Achilles' Verse Goldene Schenkel, versilberter Ruhm

Achim Achilles' Beine sind so geformt, dass man ganze Reklamebanner darauf platzieren könnte, findet seine Gattin. Der Wunderläufer versucht, die Werbeplattform zu vermarkten.

Lothar Matthäus (li.) mit Axel Kruse 1997
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Lothar Matthäus (li.) mit Axel Kruse 1997


Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Mona ist eine schlaue Gattin. Besäße sie eine Vorliebe für Paillettenjeans, hätte sie als Fußballerfrau Karriere gemacht, so gerissen ist sie. Am Samstag, als ich die Laufausrüstung anlege, setzt sie sich im Bett auf, lässt den Wirtschaftsteil der "Frankfurter Allgemeinen" sinken und beobachtet mich seit langer Zeit mal wieder verdächtig ausführlich.

Mona sagt immer, ich hätte "Lothar-Matthäus-Schenkel". Das ist ein mehrfach niederträchtiger Vergleich. Kräftige Oberschenkel, deren Muskeln sich irgendwo tief im Inneren des Beines befinden müssten, sonst würden sie sich ja unter der Haut irgendwo abzeichnen, sind genetisch bedingt. Die werden nun mal nicht kenianischer mit der Zeit.

Auf meine Charakterbeine werde ich so gern angesprochen wie Peter Maffay auf diese pockige Warze mit den Borsten links über seiner Oberlippe. Das für mich weitaus gemeinere Verletzungspotenzial steckt aber in "Lothar Matthäus".

Reklame auf den Beinen

Ich weiß, dass Mona es gleich wieder sagen wird, ich weiß, dass es mich treffen wird. Und ich kann nichts dagegen machen. Da: "Du, Achim" - es geht schon los. "Kann es sein, dass deine Beine dünner geworden sind?" Wie bitte? Ähhh, also. Das stand nicht im Drehbuch. Auf Ehe-Dialoge muss man sich verlassen können. Sie sind die T-Träger einer langjährigen Beziehung. Was will sie?

"Findest du?", sage ich, um Zeit zu gewinnen. "Schade, früher hattest du so schöne breite Lothar-Matthäus-Schenkel." War ja klar. "Willst du sie zurückhaben?", frage ich. "Gib mir vier Wochen Urlaub und ein paar Kästen Pils." Mona wedelt angewidert mit der "FAZ". Sie sagt: "Du verstehst mich nicht, hier steht, dass alle Ausrüster in diesem Jahr über 100 Millionen Euro für Werbung mit Athleten ausgeben. Und deine Beine sind so geformt, dass man Reklame darauf ganz besonders gut lesen könnte." Wichtig sei die Zahl meiner Kontakte, wie viele Leute mich sehen, erklärt mir das Marketing-Luder.

Auf Monas Befehl hin sitze ich abends vor einem Blatt Papier. Wie spricht man die Sportartikel-Industrie an? "Liebe Gierhälse" wäre ehrlich. Die lassen mich schließlich ihren bunten Krempel teuer bezahlen, obwohl ich pausenlos Werbung für sie laufe. So gehe es nicht weiter, hat Mona gesagt.

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Ich lasse die Anrede erst mal offen und komme gleich zum Punkt. "Ich laufe in der Woche drei- bis viermal in belebten Berliner Naherholungsgebieten. Dabei begegnen mir jeweils etwa 100 Menschen, 50 davon aus der Kernzielgruppe 'Läufer'. Im Jahr komme ich so auf etwa 20.000 Kontakte. Hinzuzurechnen sind zahlreiche erstklassige Laufveranstaltungen mit vielen Teilnehmern, Zuschauern und hoher Medienpräsenz." Welche Veranstaltungen, das verrate ich lieber nicht. Reicht ja, wenn wir das bei der Vertragsunterzeichnung klären.

So fühlen sich Millionenbeine an

Und jetzt das grandiose Finale: "Hiermit stelle ich also fest, dass meine Reichweite die der einschlägigen Sportfernsehkanäle bei Weitem übertrifft. Wegen meiner physischen Eignung zur Sonderwerbefläche biete ich Ihnen hiermit an, mich von Ihnen gegen eine von meiner Managerin auszuhandelnde Kompensation exklusiv ausrüsten zu lassen und, bevorzugt langfristig, unter Vertrag zu nehmen. In Läuferkreisen gemachte Äußerungen zum optimalen Dämpfungsverhalten sowie Auftritte im TV würden gesondert honoriert."

Das mit dem Fernsehen hat sich Mona ausgedacht. Beim Hamburg-Marathon zum Beispiel läuft eine Endloskamera, an der jeder vorbeiwackeln muss, der unter sechs Stunden im Ziel ist. Wahrscheinlich wird das morgens um drei Uhr im Wechsel mit der "Space Night" gesendet. Ich könnte beim Passieren wie zufällig auf den Markennamen zeigen und beide Daumen emporrecken, als ob ich meine Weltklasseleistung nur den Schlappen aus Vietnam zu verdanken hätte.

Wenn sie anbeißen, könnte ich mich auch bei einer Sat1-Talkshow ins Publikum setzen und im richtigen Moment aufspringen, um eine Frage stellen. Von den Zuschauern hat ja jeder ein Logo auf dem Sweatshirt. Ob die alle einen Ausrüstervertrag haben? Hauptsache, ich muss mir nichts auf den Hemdkragen kleben.

Meine Managerin überarbeitet das Schreiben und wählt die selbstbewusste Anrede: "Sehr geehrte Geschäftspartner!" Sie hat sich bereit erklärt, den Brief zu kopieren und an zehn ausgewählte Hersteller zu versenden. Ich betaste andächtig meine Schenkel. So fühlen sich Millionenbeine an.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
bollocks1 13.06.2017
1. Um was...
...geht es?
antandre 16.06.2017
2. @#1
um Satire. Und ich fand's amüsant zu lesen - insbesondere die freche Anrede als Geschäftspartner, die Vorstellung, beim Laufen auf die Schuhe zu zeigen und Daumen hoch zu geben, als auch den Umstand, dass die Partnerin den Mann kritisch beäugt, Loriot lässt grüßen. (Das sollte mal umgekehrt passieren, dass ein Mann die Schenkel der Frau thematisiert...) Vielleicht bin ich zu eitel, aber wäre ich ein Mann, hätte ich Lothar-Matthäus-Schenkel als Kompliment gesehen. Meines Wissens nach waren seine Schenkel immer top, als sie noch zu sehen waren. Aber ich bin kein Fußballfan, also nicht wirklich im Bilde. Die Marke fett gedruckt auf Klamotten, Taschen, Gürtel hat mich schon immer irritiert. Bei Sportkleidung geht es ja noch, aber bei "gehobener" Alltagskleidung wird es ja eher peinlich. Komischerweise soll es dann ja aussagen, man sei so finanzkräftig, dass man sich die Marke kaufen kann. Statt dass man bezahlt wird, weil man Werbung macht, so wie vom Autor der Satire gedacht.
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