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Ernährung: Forscher feilschen um optimale Dosis Obst und Gemüse

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Salat mit Wassermelone und Feta: Eine Mahlzeit kann mehrere Obst- und Gemüseportionen enthalten Zur Großansicht
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Salat mit Wassermelone und Feta: Eine Mahlzeit kann mehrere Obst- und Gemüseportionen enthalten

Die 650 Gramm Obst und Gemüse, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung pro Tag empfiehlt, sind kaum zu schaffen? Eine aktuelle Auswertung von Studien legt nahe: Schon 400 Gramm könnten ausreichen.

Ananas, Birne, Chicorée - man kann diese Liste beliebig mit Obst- und Gemüsesorten fortsetzen. Was laut aktuellem Stand der Ernährungswissenschaft herauskommt, ist immer dasselbe: Die Basis eines gesunden Speiseplans.

Eine im "British Medical Journal" veröffentlichte Metaanalyse zeigt erneut: Wer reichlich Obst und Gemüse isst, hat ein geringeres Risiko, frühzeitig zu versterben. Insbesondere das Risiko tödlicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei Menschen, die viel Obst und Gemüse essen, niedriger, berichtet das Forscherteam um Wei Bao von den National Institutes of Health in Rockville, US-Bundesstaat Maryland, und Frank Hu von der Harvard School of Public Health in Boston, Massachusetts.

Bao, Hu und Kollegen werteten 16 Studien aus, an denen insgesamt rund 833.000 Menschen teilgenommen hatten. Die Untersuchungen liefen zwischen 4 und 26 Jahren. Rund 56.400 Teilnehmer starben innerhalb des Studienzeitraums, 11.500 davon an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 16.800 an Krebs. Diverse andere Faktoren wurden erfasst und miteingerechnet, darunter Alter, Body-Mass-Index und Zigarettenkonsum. Meist ermittelten die Forscher die Ernährungsgewohnheiten per Fragebogen, in wenigen Studien führten die Teilnehmer einige Tage lang Buch darüber, was sie aßen. Eine Portion entsprach in den Studien rund 80 Gramm Obst oder Gemüse.

Keine Auswirkung aufs Krebsrisiko

Pro täglicher Portion Obst oder Gemüse sank laut der Auswertung das Risiko eines frühzeitigen Todes um etwa fünf Prozent. Bei den Teilnehmern, die fünf Portionen am Tag aßen, war es also um rund 25 Prozent verringert. Das Risiko, an einem Herz-Kreislauf-Leiden zu sterben, sank um rund vier Prozent pro täglicher Portion. Das Risiko einer tödlichen Krebserkrankung veränderte sich nicht.

Da die Forscher lediglich Beobachtungsstudien auswerteten, lässt sich aus den Daten nicht direkt ableiten, ob der erhöhte Obst- und Gemüsekonsum für die verringerte Sterblichkeit verantwortlich ist. Es könnten andere Faktoren entscheidend sein, die nicht hinreichend berücksichtigt wurden.

Studien, bei denen Menschen über mehrere Wochen mehr Obst und Gemüse aßen als normalerweise, zeigten allerdings, dass dies unter anderem den Blutdruck senkt, schreiben die Forscher ("NEJM, 1997", "The Lancet, 2002"). Das wiederum wirkt sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus, wenn damit Bluthochdruck gemildert wird.

400, 560 oder 650 Gramm?

Mehr als fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag haben laut der Studie keinen weiteren messbaren Effekt auf die Sterblichkeit. Damit widerspricht die Analyse einer kürzlich veröffentlichten britischen Studie, laut der es besser sieben Portionen täglich sein sollten.

Auch unterscheidet sie sich von den Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Diese rät zwar auch zu fünf Portionen am Tag, wovon drei Gemüse oder Salate sein sollten. Allerdings entspricht bei der DGE eine Portion rund 130 Gramm - und nicht 80 Gramm, mit denen Briten und US-Amerikaner rechnen.

