Gefährliches Grillen Das 300-Kippen-Steak

Sommer, Feuer, Kohle, Fleisch: Den Spaß am Grillen lässt sich Jens Lubbadeh so schnell nicht verderben. Die Warnung eines Freundes aber schockiert ihn doch. Soll er jetzt wegen der krebserregenden Stoffe etwa nur noch mit Alufolie grillen?

Saftiges Grillgut: "Nacktes Fleisch über der Glut"
Corbis

Saftiges Grillgut: "Nacktes Fleisch über der Glut"


Dieser Blitz-Sommer mit Tropenhitze kommt gerade recht: Endlich kann ich meinen neuen Kugelgrill einweihen. Leider gab es ihn im Baumarkt nur noch in Rosa oder Weiß. Ich nahm Weiß. Das sei ja ein echter Großstädtergrill, kommentierte ein schwuler Freund. Ob die Grillhersteller mit solchen Farben mehr weibliche Käuferschaft ansprechen wollen? Viel Erfolg! Denn Grillen, verweichlichte Großstadt hin oder her, ist immer noch eine Ur-Domäne des Mannes. In der Steinzeit grillten die Jäger die Mammutsteaks, heute sind es die Fitnessstudio-Benutzer. Mit nacktem Oberkörper, knielangen Shorts und Zange in der Hand haben sie heute die Hoheit über das Fleisch inne.

So auch im Hamburger Stadtpark. Während heruntertropfendes Fett auf glühende Kohlen zischt, lässt das Spiel der Muskeln unter der glattrasierten Brust die Tattoos zu Animationsfilmen werden. Allerdings kriegen auch Untrainierte auf ihren Schwabbelflächen Animationseffekte hin.

Tobi zieht zwei Aluminiumschälchen aus seinem Rucksack. Ich schaue ihn erstaunt an.

"Ist das dein Ernst?", frage ich.

Tobi schaut ein wenig verlegen, dann sagt er: "Das ist viel gesünder."

"Aha."

"Wenn das Fett auf die Kohlen tropft, entstehen total viele krebserregende Stoffe, und die ziehen mit dem Rauch aufs Fleisch", erklärt er.

"Hm", sage ich. Eigentlich weiß ich das auch. Aber man grillt doch so selten. Und außerdem können Ernährungswissenschaftler einem ziemlich genau sagen, wie man richtig grillt und Gefahren vermeidet. So schlimm kann es doch nicht sein, denke ich.

"Ich hab gelesen, dass ein gegrilltes Steak so schlimm ist wie 300 Kippen", sagt Tobi.

Meine Kinnlade kippt runter. "300 Kippen?", frage ich ungläubig. "Bist du sicher?"

"Absolut."

"Dann kannste ja auch gleich wieder mit dem Rauchen anfangen", sage ich zu ihm.

Tobi lacht. "Genau. Deswegen nehm ich Alu."

"Irgendwie verdirbt einem das Alu den Spaß"

Weil ich weiß, wie hart es für ihn war, mit dem Rauchen aufzuhören, will ich ihm nicht in den Rücken fallen: "Na gut, dann grill ich heute auch mal mit Alu."

Endlich glühen die Kohlen. Wir legen die Aluschälchen auf den Grillrost. Tobi legt in seins Chicken Wings und Würstchen, in meins kommt ein Steak und Würstchen. Sein Fleisch fängt schon bald an zu brutzeln, in meiner Schale aber tut sich wenig.

"Mist, wir haben zu wenig Kohlen genommen", sagt Tobi.

"Aber der Grill ist doch voll? Vielleicht schlucken die Aluschälchen die ganze Hitze?"

Tobi schaut skeptisch. Wir grillen erst mal weiter. Sein Fleisch brutzelt, meines nicht.

Ich kann es mir dann doch nicht verkneifen: "Irgendwie verdirbt einem das Alu doch den ganzen Spaß", sage ich. "Nacktes Fleisch über der Glut - das ist es doch, was Grillen ausmacht." Tobi schaut ein wenig gequält, während er mit der Zange seine Chicken Wings umdreht. Er schafft es kaum, weil sie am Alu festgepappt sind.

"Das schmeckt doch dann bestimmt auch gar nicht nach Grill", haue ich weiter in die Kerbe. "Und die schönen Grillstreifen fehlen auch noch." Jetzt bekommt Tobi seine Chicken Wings doch noch los. "Ich glaube, die sind bald soweit", sagt er.

Ich bin jetzt wirklich hungrig, aber in meinem Schälchen passiert immer noch kaum was. Tobi schnappt sich seinen Teller und lädt ihn mit Fleisch voll. "Ich fang schon mal an, ja?", sagt er und fängt sofort an zu essen. Ob er sauer ist, weil ich sein Alu so gedisst habe?

