Gelenke und Wirbelsäule zwar nicht verringern, aber an die richtigen Stellen leiten. Im Seitstütz etwa, bei dem die Yoga-Schüler nur auf Unterarm und Fuß gestützt die Hüfte heben, hängen anfangs viele durch. "Das belastet die Lendenwirbelsäule", sagt Völker. "Wenn jemand geübt ist, kann er die Position besser halten, und seine Wirbel bleiben parallel, was die Belastung auf eine größere Fläche verteilt und damit gering hält."

Gezielt angewendet könne Yoga so auch Rückenleiden therapieren und sogar bei Bandscheibenvorfällen helfen, sagt Vicky Oertel-Kurz. Die Physiotherapeutin macht eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Nach mehreren Jahren des Selbsttrainings wollte sie Elemente der indischen Körperlehre in die Therapie ihrer Patienten einbauen. "Dafür muss sich der Yoga-Lehrer jedoch gut auskennen. Bei einem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule muss man zum Beispiel andere Übungen nutzen oder vermeiden als bei einem Bandscheibenvorfall im unteren Rücken."

Wohltuendes Yoga: Körpergefühl und ein guter Lehrer

Ein Großteil der Yoga-Risiken lässt sich einfach minimieren, indem die Schüler auf ihre körperliche Grenzen achten: "Ich sage immer, es gibt guten und schlechten Schmerz", sagt Oertel-Kurz. "Schlechter Schmerz ist beispielsweise einschießend, stechend und ein Warnsignal des Körpers. Positiver Schmerz im Sinne von Dehnungsschmerz ist eher angenehm und gibt mir das Gefühl, meinem Körper etwas Gutes zu tun."

Der zweiter entscheidende Faktor ist eine gute Anleitung. Der Begriff Yoga-Lehrer ist nicht geschützt, die Hausfrau um die Ecke kann sich nach einem Wochenendkurs genauso nennen wie ein Guru nach einer jahrelangen Ausbildung in Indien. Ein guter Lehrer sollte seine Schüler nach Vorerkrankungen fragen und Rücksicht auf ihre körperliche Verfassung nehmen. Außerdem sollte er bei Anfängern den Kurs überblicken können. Dann aber steht einer erfolgreichen Yoga-Stunde nichts mehr im Weg.