  • Die DGE empfiehlt also mindestens 650 Gramm Obst und Gemüse täglich,
  • die britische Studie mindestens 560 Gramm,
  • laut der aktuellen Metaanalyse sind dagegen 400 Gramm schon optimal, um die Sterblichkeit zu senken.

Was stimmt? Das wird wohl eine Streitfrage bleiben.

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insgesamt 53 Beiträge
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1.
freespeech1 30.07.2014
Ach, mehr als fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag haben laut der Studie keinen weiteren messbaren Effekt auf die Sterblichkeit. Wie denn auch, die Sterblichkeit liegt bei 100,0%, mit oder ohne Gemüse.
2.
goodcharlotte 30.07.2014
Wie ist eigentlich die Blutdruck senkende Wirkung zu bewerten, wenn man schon sehr niedrigen Blutdruck hat?
3. Das ist
rudi.waurich 30.07.2014
schon in Ordnung, wenn's a hoibe Sau und a Brödla dazu gibt! :)
4. Obst allein wirf's nicht sein :-)
spon_2075863 30.07.2014
Studien, dass weis jeder, der sich über die letzten 30 Jahre damit auseinandersetzt, verändern ihre Aussage über die Jahre hinweg. Je nachdem in welchem Kontext sie interpretiert werden . Zum Obst ist nur zu erwähnen, die Frage - was haben die Probanden den sonst so gemacht - Ausser Obst und Gemüse ? Gesessen, gelebt , bewegt ? Vielleicht sogar alle im Sessel ? Vielleicht jeder etwas anderes ..
5. Das Problem...
phraseonym 30.07.2014
liegt m.E. eher in Der Tatsache, dass das heutige Obst und Gemüse meist nicht einmal mehr 10% der Nährstoffe, Mineralien, Spurenelemente etc. enthält, wie im Vergleich zu den Werten vor ca. 60 Jahren. Es wird eben auf Masse produziert und alle wollen es billig, billig, billig.... Da bringen die 400 Gramm auch nichts.
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Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
Ernährungsstudien
Allgemeines
Studien in der Ernährungsforschung können nach unterschiedlichen Kriterien eingeteilt werden: zeitlich, nach Zielen oder der Art der Einflussnahme. Bei retrospektiven Studien untersuchen die Forscher Material, das bereits zu Beginn der Studie vorliegt. Das können zum Beispiel Daten aus Untersuchungsbefunden oder Testergebnissen sein. Demgegenüber entstehen bei prospektiven Studien die Daten erst, nachdem die Studie begonnen hat. Experimentelle Studien sind grundsätzlich prospektiv, während Beobachtungsstudien sowohl prospektiv als auch retrospektiv sein können.
Was sind Beobachtungsstudien?
Beobachtungsstudien wie etwa Kohorten- oder Fall-Kontroll-Studien sind nicht-experimentelle Studiendesigns, bei denen seitens der Forscher keine Intervention in den Behandlungsablauf stattfindet. Das heißt: Die Probanden werden über den Untersuchungszeitraum hinweg unter natürlichen Bedingungen ausschließlich beobachtet. Experimente oder Untersuchungen, bei denen die Teilnehmer einer sogenannten Interventionsgruppe oder Kontrollgruppe zugewiesen werden, finden nicht statt.
Im Fokus der Beobachtung steht dabei ein bestimmtes Merkmal, das von Interesse ist, wie etwa ein bestimmtes Ernähungsverhalten. Die Beobachtung kann prospektiv (Kohortenstudie) oder retrospektiv (Fall-Kontroll-Studie) erfolgen.
Vorteil von Beobachtungsstudien: Sie lassen sich auf den Alltag übertragen, da die Probanden in einer natürlichen Situation beobachtet werden - ohne dass sie ihr Verhalten oder ihre Gewohnheiten bewusst verändern, wie es etwa unter Laborbedingungen der Fall ist.
