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Tod durch Trägheit: Beweg dich!

Von Cinthia Briseño

Bewegung tut gut: Herz, Kreislauf und Fettabbau aktivieren Fotos
Getty Images

Millionen Menschen sterben jährlich, bloß weil sie sich zu wenig bewegen. Trotzdem verharren viele in ihrer Trägheit. Gesundheitsprogramme können helfen. Sie werden jedoch nur angenommen, wenn Medienkampagnen sie begleiten.

Es heißt nicht umsonst, Sport ist die beste Medizin. Etwas anders haben es Forscher der Harvard University jetzt in einer aktuellen Studie ausgedrückt: Mangelnde Bewegung tötet ihren Schätzungen zufolge jährlich fünf Millionen Menschen. Die Betroffenen sterben, weil sie den ganzen Tag am liebsten auf der Couch verbringen, für den Einkauf beim Supermarkt um die Ecke oder den Weg zur Arbeit das Fahrrad um jeden Preis meiden, den Fahrstuhl der Treppe vorziehen und auch ansonsten nichts von körperlicher Ertüchtigung halten.

Aufs Leben gerechnet erkauft man sich die verlockende Trägheit sehr teuer: Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Depressionen und andere chronische Leiden sind jene berühmten Zivilisationskrankheiten, die Bewegungsmuffel auf ihre Liste "Erhöhtes Risiko für..." setzen müssen. Damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben.

Bereits vor ein paar Monaten hatten die Forscher der jetzt veröffentlichten Studie berechnet, dass US-Amerikaner zwei Jahre länger leben könnten, würden sie weniger als drei Stunden täglich sitzen. Wissenschaftler aus Taiwan waren im vergangenen Jahr sogar zu dem Schluss gekommen, dass schon eine Viertelstunde Bewegung am Tag genügt, um das Risiko eines frühzeitigen Todes um 14 Prozent zu senken.

Eine konkrete Zahl, wie groß die körperliche Aktivität sein muss, um sein Leben um eine bestimmte Anzahl von Jahren zu verlängern, lässt sich zwar nicht bestimmen - zu groß sind unter anderem auch genetische Einflüsse. Einig sind sich Ärzte und Forscher jedoch seit langem: "Bewegung hält geistig und körperlich fit." Und: "Es ist nie zu spät, damit anzufangen." Das sind die Sätze, die sie seit Jahrzehnten herunterbeten.

Bewegung auf Rezept

Dass diese relativ simple und einleuchtende Erkenntnis bisher noch nicht in die Wohnzimmer der Couch-Potatoes vorgedrungen ist, zeigt neben den jährlichen Statistiken über die steigende Zahl Übergewichtiger und Kranker ein vergleichsweise junger Vorstoß des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), der Bundesärztekammer (BÄK) und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin: Vor kurzem stellten sie ein bundesweit einheitliches "Rezept für Bewegung" vor.

Dieses Rezept können Ärzte ausstellen, um ihre Patienten zu mehr Bewegung zu animieren. Auf dem Schrieb gibt der Arzt Empfehlungen etwa für ein Herz-Kreislauf-Training, ein Training zum Aufbau der Muskulatur oder zur Stressbewältigung. Die Angaben sollen es dem Patienten erleichtern, sich aus den vielfältigen Kursangeboten der Landessportbünde das Passende auszusuchen.

Die Krankenkassen bezuschussen die Angebote mit bis zu 80 Prozent, sofern diese das Qualitätssiegel "Sport pro Gesundheit" tragen. Etwa 18.000 Sportangebote in Vereinen sind laut DOSB bereits mit dem Siegel ausgezeichnet. Sie erfüllen bestimmte Kriterien, so können beispielsweise die Übungsleiter eine bestimmte Ausbildung und Lizenz vorweisen.

Sport-Kampagnen brauchen Unterstützung der Medien

Doch wie wirksam sind Gesundheitsprogramme wie dieses tatsächlich? Auch dazu hat das Medizinjournal "The Lancet" jetzt eine Studie veröffentlicht. Forscher um Gregory Heath von der University of Tennessee haben darin verschiedene Interventionsprogramme weltweit analysiert und ausgewertet.

In ihren Augen sind besonders jene Programme effektiv, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten und in großen Kampagnen über die Massenmedien verbreitet werden. So sollte etwa "Wheeling Walks", eine große Kampagne, die in den späten neunziger Jahren in Wheeling, West Virginia gestartet wurde, 50 bis 65-Jährige dazu bringen, häufiger zu Fuß zu gehen. Werbespots im Fernsehen, im Radio und Anzeigen in der Zeitung riefen zum täglichen 30-minütigen Spaziergang auf. Tatsächlich bewegten sich nach der Kampagne 32 Prozent der Senioren in der Stadt mehr. Zuvor hatten 70 Prozent von ihnen angegeben, sich körperlich nicht zu bewegen.

