Tod durch Trägheit: Beweg dich!
Millionen Menschen sterben jährlich, bloß weil sie sich zu wenig bewegen. Trotzdem verharren viele in ihrer Trägheit. Gesundheitsprogramme können helfen. Sie werden jedoch nur angenommen, wenn Medienkampagnen sie begleiten.
Es heißt nicht umsonst, Sport ist die beste Medizin. Etwas anders haben es Forscher der Harvard University jetzt in einer aktuellen Studie ausgedrückt: Mangelnde Bewegung tötet ihren Schätzungen zufolge jährlich fünf Millionen Menschen. Die Betroffenen sterben, weil sie den ganzen Tag am liebsten auf der Couch verbringen, für den Einkauf beim Supermarkt um die Ecke oder den Weg zur Arbeit das Fahrrad um jeden Preis meiden, den Fahrstuhl der Treppe vorziehen und auch ansonsten nichts von körperlicher Ertüchtigung halten.
Aufs Leben gerechnet erkauft man sich die verlockende Trägheit sehr teuer: Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Depressionen und andere chronische Leiden sind jene berühmten Zivilisationskrankheiten, die Bewegungsmuffel auf ihre Liste "Erhöhtes Risiko für..." setzen müssen. Damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben.
Bereits vor ein paar Monaten hatten die Forscher der jetzt veröffentlichten Studie berechnet, dass US-Amerikaner zwei Jahre länger leben könnten, würden sie weniger als drei Stunden täglich sitzen. Wissenschaftler aus Taiwan waren im vergangenen Jahr sogar zu dem Schluss gekommen, dass schon eine Viertelstunde Bewegung am Tag genügt, um das Risiko eines frühzeitigen Todes um 14 Prozent zu senken.
Eine konkrete Zahl, wie groß die körperliche Aktivität sein muss, um sein Leben um eine bestimmte Anzahl von Jahren zu verlängern, lässt sich zwar nicht bestimmen - zu groß sind unter anderem auch genetische Einflüsse. Einig sind sich Ärzte und Forscher jedoch seit langem: "Bewegung hält geistig und körperlich fit." Und: "Es ist nie zu spät, damit anzufangen." Das sind die Sätze, die sie seit Jahrzehnten herunterbeten.
Bewegung auf Rezept
Dass diese relativ simple und einleuchtende Erkenntnis bisher noch nicht in die Wohnzimmer der Couch-Potatoes vorgedrungen ist, zeigt neben den jährlichen Statistiken über die steigende Zahl Übergewichtiger und Kranker ein vergleichsweise junger Vorstoß des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), der Bundesärztekammer (BÄK) und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin: Vor kurzem stellten sie ein bundesweit einheitliches "Rezept für Bewegung" vor.
Dieses Rezept können Ärzte ausstellen, um ihre Patienten zu mehr Bewegung zu animieren. Auf dem Schrieb gibt der Arzt Empfehlungen etwa für ein Herz-Kreislauf-Training, ein Training zum Aufbau der Muskulatur oder zur Stressbewältigung. Die Angaben sollen es dem Patienten erleichtern, sich aus den vielfältigen Kursangeboten der Landessportbünde das Passende auszusuchen.
Die Krankenkassen bezuschussen die Angebote mit bis zu 80 Prozent, sofern diese das Qualitätssiegel "Sport pro Gesundheit" tragen. Etwa 18.000 Sportangebote in Vereinen sind laut DOSB bereits mit dem Siegel ausgezeichnet. Sie erfüllen bestimmte Kriterien, so können beispielsweise die Übungsleiter eine bestimmte Ausbildung und Lizenz vorweisen.
Sport-Kampagnen brauchen Unterstützung der Medien
Doch wie wirksam sind Gesundheitsprogramme wie dieses tatsächlich? Auch dazu hat das Medizinjournal "The Lancet" jetzt eine Studie veröffentlicht. Forscher um Gregory Heath von der University of Tennessee haben darin verschiedene Interventionsprogramme weltweit analysiert und ausgewertet.
In ihren Augen sind besonders jene Programme effektiv, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten und in großen Kampagnen über die Massenmedien verbreitet werden. So sollte etwa "Wheeling Walks", eine große Kampagne, die in den späten neunziger Jahren in Wheeling, West Virginia gestartet wurde, 50 bis 65-Jährige dazu bringen, häufiger zu Fuß zu gehen. Werbespots im Fernsehen, im Radio und Anzeigen in der Zeitung riefen zum täglichen 30-minütigen Spaziergang auf. Tatsächlich bewegten sich nach der Kampagne 32 Prozent der Senioren in der Stadt mehr. Zuvor hatten 70 Prozent von ihnen angegeben, sich körperlich nicht zu bewegen.
Auf die Medien dürfte nicht zuletzt "The Lancet" selbst gesetzt haben. Pünktlich vor dem Start der Olympischen Spiele in London haben die Macher des britischen Medizinjournals ein ganzes Spezial zum Thema körperliche Aktivität und Bewegung herausgebracht, wahrscheinlich in der Hoffnung, über die Massenmedien Gehör bei den Lesern zu finden.
Wer diesem Aufruf zu mehr Bewegung folgen will - zu spät ist es ja bekanntlich nie -, dem empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgende einfache Regeln für ein gesünderes und längeres Leben:
- Ganz gleich ob rasches Spazierengehen, Tanzen, Gärtnern, Schwimmen, Fahrradfahren, mit den Kindern spielen oder gezieltes Training: Alles das zählt als körperliche Bewegung
- Erwachsene im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sollten sich mindestens 150 Minuten in der Woche körperlich bewegen
- Wahlweise genügen auch 75 Minuten Sport pro Woche, etwa schnelles Laufen oder gezieltes Schwimmtraining
Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
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- Mittwoch, 18.07.2012 – 16:56 Uhr
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- Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
Manfred Witt
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- Körperliche Bewegung bei Erwachsenen: Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO
- Physical Activity Guidelines: Empfehlungen des US-Gesundheitsministeriums
- Qualitätssiegel "Sport pro Gesundheit": Homepate des Deutschen Olympischen Sportbund
- Rezept für Bewegung: Homepage des Landessportbund Hessen
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