SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

01. September 2017, 12:16 Uhr

Überarbeitete Ernährungsregeln

Gesund essen - jetzt aber wirklich

Von Lea Wolz

Unter Experten galten die Empfehlungen als angestaubt. Jetzt hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ihre "10 Regeln" für eine gesunde Nahrung aktualisiert. Dabei wurden einige bekannte Empfehlungen gestrichen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat ihre "10 Regeln" aktualisiert, in denen sie Empfehlungen gibt, wie Verbraucher sich gesund ernähren. Etliche Fachleute hatten seit geraumer Zeit eine Überarbeitung gefordert, weil sie die Regeln als überholt ansahen.

Die Regeln seien "auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse angepasst, sprachlich überarbeitet und konkretisiert", schreibt die DGE. In der neuen Version empfehlen die Ernährungsexperten nicht mehr, zu "reichlich Getreideprodukten sowie Kartoffeln" zu greifen. Dieser Rat zu einem ausgedehnten Kohlenhydratverzehr stand in der Kritik, da er schlimmstenfalls das Abnehmen erschwere und die Entwicklung von Diabetes begünstige.

Stattdessen betont die Gesellschaft nun, dass es besser sei, bei Getreideprodukten die Vollkornvariante zu wählen. Lebensmittel aus Vollkorn würden länger sättigen und mehr Nährstoffe enthalten als Weißmehlprodukte, schreibt die DGE. Zudem: "Ballaststoffe aus Vollkorn senken das Risiko für Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Dickdarmkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen."

Kein Rat mehr zu fettarmen Produkten in den "10 Regeln"

Gestrichen wurde auch der Punkt, Eier nur in Maßen zu konsumieren sowie wenig Fett und fettreiche Lebensmittel zu sich zu nehmen. Auf den ersten Blick folgt die DGE damit scheinbar der US-amerikanischen Fachgesellschaft, die schon seit 2015 keine Obergrenze für den Fettanteil in der Nahrung nennt. Auch auf den Rat, cholesterinarme Lebensmittel zu wählen, verzichten die Amerikaner.

Denn das Cholesterin in der Nahrung wirkt sich bei den meisten Menschen nur unwesentlich auf den Cholesterinspiegel im Blut aus. Wer generell auf Fett verzichtet, nimmt zudem oft auch zu wenig der gesunden ungesättigten Fettsäuren auf, wie sie etwa in Leinöl, Rapsöl, Olivenöl, Nüssen oder fettem Fisch vorkommen. Und er greift stattdessen oft zu den ungesunden Kohlenhydraten, wie sie etwa in Weißmehlprodukten vorhanden sind.

Allerdings: Auf Nachfrage teilt eine Sprecherin der DGE mit, dass der Richtwert für Fettzufuhr - aktuell empfiehlt die DGE 30 Prozent der Gesamtenergiezufuhr - weiterhin gelte. Ein Hinweis darauf findet sich in den "10 Regeln" allerdings nicht mehr. In punkto Fett betont die DGE nun stattdessen, dass gesundheitsfördernde pflanzliche Fette wie Rapsöl gewählt werden sollen. Auch ungesalzene Nüsse werden empfohlen. "Versteckte Fette", die in verarbeiteten Lebensmitteln wie Wurst, Gebäck, Süßwaren, Fast Food und Fertigprodukten stecken, seien hingegen zu meiden.

Die Milch ist bei dieser Aufzählung nicht mehr vorhanden. Auch hier hat sich das Bild in den vergangenen Jahren gewandelt. Wurde Milchfett - und damit Vollmilchprodukte - aufgrund des hohen Gehalts an gesättigten Fettsäuren lange als ungünstig für die Gesundheit betrachtet, zeigen neuere Daten: Das Fett ist offenbar sogar gut für Herz und Gefäße und kann das Risiko für Diabetes senken. Die DGE rät in den "10 Regeln" nicht mehr, bei Milch fettarme Produkte zu bevorzugen.*