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1. Einatmen, ausatmen
Tristan Legato 03.07.2012
Zitat von sysopAFPDie Matte unterm Arm pilgern Millionen Deutsche zur Yoga-Stunde. Entspannen soll die Körperkunst, das Leben entschleunigen, den verkalkten Körper gelenkig machen. Wer aber Yoga mit Leistungssport verwechselt, erfährt statt innerer Ruhe vor allem eins: Schmerzen! http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,811246,00.html
Mit dem Yoga ist es wie mit allen anspruchsvollen Sportarten: Wenn man es falsch macht oder sich nicht vorher aufwärmt, besteht natürlich ein Verletzungsrisiko. Yoga ist sehr komplex und nichts, was man mal so in ein paar Wochen lernen könnte. Wichtig ist auch, dass man einen guten Lehrer hat.
2.
Ippokratis 03.07.2012
ziehen Leser an. Dass dahinter meist nur mittelmäßige Informationen warten, gehört schon zu unserem Alltag. Als Physiotherapeut attestiere ich dem Artikel ein Mangelhaft, denn die häufigsten Verletzungen erleiden die meisten Patienten im Haushalt. Und dort je nach Jahreszeit, sogar im Garten, den man sich gemeinhin ja als Entspannungsoase vorstellt. Es ist also weniger die Tätigkeit, die Verletzungsgefahr birgt, als der oft auffällig übertriebene Ehrgeiz der handelnden Person. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich manche Zeitgenossen nur durch eine Verletzung (und meist auch nur temporär!) in eine geruhsamere Gangart bringen/zwingen lassen. Wer nicht hören will, muss halt fühlen ... ;-)
3.
jamelmar 03.07.2012
Yoga sollte nicht mit Sport verwechselt werden, obwohl es auch eine physische Praxis ist. Yoga ist der Tradition nach in erster Linie eine spirituelle Übung, wird aber leider im Westen auf Wellness und Sport reduziert. Yoga ist ein Lebensweg. Wenn man dennoch Yoga eher physisch betreiben will sollte sich bei den Übungen in erster Linie auf den Atem konzentrieren. Niemals sollte man mit Gewalt versuchen eine Übung zu bewältigen, das würde einer der wichtigsten Grundregeln im Yoga widersprechen.
4. Yoga ist also ungesund wenn man es falsch macht
deryogafrank 03.07.2012
Vielen Dank für den wirklich sorgsam recherchierten Artikel. Im Gegensatz zu allen anderen Dingen im Leben ist Yoga also schädlich wenn man es nicht richtig oder mit übertriebenem Ehrgeiz betreibt. Und jemand der eine Verletzung in der Halswirbelsäule hat braucht tatsächlich andere Übungen als jemand mit Verletzungen im unteren Rücken. Jetzt kann ich mir die nächste Fortbildung schenken - Danke Spiegel
5. Yoga hat nur am Rande etwas mit Gesundheit zu tun!
position.beziehen 03.07.2012
Das ist ja das eigenartige, was man auf dem Fotos dieses indischen Yogis sieht, der die Füße hinter den Kopf bringen kann. Ursprünglich ging es ausschließlich um übernatürliche Kräfte. Niemand käme in Indien auf die Idee, so wie wir hier Yoga zu praktizieren. Wenn sich das jetzt so "einbürgert" dort, dann nur auf Grund des westlich-amerikanischen Einflusses. Die Übungen war NIE für Ottonormalverbraucherin gedacht (traditionell nennt man das "Haushälter" in den alten Schriften). Leider geht so die enorme Weisheit dieser psychologischen Tradition verloren, die viel alltagstauglicher ist all dieser Verrenkungen, die, wie es in einer alten Schrift heißt, "schwer zu meistern sind und viele Krankheiten bringen". Ich unterrichte jetzt schon 36 Jahren, habe lange in Indien studiert, und bin erstaunt und ein wenig traurig über diese körperkultartigen Exzesse von "Yoga", was mit der Tradition fast nichts mehr gemein hat. Wer weiß schon, dass der Text, der auch heute noch in der LehrerInnen-Ausbildung zentral verwendet wird (Hatha Yoga Pratipika), über ein Drittel abgefahrene Sexualtechniken enthält und eine ganze Seite voller Warnhinweise für die bei uns auch so populären Atemübungen?
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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Die verschiedenen Yoga-Formen
Hatha-Yoga
Hatha-Yoga ist in unseren Kulturkreisen die bekannteste Yoga-Art und entspricht dem, was sich viele unter Yoga vorstellen. Der Stil verbindet körperliche Übungen mit Entspannungs- und Meditationstechniken. Ziel des Hatha-Yoga ist es, Muskeln, Sehnen und Bänder zu kräftigen und zu dehnen, den Kreislauf anzuregen und ein Gleichgewicht zwischen Körper und Geist herzustellen. Da die einzelnen Positionen länger gehalten werden, eignet sich der Stil gut für Einsteiger, die Yoga von Grund auf lernen wollen.
Ashtanga-Yoga / Vinyasa-Yoga
Beim Ashtanga-Yoga handelt es sich um eine sehr kraftvolle Unterform des Hatha-Yogas. Die Bewegungen und Atmungen erfolgen in einer genau definierten Reihenfolge und werden mit philosophischen und meditativen Traditionen verbunden. Beim Ashtanga-Yoga können die Teilnehmer ihre Kondition trainieren, ohne auf die spirituelle Komponente verzichten zu müssen.
Power-Yoga / Dynamic-Yoga
Hierbei handelt es sich um die dynamischsten der Yoga-Formen, beide sind aus dem Ashtanga-Stil entstanden. Die Schüler wechseln im Stehen, Sitzen oder Liegen fließend zwischen den einzelnen Position, begleitet wird das Training von tiefen Atemübungen. Die Yoga-Art wird häufig in Fitnessstudios und Sportvereinen angeboten und eignet sich besonders für alle, die Yoga eher als Workout sehen und Kondition, Muskeln und Kraft aufbauen wollen.
Iyengar-Yoga
Beim Iyengar-Yoga steht die genaue Ausführung der einzelnen Positionen im Vordergrund, häufig arbeiten die Lehrer mit Hilfsmitteln wie Decken, Blöcken und Gurten. Der Stil eignet sich besonders für Einsteiger und Personen mit Vorerkrankungen: Die Hilfsmittel erleichtern die Übungen, die Yoga-Schüler verbessern ihr Körpergefühl und können durch die präzise ausgeführten Haltungen zum Beispiel Rückenleiden therapieren.
Kundalini-Yoga
Das Kundalini-Yoga vereint Körperübungen mit Entspannungstechniken, Mantragesängen und Meditation und gilt als eher spirituelle Yoga-Variante. Ziel ist es, mit Hilfe der Haltungen und der Atmung Energie im Körper zu aktivieren und zum Fließen zu bringen. Wer sich für Kundalini-Yoga entscheidet, sollte für Spiritualiät offen sein und sich für Atemtechniken interessieren.
Bikram-Yoga
Die Besonderheit des Bikram-Yogas ist die Hitze: Lehrer und Schüler absolvieren in einem 38 bis 40 Grad warmen Übungsraum eine festgelegte Serie von 26 Übungen. Die Hitze soll Muskeln und Sehnen geschmeidig machen, das Schwitzen soll den Körper entgiften. Bikram-Yoga eignet sich somit für alle, die Hitze vertragen und bei denen der sportliche Aspekt des Yogas im Vordergrund stehen soll. Aber Vorsicht: Wer Kreislaufprobleme hat, sollte sich lieber einen anderen Stil suchen!
Jivamukti-Yoga
Jivamukti-Yoga ist ein neuer Trend aus den USA und hat die Befreiung der Seele zum Ziel. Die typischen Yoga-Positionen werden mit Musik begleitet, daneben singen die Yoga-Schüler mit ihren Lehrern Sanskrit-Texte. Der Yoga-Lehrer korrigiert die Positionen seiner Schüler aktiv.
Antigravity-Yoga / Aerial-Yoga
Antigravity-Yoga ist eine Mischung aus Akrobatik und Körperkunst. Meditation und Entspannung stehen eher im Hintergrund, stattdessen turnen die Yoga-Schüler mit einem Tuch, das wie ein Trapez von der Decke baumelt. Yoga-Vorerfahrungen sind nicht notwendig. Um den Körper auf dem schaukelnden Tuch stabil zu halten, müssen die Muskeln ständig angespannt sein - Antigravity-Yoga soll Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit trainieren.


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