Auf die Medien dürfte nicht zuletzt "The Lancet" selbst gesetzt haben. Pünktlich vor dem Start der Olympischen Spiele in London haben die Macher des britischen Medizinjournals ein ganzes Spezial zum Thema körperliche Aktivität und Bewegung herausgebracht, wahrscheinlich in der Hoffnung, über die Massenmedien Gehör bei den Lesern zu finden.

Wer diesem Aufruf zu mehr Bewegung folgen will - zu spät ist es ja bekanntlich nie -, dem empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgende einfache Regeln für ein gesünderes und längeres Leben:

  • Ganz gleich ob rasches Spazierengehen, Tanzen, Gärtnern, Schwimmen, Fahrradfahren, mit den Kindern spielen oder gezieltes Training: Alles das zählt als körperliche Bewegung
  • Erwachsene im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sollten sich mindestens 150 Minuten in der Woche körperlich bewegen
  • Wahlweise genügen auch 75 Minuten Sport pro Woche, etwa schnelles Laufen oder gezieltes Schwimmtraining

Bewegung im Alltag
Bleiben Sie in Bewegung
Verändern Sie regelmäßig die Sitzposition. Sie verhindern so, den Körper ständig in einer Haltung zu verspannen, was die Muskeln ermüdet. Kippen Sie das Becken vor und zurück, setzen Sie sich abwechselnd überwiegend auf die linke oder rechte Gesäßhälfte. Bewegen Sie auch den Oberkörper vor, zurück, links und rechts. Rutschen Sie mal nach vorne auf dem Stuhl, dann sitzen Sie wieder ganz hinten. Probieren Sie, mit der Hüfte zu kreisen.
Stellen Sie den Stuhl richtig ein
Arme und Beine sollten etwa im rechten Winkel geknickt sein, wenn Sie am Arbeitsplatz sitzen. Die Füße stehen fest auf dem Boden, die Arme können Sie locker auf den Tisch legen. Benutzen Sie die ganze Sitzfläche des Stuhls, achten Sie auch darauf, dass die Rückenlehne Ihren Rücken stützen kann. Sitzen Sie aufrecht, erstarren Sie aber nicht in Ihrer Sitzhaltung. Bewegung tut Ihren Bandscheiben gut. Die Arme dürfen Sie gerne auf den Armlehnen ablegen, um Schultern und Nacken zu entlasten. Die werden auch durch die Handballenablage vor der Computertastatur entlastet - alles was irgendwo aufliegt, müssen die Muskeln nicht den ganzen Tag halten.
Mein Bürostuhl kann das nicht
Wenn Sie Ihren Bürostuhl nicht auf sich einstellen können, er keine Bewegungen erlaubt, keine an Sie anpassbare Rückenlehne hat oder keine Armlehnen - dann brauchen Sie einen neuen Stuhl.
Stehen Sie auf!
Erledigen Sie Dinge, die Sie nicht im Sitzen machen müssen, stehend. Die Post können Sie an einem Stehpult öffnen und lesen, telefonieren können Sie vielleicht auch im Stehen, mit Kollegen sprechen sowieso. Zwingen Sie sich, regelmäßig aufzustehen, indem Sie häufig benötigte Dinge gerade nicht auf Ihrem Schreibtisch stehen haben. Der Drucker zum Beispiel sollte so weit weg von Ihnen stehen, dass Sie jedesmal aufstehen müssen, wenn Sie etwas drucken. Brauchen Sie etwas vom Kollegen zwei Türen weiter, lassen Sie das E-Mail-Programm zu, gehen Sie stattdessen zu ihm.
Vor dem Hinsetzen
Wenn Sie können, dann fahren Sie mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das geht natürlich schwer, wenn Sie morgens im Anzug oder Kostüm erscheinen müssen und es draußen regnet. Fahren Sie Auto, können Sie immer noch ein Stück entfernt parken und ein paar hundert Meter zu Fuß gehen. Wenn Sie nicht gerade im 13. Stock arbeiten, ist die Treppe eine gute Alternative zum Aufzug.

Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

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1. ........
janne2109 18.07.2012
ha ich, hab ichs doch geahnt, interessiert niemanden, die Krankenkasse zahlt ja jedes Leiden. Mensch Deutsche bewegt Euch mehr, dann können auch die Kassenbeiträge sinken
2. Reine Kopfsache
gepro 18.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesMillionen Menschen sterben jährlich, bloß weil sie sich zu wenig bewegen. Trotzdem verharren viele in ihrer Trägheit. Gesundheitsprogramme können helfen. Sie werden jedoch nur angenommen, wenn Medienkampagnen sie begleiten. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,845091,00.html
Vielen Menschen ist bewusst, dass mäßige Bewegung hilft, Krankheiten zu vermeiden. Leider setzen viele diese Erkenntnis nicht im Alltag um. Begründung: Keine Zeit. Dafür haben sie aber Zeit und gehen zum Arzt, lassen sich den verspannten Rücken wieder fitspritzen, mapfen diverse Nahrungsergänzungsmittel (Kosten!)... und jammern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst intelligente Menschen genau wissen, was sie gegen die typischen Zivilisationskrankheiten unternehmen könnten, aber nur sehr selten Taten folgen lassen. Mich langweilen diese Typen mittlerweile.
3. Zu eng gesehen
TheBear 18.07.2012
Zitat von janne2109ha ich, hab ichs doch geahnt, interessiert niemanden, die Krankenkasse zahlt ja jedes Leiden. Mensch Deutsche bewegt Euch mehr, dann können auch die Kassenbeiträge sinken
Halt, das ist zu eng gesehen. Ja, es sollten Anstrengungen gemacht werden Kosten zu senken, aber hat denn mal jemand im Gesamtrahmen nachgerechnet? Man muss doch Kranken- und Pensionskassen zusammen sehen. Also, die konkrete Frage ist doch: Kosten die Faulen mehr, dadurch, dass sie Krankenkassen mehr BElasten (weil sie mehr krank sind), als sie die Pensionskassen ENTlasten (weil sie früher sterben)?
4. Darauf hat die Welt gewartet
McPomNormalo 18.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesMillionen Menschen sterben jährlich, bloß weil sie sich zu wenig bewegen. Trotzdem verharren viele in ihrer Trägheit. Gesundheitsprogramme können helfen. Sie werden jedoch nur angenommen, wenn Medienkampagnen sie begleiten. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,845091,00.html
Ganze was neues: Die Bürger sind einfach zu doof, schnell noch ne Medienkampagne, das hilft! Wirklich! "Beweege Dich, Beweege Dich" oder auch lustig " Hallo liebe Freunde, lasst uns lustig in den Tag tanzen! Yeah! dubidu" JEEEZ
5.
Ingmar E. 18.07.2012
Zitat von TheBearHalt, das ist zu eng gesehen. Ja, es sollten Anstrengungen gemacht werden Kosten zu senken, aber hat denn mal jemand im Gesamtrahmen nachgerechnet? Man muss doch Kranken- und Pensionskassen zusammen sehen. Also, die konkrete Frage ist doch: Kosten die Faulen mehr, dadurch, dass sie Krankenkassen mehr BElasten (weil sie mehr krank sind), als sie die Pensionskassen ENTlasten (weil sie früher sterben)?
Deswegen erhöht man doch das Renteneintrittsalter, wenn das Durchschnittsalter steigt. Den Zusammenhang gibt es nur, wenn man sagt: wir erhöhen das Renteneintrittsalter nie wieder. Wenn jetzt aber eine Mehrheit der Menschen, durch eine bessere Selbstpflege, mehr Fähigkeiten ihre eigene Gesundheit zu erhalten, deutlich älter werden, und dabei gesund bleiben, können sie doch auch deutlich länger arbeitsfähig sein. Die meisten Berufe sind ja nicht besonders körperlich anstrengend. Ausserdem hats Auswirkungen aufs gesamte Leben, weil Bewegung z.B. nach aller Datenlage den Hirnstoffwechsel positiv zu beeinflussen scheint, und z.B. bei Depressionen hilft. Ausserdem werden so vllt. weniger Kinder geboren, weil Männer durch mehr Fettgewebe einen höheren Östrogen-Spiegel haben (Fettgewebe produziert Östrogene), was dann gesamtgesellschaftlich richtig teuer wird.^^ 70-80% der Kosten im Gesundheitswesen sind nur durch Herz-Kreislauferkrankungen. Psychische Erkrankungen sind ebenfalls stark auf dem Vormarsch. Und selbst Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes sprechen auf Bewegung, vor allem aber Muskelaufbau, positiv an, wodurch etliche Kosten gespart werden durch Folgeerkrankungen. Gesündere Menschen sind produktiver und eine steigende Lebenserwartung gesamtgesellschaftlich auch ökonomisch sinnvoll.
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Zur Autorin
  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.


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