Experten hatten schon länger gefordert, gesättigte Fettsäuren nicht mehr generell zu verteufeln. Stattdessen empfehlen sie, die Lebensmittel anzusehen, in denen diese Fettsäuren enthalten sind und deren Zusammensetzung zu bewerten. Der generelle Satz "Zu viele gesättigte Fettsäuren erhöhen das Risiko für Fettstoffwechselstörungen, mit der möglichen Folge von Herz-Kreislauf-Krankheiten" findet sich in der aktuellen Version der "10 Regeln" nicht mehr. Stattdessen geben die Ernährungsexperten konkrete Ratschläge, welche Lebensmittel gesundheitlich von Vorteil sind.

Fleisch - noch immer nur in Maßen

Präzisiert ist auch der Rat, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zu verzehren. Hier gab es Kritik, da Obst - je nach Fruchtzuckergehalt - ein Dickmacher sein kann. Die DGE empfiehlt nun zwei Portionen Obst und mindestens drei Portionen Gemüse. Wobei betont wird, dass dazu auch "Hülsenfrüchte wie Linsen, Kirchererbsen und Bohnen" gehören - und damit Gemüsesorten, die unter anderem reich an Ballaststoffen und Eiweiß sind.

Geblieben ist der Hinweis, überwiegend pflanzliche Lebensmittel zu verzehren. Wer Fleisch isst, sollte nicht mehr als 300 bis 600 Gramm pro Woche zu sich nehmen, so die DGE. Denn Fleisch enthalte zwar gut verfügbares Eisen sowie Selen und Zink. Allerdings seien in Fleisch und Wurst auch für die Gesundheit ungünstige Inhaltsstoffe. Auf Nachfrage nennt die DGE gesättigte Fettsäuren, Cholesterin und Purine.

Keine starren Ge- oder Verbote

Generell betont die Gesellschaft, dass die "Empfehlungen Platz für individuellen Spielraum lassen und nicht als starre Ge- oder Verbote zu verstehen sind".

Ernährungsfachleute hatten in der Vergangenheit Probleme, ihre präventiven Kurse von Krankenkassen bezuschusst oder erstattet zu bekommen, wenn diese sich nicht starr nach den Regeln der DGE richteten. Auch hier sei man mit den zuständigen Stellen in Kontakt, so die DGE-Sprecherin. Allerdings: "Das Nährstoffverhältnis hat sich nicht verändert." Die Richtwerte für Fett, Kohlenhydrate und Proteine seien weiterhin gültig.

Die Änderungen seien zahlreich und gingen in die richtige Richtung, so Johannes Scholl, Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin. Und auch Matthias Riedl vom Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner sieht einen Großteil der Forderungen umgesetzt.

Allerdings kritisiert er, dass konkrete Angaben zur Dosierung fehlen und dass die DGE noch immer an ihrem Nährstoffverhältnis festhält - "wenn auch durch die Hintertür". Riedl zufolge hätte die DGE "stärker betonen müssen, dass Kohlenhydrate sparsam zu verzehren sind. Auch der Eiweißanteil in der Ernährung hätte klar nach oben korrigiert werden sollen." Denn Eiweiß halte lange satt und sei gut für den Muskelaufbau.

Ein Verweis auf andere empfehlenswerte Fette wie Nuss- oder Olivenöl wäre aus Sicht des Mediziners ebenfalls sinnvoll. Genauso wie beim Salz ein Hinweis darauf, dass die Fachwelt über die optimale Dosis streitet - und auch zu wenig davon ungesund sein kann. Dennoch betont Riedl: "Es ist positiv, dass diese überfällige Überarbeitung nun erschienen ist."

*Aktualisierung: Auf Nachfrage teilt die DGE mit, dass die Energiedichte immer noch ein wichtiges Kriterium für die Lebensmittelauswahl sei. Auch wenn der Begriff "fettarm" in den "10 Regeln" nicht explizit genannt werde, empfehle die Gesellschaft weiterhin einen moderaten Fettverzehr. Die Aussage, fettarme Milchprodukte zu bevorzugen, gelte nach wie vor.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH