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28. Dezember 2012, 15:03 Uhr

Herz-Kreislauf-Vorsorge

Wunderpille gegen das Infarktrisiko

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Morgens Nutella, mittags Schweinshaxe, Sahnetorte zum Kaffee. Kein Problem: Einmal täglich nur eine Tablette nehmen, die alle Sorgen vertreibt. Klingt nach Zukunftsmusik? Mediziner arbeiten an einem Arzneicocktail, der uns so vor den Folgen der Völlerei schützen soll.

Die Idee ist revolutionär einfach: eine Tablette mit sechs verschiedenen Wirkstoffen. Das Konzept: Jeder Mensch über 55 nimmt sie und senkt so das eigene Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall drastisch. Das Konzept für eine solche Polypille hatten zwei britische Mediziner bereits vor zehn Jahren entwickelt. Damals forderten Nicolas Wald und Malcolm Law vom Londoner Wolfson-Institut für präventive Medizin im "British Medical Journal" die Polypille für jeden. Nach jahrelangen Studien diskutieren Forscher das vermeintliche Wunderpräparat jetzt erneut - in leicht abgewandelter Form.

"Damals gab es viel Geschrei" sagt Gerd Glaeske, Pharmakologe am Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen. Die Pille würde die Menschen davon abbringen, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben, hieß es.

Daher schränkten Forscher den Kreis der potentiellen Kandidaten für die Kombitablette ein. Sie konzentrierten sich auf herzkranke Menschen, die von der Pille profitieren sollen - von altbekannten Wirkstoffen, in einer Tablette vereint: Acetylsalicylsäure (Aspirin) zur Blutverdünnung, cholesterinsenkende Statine und drei verschiedene Bluthochdruckmittel. Die in der Urversion der Pille vorgeschlagene Folsäure wurde dagegen inzwischen aus dem Sortiment genommen. "Sie hat wahrscheinlich keinen schützenden Effekt", sagt Thomas Eschenhagen, Leiter des Instituts für Experimentelle Pharmakologie und Toxikologie am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf.

Tests mit halber Kraft

Zunächst setzten Mediziner um den Kardiologen Salim Yusuf von der McMaster University im kanadischen Hamilton die neue Kombination in halber Dosierung ein. Sie wollten sicher gehen, dass die Polypille nicht zu mehr Nebenwirkungen führen würde als die einzeln verabreichten Medikamente. So kann Acetylsalicylsäure zu Magenblutungen führen, manche Blutdrucksenker zu Husten, Statine zu Muskelschmerzen und - sehr selten - zur Auflösung der Muskulatur mit nachfolgendem Nierenversagen. Erst als die Studienergebnisse beruhigend ausfielen, testete Yusuf die Polypille in voller Dosierung. Und konnte beobachten, dass die Werte für den Blutdruck und das schädliche LDL-Cholesterin sanken - wie zu erwarten war.

Allerdings sind die Bedürfnisse herzkranker Menschen sehr unterschiedlich. Je nach Patient muss die Dosierung der einzelnen Wirkstoffe hoch oder niedrig sein. "Es müsste also viele verschiedene Varianten der Polypille geben", sagt der Pharmakologe Glaeske. Und um die richtige Dosierung für den einzelnen Patienten zu finden, müssten sie zunächst die üblichen Einzelmedikamente einnehmen. Erst dann käme die Kombitablette zum Einsatz, so Glaeske.

Alle Versionen der Pille haben gemeinsam, dass sie bei Patienten beliebter sind als die einzelnen Medikamente. Das zeigten die Ergebnisse einer weiteren Studie (Umpire), die in diesem Herbst auf dem Kongress der American Heart Association vorgestellt wurden. An 23 Zentren in Indien und drei Kliniken in Europa nahmen 1002 herzkranke Menschen einzelne Präparate und weitere 1002 Herzpatienten die Polypille ein. Nach 15 Monaten nahmen 86 Prozent der Probanden der Kombi-Gruppe noch brav ihre Medikamente, in der Kontrollgruppe waren es nur 65 Prozent. "Die Tablette könnte vor allem für alte Menschen attraktiv sein, die oft sehr viele Arzneimittel einnehmen müssen", sagt Glaeske.

Zumal in Deutschland allein 40 Prozent aller Patienten nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht die nötigen Medikamente erhalten, um weiteren Herzerkrankungen vorzubeugen. In Entwicklungsländern sind es sogar 80 Prozent der Betroffenen, so ergab eine Studie des Kardiologen Yusuf. Und gerade in diesen Ländern nimmt die Anzahl herzkranker Patienten enorm zu. "Dort ergibt das Konzept einer Polypille besonders viel Sinn", sagt Eschenhagen. Auch weil die Tablette vermutlich sehr billig wäre.

Der Traum von der einen Tablette gegen alles

Andere Forscher dagegen setzen auf einzelne Bestandteile der Polypille - die Acetylsalicylsäure, die Statine - oder sie untersuchen die Effekte des Diabetes-Medikaments Metformin. Sie wollen damit nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen. Sie wollen die Menschen sogar vor Tumorleiden und Demenz bewahren. Und die Tabletten eines Tages breit in der Bevölkerung einsetzen, so wie der Brite Nicholas Wald es bereits 2003 für die Polypille forderte.

Auch er möchte vom Traum einer Tablette für alle älteren Menschen nicht lassen. Im Juli 2012 publizierte er gemeinsam mit seinem Bruder David eine Studie an 86 Probanden, die sie allein wegen ihres Alters ausgewählt hatten, unabhängig von ihrem Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Alle waren älter als 50 Jahre, nahmen für zwölf Wochen eine Kombi-Tablette aus drei Blutdruckmitteln und einem Cholesterinsenker ein. Das LDL-Cholesterin nahm kräftig ab, der Blutdruck ebenfalls. "Bei diesen Menschen könnte eine Polypille das Risiko für einen Herzinfarkt um 72 Prozent, das für einen Schlaganfall um 64 Prozent senken", versprechen die Mediziner vollmundig. Und fordern nach fast zehn Jahren erneut den breiten Einsatz der Tablette.

Allerdings hat ihre Begeisterung für die Polypille womöglich noch andere Gründe: Die Gebrüder Wald haben seit dem Jahr 2000 sukzessive Patente für eine Polypille in Europa, Kanada und den USA erworben.

Für Mobilnutzer: Lesen sie hier mehr über die Wirkstoffe Metformin, Acetylsalicylsäure, Statine.

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