Gluten-Unverträglichkeit: Verdächtiges Klebereiweiß

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"Gluten ist nicht gut für mich" - davon sind immer mehr Menschen überzeugt. Vorsichtshalber greifen sie zu Spezialprodukten, die sich im Supermarkt stapeln. Doch der Schritt ist häufig überflüssig und erschwert die Diagnose ernstzunehmender Erkrankungen.

Glutenfreies Brot: Immer häufiger in den Regalen der Bäckereien Zur Großansicht
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Glutenfreies Brot: Immer häufiger in den Regalen der Bäckereien

Silvia P. litt. Häufig hatte sie einen Blähbauch oder Durchfall, war müde oder konnte sich nur schwer konzentrieren. Der Arzt empfahl ihr, sich glutenfrei zu ernähren. Nach kurzer Zeit besserte sich ihr Zustand.

Es sind Erfolgsgeschichten wie diese, auf die Hersteller glutenfreier Produkte gern hinweisen. Interessengruppen zufolge leidet jeder 20. Deutsche an einer Glutensensitivität, kann das Klebereiweiß also nicht richtig verdauen. Es verbirgt sich von Natur aus in Getreide wie Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste. Die Angst vor der Unverträglichkeit gegen den Stoff hat glutenfreie Spezialprodukte beliebt gemacht. Doch Experten ergründen noch, ob es die Gluten-Sensitivität überhaupt gibt.



GLUTEN

Gluten, auch Kleber oder Klebereiweiß genannt, bezeichnet Proteine, die in großen Menge in den Körnern von Weizen und Dinkel vorkommen. In geringeren Mengen ist es auch in zahlreichen anderen Getreidesorten wie Roggen und Gerste enthalten. Gluten sorgt für die klebrige Teigmasse, die Mehl in Verbindung mit Wasser bildet.



Im Gegensatz zur Autoimmunerkrankung Zöliakie, bei der sich die Dünndarmschleimhaut als Reaktion auf Gluten entzündet, lässt sich eine Glutensensitivität bislang nur indirekt feststellen. Dazu schließt der Arzt Zöliakie und eine Weizenallergie durch Tests aus. Geht es dem Patienten trotzdem besser, wenn er auf Gluten in seiner Ernährung verzichtet, hat er eine Glutensensitivität.

Ein Beweis dafür, dass Gluten die Beschwerden hervorruft, ist das Ausschlussverfahren nicht. "Allein die Tatsache, dass die Ernährung umgestellt wird, kann dazu führen, dass man sich besser fühlt", erklärt Stephanie Baas von der Deutschen Zöliakiegesellschaft (DZG).

Die Krankheit, die nur vielleicht existiert

Um die Wirkung der glutenfreien Ernährung ohne Placeboeffekt zu untersuchen, starteten Wissenschaftler am Box Hill Hospital im australischen Bundesstaat Victoria ein Experiment mit 34 Betroffenen: Über sechs Wochen aßen diese jeden Tag entweder glutenhaltiges oder glutenfreies Brot, ohne zu wissen, in welcher Gruppe sie waren. Das Ergebnis: Den Probanden mit glutenfreier Diät ging es besser.

"Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass der Verzehr von Getreide und Glutensensitivität zusammenhängen", sagt Baas. Die Forscher schreiben: "Glutensensitivität könnte existieren, aber den Entstehungsmechanismus konnten wir nicht aufklären."

Dem Phänomen genauer auf die Spur kam vor kurzem ein Team um Detlef Schuppan an der Harvard Medical School. Die Forscher verglichen die Reaktion des Immunsystems auf alte und exotische Getreidesorten mit der Reaktion auf moderne Hochleistungsgetreide. Dabei fanden sie heraus, dass statt Gluten Proteine mit der Bezeichnung Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) die Gluten-Sensitivität verursachen könnten. ATIs treten meist gemeinsam mit Gluten im Getreide auf, weshalb sich die Wirkungen der Substanzen bislang schlecht auseinanderhalten ließen.

Bestätigt sich der Verdacht, wäre das auch eine Erklärung, warum Glutensensitivität in den vergangenen Jahren häufiger geworden ist: ATIs sind natürliche Insektenabwehrstoffe, die gezielt in Hochleistungsweizen und andere Getreidesorgen gekreuzt wurden, um den Ertrag zu steigern.

Noch sind die Wissenschaftler aber vorsichtig: "Das Ganze ist sehr neu", sagt Schuppan. "Wir brauchen noch mehr Daten aus klinischen Studien, um Konsequenzen für den Patienten abzuleiten."

Glutenfreie Produkte sind nicht gesünder

Einige Menschen haben auch ohne wissenschaftliche Grundlage entschieden, glutenfrei zu leben. Nach dem Vorbild von Gwyneth Paltrow, Anne Hathaway oder Miley Cyrus versuchen sie, mittels der Produkte abzunehmen. Andere glauben, dass die Spezialprodukte gesünder sind. Wenn Lebensmittelhersteller mit "glutenfrei" werben, muss es etwas Gutes sein, so der Gedanke.

"So ist es aber nicht", sagt DZG-Ärztin Baas. "Für gesunde Menschen hat die glutenfreie Ernährung keinen Nutzen - im Gegenteil." Die Produkte schmeckten oft trocken und zerkrümelten. "Gluten ist Geschmacksträger, hält den Teig zusammen und gibt Backwaren eine angenehme Konsistenz." Fehlt der Stoff, müssen Hersteller mehr Zucker und Fett in Brot, Kuchen und Kekse mischen.

Die Lebensmittel sind jedoch nicht nur ungeeignet zum Abnehmen: "Dass manche Menschen ohne Not zu den Spezialprodukten greifen, erschwert uns die Diagnose ernstzunehmender Unverträglichkeiten wie Zöliakie", erklärt Baas. Antikörpertests für die Autoimmunerkrankung schlagen nur an, wenn die Betroffenen ausreichend Gluten essen. Wird die Erkrankung nicht entdeckt, kann das ernsthafte Folgen von Osteoporose bis hin zu Darmtumoren haben.

Baas rät: "Wer bei sich eine Unverträglichkeit vermutet, sollte die Ursache beim Arzt abklären lassen, bevor er glutenfreie Lebensmittel ausprobiert."

Eine Beratung durch Fachleute schützt vor Ernährungsfehlern und vor absurden Angeboten im Supermarkt: Die Verbraucherzentrale Sachsen entdeckte etwa in Spanien Mineralwasser, das mit der Aufschrift "glutenfrei" beworben wurde. Hierzulande gibt es entsprechend markierten Hartkäse und ungefüllte Schokolade. In keinem dieser Produkte befindet sich normalerweise Gluten.

Hier lesen Sie, wie es zu Getreideunverträglichkeiten kommt, die Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Zöliakie und wie eine glutenfreie Ernährung funktioniert.

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Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.