Kopfball als Gehirn-Gefahr "Man rennt ja auch mal gegen eine Tür"

Welche Folgen haben Kopfbälle für das Gehirn? Psychologin Petra Jansen erklärt, warum Lehrbuch-gerechte Kopfbälle besonders gefährlich sind und wieso Frauen und Kinder mit Kopfbällen zurückhaltend sein sollten.

Junge Kicker: "Zum Glück spielen die Kinder wenigstens mit leichteren Bällen", sagt Expertin Petra Jansen
DPA

Junge Kicker: "Zum Glück spielen die Kinder wenigstens mit leichteren Bällen", sagt Expertin Petra Jansen


SPIEGEL ONLINE: Frau Jansen, was passiert, wenn ein Fußball auf den Kopf trifft?

Jansen: Es wird ein Druck ausgeübt. Wenn der Ball hart geschossen wird, kann der dem Druck entsprechen, der durch das Gewicht eines Kleinwagens ausgeübt wird. Welche Hirnfunktionen dadurch beeinträchtigt sein könnten, hängt davon ab, wo der Schädel getroffen wird. Hinter der Stirn liegt zum Beispiel der Stirnlappen, auch präfrontaler Kortex genannt. Dort sitzen wichtige Hirnfunktionen wie das Arbeitsgedächtnis, also die kurzfristige Speicherung von Information, außerdem die Fähigkeit, unbedeutende Informationen zu unterdrücken und auch die Flexibilität, sich kurzfristig auf neue Situationen einzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Nun wird der Kopfball aus dem Fußball-Lehrbuch ausgerechnet mit der Stirn gespielt. Ist gerade das gefährlich für das Denken?

Jansen: Das kann man so sagen. Trifft der Ball dagegen mitten auf den Kopf, können eher räumliches Denken und motorische Fähigkeiten beeinträchtigt werden. Und am Hinterkopf, etwa dort, wo man als Frau einen Pferdeschwanz trägt, liegt das Sehzentrum.

SPIEGEL ONLINE: Es ist klar, dass das Hirn für einiges wichtig ist, aber wird es denn wirklich geschädigt? Sie haben untersucht, welche Auswirkungen Kopfbälle haben.

Jansen: Wir haben ein Experiment gemacht. Insgesamt haben 91 Studierende teilgenommen. Eine Gruppe hat ein Kopfballtraining gemacht, eine Kontrollgruppe hat Passspiel geübt und eine andere hat sich gar nicht sportlich betätigt. Danach haben wir getestet, ob sich das visuell-räumliche Gedächtnis, die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit verändert haben. Es gab keinen Unterschied zwischen den Gruppen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man daraus ableiten, dass Kopfbälle nicht gesundheitsschädlich sind?

Jansen: Nein, wir haben nur die Folgen eines Trainings untersucht. Aber Fußballer trainieren oft und das über Jahre. Ich vermute, das hat durchaus Auswirkungen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Studie aus den USA hat ergeben, dass Gehirne von Fußballern, die den Ball oft köpften, denen von Schädel-Hirn-Trauma-Patienten ähneln. Wie beurteilen Sie diesen Befund?

Jansen: Da ging es um Langzeiteffekte von Kopfballspiel. Die Kollegen haben Veränderungen in der weißen Gehirnmasse entdeckt. Darüber hinaus haben sie festgestellt, dass Spieler, die mehr köpften, eine schlechtere Gedächtnisleistung hatten als Spieler, die weniger köpften. Interessanterweise fanden die Forscher, dass die Gedächtnisleistung erst ab einem Schwellenwert von 1800 Kopfbällen im Jahr abnahm, während die Hirnveränderungen bereits bei 885 bis 1550 Kopfbällen nachweisbar waren.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie einem Hobbyfußballer raten, der zweimal die Woche Fußball spielt? Ein Flankenball kommt angeflogen - Kopfball oder Fallrückzieher?

Jansen: Auf das Denken bezogen könnte ein Spieler, der zweimal in der Woche Fußball spielt, auch mal mit dem Kopf an den Ball gehen. Aber wenn er über Jahre Fußball spielt, würde ich raten, Kopf und Fuß abzuwechseln.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist schon okay, manchmal zu köpfen?

Jansen: Ja, das hält man aus - man rennt ja auch mal gegen eine Tür, da kann man dann auch nichts dagegen machen ...