Nachteil von Beobachtungsstudien: Sie sind in ihrer Aussagekraft stets eingeschränkt, da eben keine Intervention stattgefunden hat und Ergebnisse dadurch verzerrt sein können. Irritierende Einflussgrößen können unbemerkt zu Beziehungen zwischen einem Faktor und dem Ergebnis führen. Stichhaltige Aussagen über Ursache-Wirkung-Beziehungen können somit nicht auf Basis von Beobachtungsstudien getroffen werden. Aufgrund der möglichen Fehlerquellen liefern Beobachtungsstudien daher eine geringere empirische Nachweisbarkeit (Evidenz) als experimentelle Studien.
Notwendig sind diese Studien dennoch, da sie einen vorläufigen Nachweis liefern, der als Grundlage für weitere Hypothesen dient. Diese können anschließend in experimentellen Studien überprüft werden.
Was sind Interventionsstudien?
Bei Interventionsstudien handelt es sich immer um prospektive Studien: Ähnlich einer prospektiven Kohortenstudie werden die Probanden im Laufe einer bestimmten Zeitspanne untersucht, um die Auswirkungen einer bestimmten Intervention zu messen - zum Beispiel den Einfluss von einer olivenölreichen Ernährung auf das Risiko einer bestimmten Volkskrankheit wie Diabetes.
Die Probanden werden dafür zu Beginn der Studie in verschiedene Interventionsgruppen sowie eine Kontrollgruppe eingeteilt. Bei einer oder mehreren Gruppen wird im Studienverlauf aktiv interveniert (die Probanden müssen beispielsweise täglich eine bestimmte Menge Olivenöl zu sich nehmen), während eine Kontrollgruppe von der Intervention ausgeklammert wird.
Die Einteilung in die verschiedenen Interventionsgruppen erfolgt in der Regel zufällig. Es ist daher auch von randomisierten, kontrollierten Studien die Rede. Oft werden experimentelle Studiendesigns dann herangezogen, wenn eine Hypothese als Ergebnis einer Beobachtungsstudie überprüft werden soll.
Interessenkonflikte
Interessenkonflikte bezeichnen Situationen, in denen das professionelle Urteilsvermögen oder Handeln von Wissenschaftlern durch sogenannte sekundäre Interessen beeinflusst sein könnte. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Mediziner Honorare von einer Pharmafirma erhält (sekundäres Interesse) und anschließend in einer Studie die Qualität eines Medikaments der Firma bewerten soll (primäres Interesse).
Ein Interessenkonflikt besteht nicht erst im Falle eines Fehlverhaltens der Forscher, sondern liegt vor, sobald primäre und sekundäre Interessen miteinander konkurrieren. Dies bedeutet noch nicht, dass sich die Situation per se negativ auf sein Urteilsvermögen oder seine Integrität auswirkt, sondern stellte lediglich das Risiko dafür dar.
Wissenschaftlern ist nicht jede Beziehung zu Industrie und Wirtschaft grundsätzlich vorzuwerfen. In vielen Bereichen, etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente, ist ein Austausch zwischen Forschern und Unternehmen sogar erstrebenswert und erforderlich, damit Studien zustande kommen und unter bestmöglichen Bedingungen stattfinden können.
Problematisch sind finanzielle Beziehungen zwischen Forschung und Wirtschaft immer dann, wenn Wissenschaftler Zuwendungen entgegennehmen, ohne eine fachliche Gegenleistung zu erbringen. Dazu gehört zum Beispiel die Übernahme von Reisekosten zu Kongressen. Entscheidend ist auch, wie die Wissenschaftler selbst mit Interessenkonflikten umgehen und ob sie diese offenlegen. Die Offenlegung von Interessenkonflikten ist bisher nicht einheitlich geregelt, wird aber von vielen renommierten Fachmagazinen gefordert.


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