Training mit GPS-Uhr: Schrankwand am Arm

Endlich! Technikfeind Achim Achilles ist im GPS-Zeitalter angekommen. Mit seiner neuen Wunderuhr misst er sich satellitengestützt durchs Leben. Ab sofort wird jede Treppenstufe im Trainingsplan dokumentiert. Dafür lauern neue Sportverletzungen - durch andauerndes Starren aufs Display.

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Corbis

Läufer mit Pulsuhr: Effektiver laufen durch Technik?

Hach, herrlich. Heute habe ich Treppensteigen, Radfahrt ins Büro und Leergutwegbringen hochgeladen. Na gut, nur knapp vier Kilometer und pulsmäßig ohne ganz große Ausreißer nach oben. Sieht jedenfalls besser aus als gar kein Sport. Hauptsache, neue Einträge für meinen Online-Trainingsplan, vollautomatisch mit meinem neuen Körperdatenmesscomputer. Hieß früher mal Uhr. "Super", sagt Mona mit einer gewissen Monotonie in der Stimme. Ihr fehlt einfach die Begeisterung für meine halbstündigen Updates.

Seit ich dieses neue Zaubergerät am Arm trage, fühle ich mich deutlich aktiver. Und alle Leute gucken, was ich da mit mir rumschleppe. Kilometer, Puls, Strecke, Steigung, Kalorien - alles wird auf den Millimeter aufgezeichnet. Ich bin ein Navi. Nur in der Badewanne funktioniert es nicht; Haarewaschen gilt offenbar nicht als messwürdige Bewegung.

Lange Jahre war ich ein Standortproblem: Technik fand ich lästig. Drahtlose Musiksysteme haben mich ebenso enttäuscht wie Wundermaschinen für die Küche. Ich bin seit der Deutschen Einheit an drei Generationen Pulsuhren verzweifelt, deren Reste nur deswegen noch in den Tiefen meines Sportklamottenschranks vor sich hin korrodieren, weil ich nicht weiß, in welche Restmülltonne batteriesäurezersetzte Foot-Pod-Fragmente und Brustgurtbrösel gehören.

Keine Angst vor Technik

Hätte ich all die Zeit für Training genutzt, die ich je für Kalibrieren, Gurtzurechtruckeln und Online-Dreischritt-Anleitungen vertrödelte, läge meine Marathonzeit locker unter vier Stunden. Nie wieder Technikterror, so lautete mein Mantra, keinen Cent mehr für den Elektroschrott von morgen. Eine preisgünstige Stoppuhr aus dem Sanitätshaus, nicht hübsch, aber haltbar, erwies sich als treuer Partner. Indische Sadhus kommen ihr Leben lang mit einem Baumwolllappen aus. Untertechnisiert, so predigte ich den Sportsfreunden, das sei der neue Luxus - postmodern, postindustriell, postpulsuhr. Auch mal mit Echtholzkompass, Leinen-Maßband und gefühltem Tempo zufrieden sein. Ich war die Claudia Roth des Laufsports.

Leider war es entwürdigend, wenn die Damen aus der Trainingsgruppe über ihre wuchtigen GPS-Wecker grinsten. Piepspieps, zwei Knöpfe gedrückt - und los ging die vollelektronisch aufgezeichnete Übungseinheit. Kein Messklotz am Schuh mehr, alles drahtlos, ob beim Laufen, Schwimmen, auf dem Rad. Selbst Menschen, die aus Angst vor Technik noch faxten,konnten mit diesen neuartigen Satelliten-Anlagen offenbar umgehen. Hatte sich technologisch wohl doch was getan die letzten 20 Jahre.

Unablässig versuchte ich fortan, auf das Display der anderen zu schielen. Waren wir wirklich so schnell wie ich glaubte? Hatten wir drei Kilometer schon voll? Fragen konnte ich schlecht; ich war ja Guru Zahlenlos. Mit etwas Glück erlauschte ich immerhin im Ziel einige Daten. Während die anderen ihre Streckenrekorde bereits in dieses Internet speisten, überlegte ich noch, welche Daten ich in meinen Trainingskalender flunkern sollte, um Mona zu beeindrucken. Neid ist mir natürlich fremd. Aber ich wollte auch so ein Ding.

Sinn durch Echtzeitdokumentation

Zum Glück hatte ich mit dem Wechselgeld vom Brötchenholen über Jahre ein sattes Schwarzgeldkonto angelegt. Für den Gegenwert von drei paar Laufschuhen gibt es im Fachhandel bereits schweres Gerät für den Unterarm, das zugleich das Hanteltraining ersetzt. Endlich bin ich auch ein Messi, der seinem Läuferleben mit Echtzeitdokumentation einen Sinn gibt. Kleines Problem: Lästige Hämatome an den Leistungsschenkeln. Wer dauernd auf das Display lugt, rammt halt mal einen Poller. Die gute Nachricht: Noch nie vor einen Baum gelaufen. Tapfer versuche ich, nur noch alle 30 Sekunden zu gucken. Sucht? Niemals? Fortschritt.

Wenn man das Ding im schlanken Schrankwand-Design zufällig mal im Auto laufen lässt, kommt man auf beeindruckende Trainingskilometer, die man nur noch mit den nächtlichen Herzdaten kombinieren muss, um sich eine Hawaii-taugliche Form zu basteln. Wenn ich jetzt auch noch richtig Sport mache - dann wird der Satellit verglühen.

Video-Tutorials:

Achim Achilles lernt die GPS-Uhr

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Schlunze 21.05.2013
Finde nur ich diese Kolumne seit Jahren stinklangweilig...?
2.
miraculix87 21.05.2013
Also ich finde die Kolumne ganz und gar nicht langweilig. Liegt warscheinlich an dem hohen Wiedererkennungswert. Gegen einen Poller bin ich jedoch (bisher) noch nicht gelaufen. ;-)
3.
spon-1191163385162 21.05.2013
Immer wieder gern gelesen und ich schliesse mich an: Die Texte haben stets hohen Wiedererkennungswert und entlocken mir regelmäßig Schmunzler! Wenn man keine Ahnung hat....
4. Ok!
microphone 22.05.2013
Ich finde die Kolumne auch Ok und teilweise recht witzig! Was ich im gegenzug viel langweiliger finde ist das ganze Geblubbere über den prolligen Fußballschei... Die wenigsten die nach einem Tor der favorisierten Manschaft anfangen sich wie kleine Kinder zu benehmen schaffen es 100 m am Stück zu laufen, tun aber so als hätten sie das Tor alleine geschossen.
5.
skade 22.05.2013
ich nutze auch eine GPS Uhr, der größte Sinn dieser Uhren ist mehr die Tagebuch und Statistikfunktion.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.