SPIEGEL ONLINE Das hört sich nicht sehr positiv an. Was ist mit berühmten Kopfballspielern wie Uwe Seeler? Mit bald 80 Jahren ein immer noch ein unglaublich schlagfertiger Gesprächspartner ...

Jansen: Das ist wie mit dem Rauchen. Helmut Schmidt raucht, hat keinen Lungenkrebs und ist geistig fit. Aber er ist eben eine Ausnahme, ähnlich könnte es mit geistig fitten Viel-Kopfballspielern sein. Ich wäre vorsichtig mit dem Kopfballspiel, denn diese Studie aus den USA ist zumindest ein ernstzunehmender Hinweis, dass sich das Gehirn durch Kopfbälle verändern kann.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man das Reglement ändern und Kopfbälle verbieten?

Jansen: Als meine Kinder mit dem Fußballspielen angefangen haben, waren sie unter zehn Jahre alt. Ich habe dem Trainer gesagt, dass die beiden kein Kopfballtraining machen dürften. Damit habe ich mir keine Freunde gemacht, sowohl beim Trainer, als auch bei meinen Kindern - die fanden das peinlich. Zum Glück spielen die Kinder wenigstens mit leichteren Bällen. Aber man sollte sich das Problems bewusst sein - nach neusten Erkenntnissen reift der der präfrontale Kortex noch bis zum 20. oder 21. Lebensjahr.

SPIEGEL ONLINE: Sind Frauen, die Kopfbälle machen, besonders gefährdet?

Jansen: In unserer Studie waren die Denkleistungen der Frauen genauso wenig beeinträchtigt wie die der Männer. Frauen klagen aber nach dem Kopfballspiel viel öfter über Kopfschmerzen und Schwindel. Das ist inzwischen durch eine weitere, größere Studie bestätigt worden, das ist keine Rumzickerei. Es gibt Geschlechtsunterschiede in der Nackenmuskulatur und Hormone spielen eine Rolle. Je nachdem in welcher Zyklusphase eine Frau ist, ändert sich die Anfälligkeit für Kopfschmerzen.



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sixtymirror 18.06.2014
1. .?.
Ich glaube kein Wort. Aber ich glaube, dass jeder Kopfball Wirkung auf das Gehirn hat. Falls eines vorhanden ist (ja, ich weiß, das ist Proll-Humor).
allemalherhörn 19.06.2014
2.
was mir an der stelle fehlt, ist eine mechanische Betrachtung. klar sitzt hinter der stirn der kortex. und hinten das sehzentrum. aber jeder der schonmal einen kopfball richtig gemacht hat, weiß, dass er die wucht des balles in drn Körper ableiten kann. durch anspannen der nackrnmuskulatur. dann arbeitet der ganze Körper gegen den impuls des balles. dann kommt auch wenig erschütterung im gehirn an. wer schonmal einen kopfball falsch gemacht hat, nämlich mit "der platte", der weiss, dass man dann den schlag nicht ableiten kann. der geht dann durch. und das sind meiner meinung nach die viel schädlicheneren kopfbälle. es muss also nicht nur betrachtet werden wo welche areale im gehirn sind, sondern auch ob der kopfball richtig ausgeführt wird. dann sind die beschleunigungen, denen das gehirn ausgesetzt ist, viel geringer
axel h. 19.06.2014
3. Kinder durften kein Kopfballtraining machen
Richtig so. Ich sage ja zur Helmpflicht für Fahrradfahrer und Fußballer. Aber das kann nur ein Anfang sein. Wenn man sich mal überlegt wieviele Leute im Bett sterben. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, diese tödlichen Kisten endlich aus dem Verkehr zu ziehen.
betonklotz 19.06.2014
4. Das Fussballer nicht unbedingt Geistesriesen sind
kann wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Ich zweifle allerdings daran, dass da Kopfbälle eine massgebliche rolle spielen. Dann müssten nämlich alle Boxer geistig schwerbehindert sein.
ein-berliner 19.06.2014
5. Zum Teufel auch
Zitat von axel h.Richtig so. Ich sage ja zur Helmpflicht für Fahrradfahrer und Fußballer. Aber das kann nur ein Anfang sein. Wenn man sich mal überlegt wieviele Leute im Bett sterben. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, diese tödlichen Kisten endlich aus dem Verkehr zu ziehen.
Und ich Dödel dachte immer ein Bett ist zum Schlafen da. Ich benutze es ausdrücklich nicht zum Kopfballtraining. Liegt bei mir womöglich ein Mangel vor?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.