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Gendoping: Lebensgefährliches Spiel mit dem Erbgut

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Aufgemöbeltes Erbgut: So funktioniert das DNA-Tuning Fotos
Corbis

Gentherapie soll lebensgefährliche Krankheiten heilen. Das Ziel ist in weiter Ferne, doch schon hoffen Leistungssportler, so ihr Erbgut aufmöbeln zu können. Gendoping wäre nicht allein für die Anwender höchst riskant. Sie könnten die manipulierten Viren weiterverbreiten - mit unabsehbaren Folgen.

Viren sind nur wenige Mikrometer groß, doch die Winzlinge vollbringen etwas, an dessen Nachahmung Mediziner seit Jahren verzweifeln: Sie schleusen ihre Erbinformation in menschliche Zellen ein und sorgen dafür, dass sie millionenfach kopiert wird.

Ihre einmalige Eigenschaft macht Viren zu einem vielversprechenden Vehikel bei der Behandlung von Krankheiten, die von defekten Genen verursacht werden: Gelingt es, den Viren Reparaturgene unterzuschieben, die dann Huckepack in Patientenzellen eingeschleust werden, bauen diese die heilende Erbinformation in deren DNA ein - Immundefekte, die Bluterkrankheit oder auch bestimmte Krebskrankheiten könnten so unter Umständen geheilt werden. In einigen wenigen Versuchen ist dies Forschern sogar schon gelungen, zum Beispiel bei schweren Immundefekten.

Begehrlichkeiten weckt die Gentherapie aber noch an ganz anderer Stelle: Als Dopingvariante im Sport. Verführerisch einfach klingt das Versprechen des Gendopings: Mit Hilfe eines Virus wird die Information für ein leistungssteigerndes Protein in den Körper geschleust. Anschließend produzieren die Zellen des Sportlers quasi selbst die Dopingmittel - bei Kontrollen ist das nur mehr schwer als nicht natürlich nachzuweisen. Zwar ist es prinzipiell möglich, Sportler des Gendopings zu überführen. Weil die künstlich in die menschliche DNA eingebauten Abschnitte zu perfekt sind, können die eingeschleusten Gene im Labor nachgewiesen werden. Der Aufwand dafür ist allerdings beträchtlich, und die Dopingfahnder müssen genau wissen, wonach sie suchen.

Per Gendoping zu Bodybuilder-Waden

Bereits im Prozess gegen den Leichtathletiktrainer Thomas Springstein 2006 tauchten E-Mails auf, in denen der Sportlehrer nach dem Mittel Repoxygen fragte. Der Wirkstoff schleust ein Gen ins Erbgut, das die Erythropoietin-Produktion ankurbeln soll - jenes Epo, das sich unter Ausdauersportlern großer Beliebtheit erfreut, weil es die Bildung der roten Blutkörperchen anregt und damit die Fähigkeit des Blutes erhöht, Sauerstoff zu transportieren und so die Leistung zu steigern. Was bei Mäusen funktioniert, ist am Menschen allerdings nicht ausreichend getestet, die mögliche Wirkung mehr als fraglich.

Der wahrscheinlichste Kandidat für das Gendoping im Leistungssport ist indes aus Sicht des Sportmediziners Perikles Simon von der Universität Mainz nicht das Erythropoietin, sondern Follistatin. Ist das Gen für das wenig bekannte Protein verändert, wachsen die Muskeln unnatürlich stark und sorgen schon bei Kleinkindern für Bodybuilder-Waden. "Die Sportler werden warten, bis es eine klinische Studie gibt, die einen leistungssteigernden Effekt durch eine gentherapeutische Behandlung belegt", sagt Simon im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bei Follistatin sind die Ergebnisse bei Affen so überzeugend, dass man befürchten muss, dass die Leute das ausprobieren, sobald aus klinischen Studien nach außen dringt, dass es wirkt und sicher ist."

Wenn das Gen-Taxi zum Krankheitserreger wird

Aktuell geht Simon davon aus, dass noch kein Sportler sich traut, Gendoping tatsächlich auszuprobieren. "Der Druck ist nicht groß genug", sagt Simon. Gendoping wäre nach heutigem technischen Stand nur in der Lage, die Produktion von Hormonen wie Epo im Körper leicht zu erhöhen. "Das macht angesichts der gesundheitlichen Gefahren hoffentlich kein Top-Athlet", so der Sportmediziner, "es gibt auch keine Hinweise, die über Anekdoten hinausgehen." Das erste Einsatzgebiet für die viralen Erbgutfähren sieht Simon an anderer Stelle: in der Bodybuilder-Szene. Bei einem Besuch der Bodybuilder-Messe Fibo in Essen war der Wissenschaftler überrascht, wie viel seine Gesprächspartner über die genetischen Hintergründe der menschlichen Physiologie wussten.

Die Gefahren, die den Sportlern durch unkontrolliertes Ausprobieren halbfertiger Gentherapeutika drohen, sind beträchtlich. Im Rahmen von Studien sind bei Patienten, die unter Immundefekten litten, nach Behandlungsversuchen vermehrt Krebserkrankungen aufgetreten. "Schon bei gentherapeutischen Versuchen an Affen gibt es häufig Todesfälle", erklärt Simon. "Das Problem ist das Immunsystem des Körpers." Das körpereigene Abwehrsystem könne sowohl auf die als Gen-Taxi missbrauchten Viren reagieren, als auch auf die so sehnlich erwarteten Produkte der mühsam in den Körper geschleusten Gene: Das Immunsystem von Laboraffen produzierte nach dem Einschleusen von Epo-Genen Antikörper gegen das Epo - und zerstörte so das körpereigene Erythropoetin gleich mit, die Affen starben. "Im günstigsten Fall erleidet ein Sportler nur eine Leistungsschwäche, im schlimmsten Fall stirbt er am Gendoping", sagt Simon.