Fleisch direkt über der Glut - das ist Grillen!

Ich nehme meine Schale vom Grill, entferne den Rost und schütte mehr Kohlen auf. Dann fächere ich mit dem Plastikteller Luft zu. Es dauert nicht lange, bis die Kohlen anfangen zu glühen.

Vom Alu habe ich genug und lege mein Steak und meine Würstchen direkt auf den Rost. Dann kommt das schlechte Gewissen. 300 Kippen, verdammt. Ich habe aber Hunger! Sofort beginnen die Würstchen, vor Hitze zu knistern und sich langsam aufzublähen. Saft spritzt aus einer Wurst und tropft auf die Glut. Es zischt, ein Rauchwölkchen entsteht.

Tobi grinst, ich grinse auch. Ja, das ist Grillen: nacktes Fleisch über roter Glut. Fünf Minuten später sind meine Würstchen fertig. Das Streifenmuster, das der Rost auf ihnen hinterlassen hat, könnte im großen Lehrbuch des Grillens stehen.

Während ich noch esse, startet Tobi bereits zur zweiten Runde. Er bleibt eisern beim Aluminium. Diesmal hat der Grill aber mehr Power. Nach kurzer Zeit brutzelt es nicht nur, es raucht bedenklich in seiner Schale. Plötzlich schießt eine Flamme durch das Schälchen, danach prangt in seiner Mitte ein schwarzes Loch. "Mist", schimpft Tobi. Er schmeißt die Schale weg und legt seine Würstchen direkt auf den Rost. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Als ich meine Würstchen dazulege, erkenne ich in der Glut kleine silbrig-graue Flocken. Vielleicht Aluminiumoxid? Ich beschließe, das Tobi lieber zu verschweigen. Wer weiß, wie viele Kippen das wohl wieder sind.



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Seite 1
zorr0 20.06.2013
1.
Immer diese Panikmache. Leben ist krebserregend...
olle kalle 20.06.2013
2. Aluminium eine gute Alternative?
Aluminium steht im Verdacht, Alzheimer auszulösen: http://www.aerzteblatt.de/archiv/134394/Morbus-Alzheimer-Nach-Jahren-Auftrieb-fuer-die-Aluminiumhypothese Leben ist tödlich. Von daher ist es mir lieber, am Ende sagen zu können: Wenigstens geschmeckt hat es.
Mansour73 20.06.2013
3.
Zitat von sysopCorbisSommer, Feuer, Kohle, Fleisch: Den Spaß am Grillen lässt sich Jens Lubbadeh so schnell nicht verderben. Die Warnung eines Freunds aber schockt ihn doch. Soll er jetzt wegen der krebserregenden Stoffe etwa nur noch mit Alufolie grillen? http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/gesundheitsgefahren-beim-grillen-das-300-kippen-steak-a-906417.html
Sorry, aber ich habe selten so einen Stuss gelesen! Am besten einfach nur noch Fertigessen aus der 'Bing' genießen!?! Am besten noch mit künstlichem Rauchgeschmack. *Kopfschüttel* Es gibt gewisse Sachen da sollten ein paar Schreiberlinge einfach mal die Finger still halten und uns mit diesen geistigen Ergüssen verschonen!
Karl Schmidt 20.06.2013
4.
@Zorr0 Klar nur besteht auch ein Unterschied ob ich z.B. durch die Stadt laufe und dabei etwas Abgase einatme oder mein Kopf gleich an die Abgasanlage lege... Immer dieses schlechtreden "dies ist kein echtes grillen. das ist kein echtes grillen". Bekannte wollen mir immer noch erzählen um wieviel besser das Fleisch schmeckt weil 5 Tropfen Bier das Fleisch treffen während der Rest sofort am verdunsten ist weil es daneben landet...klar ich mariniere ja auch mein Fleisch WÄHREND es am grillen ist.
tanmenu 20.06.2013
5. jean Marc Reiser
Zitat von sysopCorbisSommer, Feuer, Kohle, Fleisch: Den Spaß am Grillen lässt sich Jens Lubbadeh so schnell nicht verderben. Die Warnung eines Freunds aber schockt ihn doch. Soll er jetzt wegen der krebserregenden Stoffe etwa nur noch mit Alufolie grillen? http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/gesundheitsgefahren-beim-grillen-das-300-kippen-steak-a-906417.html
Bei solchen Artikeln, für den grünen Hausmann, muss ich immer an den Cartoonisten Reiser denken: "Wer raucht bekommt Lungenkrebs, wer nicht raucht bekommt Ar...krebs"
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