Noch schlimmer als die Gefahren für den dopenden Sportler sind nach Simons Ansicht die Sicherheitsrisiken für die Bevölkerung. Was, so die bange Frage, würde passieren, wenn ein als Gen-Taxi missbrauchtes Virus tatsächlich wieder in der Lage wäre, andere Menschen zu infizieren? Und bei diesen Menschen auch ein zusätzliches Gen ins Erbgut einbaut? Mit welchen Folgen? Aus diesen Gründen unterliegen medizinische Forschungsarbeiten im Labor strengen Sicherheitsvorkehrungen. Führende Forscher wie der US-Gentherapie-Pionier Jude Samulski von der University of North Carolina in Chapel Hill fordern denn auch sicherere Virusfähren, um das Risiko eines infektiösen Gens zu minimieren.

Sorgen bereitet Medizinern, dass Leistungssportler offenbar nur wenig Sicherheitsbedenken haben, wie regelmäßig wiederholte Befragungen von Athleten zeigen. Der US-Arzt Bob Goldman fragte die Sportler, ob sie eine Droge, die ihnen einen sportlichen Erfolg sichert, auch dann nehmen würden, wenn sie innerhalb von fünf Jahren sterben müssten. Etwa die Hälfte der Athleten entschied sich regelmäßig für das Doping. Das als Goldman-Dilemma bekannte Phänomen gibt keinen Grund zur Hoffnung, dass Gendoping am Leistungssport vorübergehen wird.

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1. Nein, denn das zerstört nicht den Reiz...
silke_w. 09.08.2012
... allein, wenn sich über Erfolg im Leistungssport keine fragile Aura von Bewundertsein, Ruhm und finanzieller Bestätigung aufbauen ließe, käme auch der Sport wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es wird Zeit, dass die Popularität des Leistungssports eingegrenzt wird, der Zuschauer diese Machenschaften mit mangelndem Interesse an selbigem quittiert. Ohne wirtschaftliche Faktoren durch TV-Übertragung, Werbung udgl. und gesellschaftliche Promotion ist keine solche Entwicklung vorstellbar. Davon bin ich überzeugt.
2. Krankheiten heilen ja, Sportdoping nein!
CaptainSpock 09.08.2012
Die Erkenntnisse der medizinischen Forschung ist einerseits bahnbrechend , gleichzeitig aber auch beängstigend. Ich erinnere mich an den Film Gattaca, in dem nur noch Menschen mit perfekten Genen zur Welt kommen. Doch ist das der erstrebenswerte Zustand? irgendwann perfekt zu sein? Was käme nach dem Erreichen der Perfektion? Wäre die Menschheit dann glücklicher? Sicherlich ist befürworte ich die Heilung von genetischen Krankheiten, doch Gendoping für mehr Leistung im Sport finde ich falsch und macht den Sport nicht mehr zu dem was er eigentlich ist.
3.
kommentar4711 09.08.2012
Zitat von silke_w.... allein, wenn sich über Erfolg im Leistungssport keine fragile Aura von Bewundertsein, Ruhm und finanzieller Bestätigung aufbauen ließe, käme auch der Sport wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es wird Zeit, dass die Popularität des Leistungssports eingegrenzt wird, der Zuschauer diese Machenschaften mit mangelndem Interesse an selbigem quittiert. Ohne wirtschaftliche Faktoren durch TV-Übertragung, Werbung udgl. und gesellschaftliche Promotion ist keine solche Entwicklung vorstellbar. Davon bin ich überzeugt.
Sie tun so, als wäre Doping ein reines Problem des Profisportes. Melden Sie sich mal in der Laufgruppe von nebenan oder dem Fitness-Studio zwei Straßen weiter an, was da abgeht ist mindestens auf dem gleichen Niveau wie bei vielen Profis. Wenn nicht sogar noch mehr, da es keine Kontrollen gibt. Doping ist de Facto im Breitensport mindestens genauso verbreitet wie im Profisport. Und da geht es meistens nur darum, dass sich die Leute selbst etwas beweisen wollen. Und die Mittelchen "nimmt doch jeder", deswegen macht man sich darüber auch keine Gedanken. Schon gar nicht über die gesundheitlichen Folgen.
4.
1man1cup 09.08.2012
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man einen Menschen mit seinem Körper tun lassen sollte, was er oder sie für richtig hält. Es ist ja bereits angeklungen, dass viele der potentiellen Doping-Kandidaten bereit dazu wären als Preis für das manipulierte Erbgut innerhalb der nächsten 5 Jahre zu sterben. Das hört sich für mich nach einer eindeutigen Aussage an, die man zu respektieren hat.
5.
Websingularität 09.08.2012
Zitat von 1man1cupGrundsätzlich bin ich der Meinung, dass man einen Menschen mit seinem Körper tun lassen sollte, was er oder sie für richtig hält. Es ist ja bereits angeklungen, dass viele der potentiellen Doping-Kandidaten bereit dazu wären als Preis für das manipulierte Erbgut innerhalb der nächsten 5 Jahre zu sterben. Das hört sich für mich nach einer eindeutigen Aussage an, die man zu respektieren hat.
Im Artikel steht aber, dass auch Mitmenschen gefährdet werden können. Daher ist es nicht mehr deren freie Entscheidung!
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)


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