Handbiker Rüdiger Böhm "Auch mit Behinderung kann man an seine Grenzen gehen"

Die Camp David Challenge ist eines der härtesten Radrennen der Schweiz. Rüdiger Böhm ist 560 Kilometer mit dem Handbike mitgefahren. Im Interview mit achim-achilles.de spricht der 43-Jährige über umgebaute Rollstühle und kuriose Missgeschicke.

Rüdiger Böhm

SPIEGEL ONLINE: Herr Böhm, Sie sind 560 Kilometer mit dem Handbike gefahren. Wie anstrengend ist das?

Böhm: Das ist schon anstrengend. Aber wenn man trainiert hat, geht das ganz gut. Das Problem war eher der Schlafenzug.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren 34 Stunden lang unterwegs.

Böhm: Genau. Länger, als ich geplant hatte. Aber das lag daran, dass ich mich auf meiner zweiten Etappe verfahren habe. Ich bin 2,5 Stunden lang komplett in die falsche Richtung gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das denn passieren?

Böhm: Es gab keine Streckenposten. Man bekam eine Karte, und dann musste man einfach los. Ich bin zwei Radfahrern hinterhergefahren, das war ein Fehler. Ich bin eine Dreiviertelstunde lang einen Berg hochgefahren, ehe ich bemerkt habe, dass ich falsch fahre.

ZUR PERSON

Rüdiger Böhm, Jahrgang 1970, ist leidenschaftlicher Sportler. 1997 verlor er bei einem Unfall beide Beine, was ihn jedoch nicht davon abbringen konnte, Fußballtrainer mit der höchsten DFB-Lizenz zu werden. Heute arbeitet er als Motivations- und Mental-Coach und wohnt in der Schweiz. www.ruedigerboehm.de

SPIEGEL ONLINE: Dadurch haben Sie viel Zeit verloren. Danach lief aber alles nach Plan?

Böhm: Naja, eigentlich wollten wir die Tour in maximal 28 Stunden schaffen. Zu meinem Fehler kam aber noch Pech bei meinem Teamkollegen Patrick Röthlisberger hinzu. Er musste ein paar Umleitungen fahren, weil die Straße gesperrt war, da Kühe den Berg hochgetrieben wurden.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren zu zweit als Team unterwegs und haben sich abgewechselt.

Böhm: Genau. Während der eine fuhr, wurde der andere mit dem Auto zum nächsten Wechselpunkt gefahren. In dieser Zeit konnte man einen Riegel oder eine Banane essen, was während dem Fahren mit dem Handbike etwas schwierig ist (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Klingt anstrengend. Wieso tun Sie sich sowas an?

Böhm: Ich fahre Monoski und bin letzten Winter ins Nachwuchsteam des Deutschen Paralympic Skiteams berufen worden. Damit ich fürs Skifahren fit bin, muss ich auch im Sommer trainieren. Ohne Ziel würde ich das aber sicher nur sporadisch machen und nur vor mich hindümpeln. Darum das Rennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich für den Wettkampf vorbereitet?

Böhm: Ich versuche immer, unterschiedliche Sportarten zu betreiben. Neben dem Handbiken gehe ich ins Fitnessstudio, schwimme viel, und ich habe mir einen Rollstuhl so umgebaut, dass ich mit Hilfe von Nordic-Walking-Stöcken richtig schnell fahren kann. "Nordic Rolling" nenne ich das.

SPIEGEL ONLINE: Mit 26 Jahren haben Sie bei einem Unfall beide Beine verloren. Trotzdem wurden Sie erst Fußballtrainer und haben jetzt sogar eines der härtesten Radrennen der Schweiz erfolgreich absolviert. Woher kommt Ihre Motivation?

Böhm: Ich habe schon immer viel Sport gemacht, auch vor dem Unfall. Vor allem Fußball und Ausdauersportarten. Ich muss mir immer neue Herausforderungen setzen, so dass ich etwas habe, an dem ich mich weiterentwickeln kann. Denn einfach kann ja jeder.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ein bisschen nach "jetzt erst recht".

Böhm: Nein, überhaupt nicht. Ich sehe mich nicht als armer Kerl, der es allen zeigen will. Im Gegenteil: Ich kann trotz meiner Behinderung viele Sachen machen. Mit Prothesen kann ich ganz normal laufen und werde höchstens mal gefragt, ob ich was mit dem Knie oder der Hüfte habe. Mir geht es vor allem darum zu zeigen, dass eine Behinderung gar nicht so schlimm und negativ ist, wie viele denken. Auch mit Behinderung kann man an seine Grenzen gehen und Dinge tun, die Spaß machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie als Sportler mit Handicap bei dem Radrennen wahrgenommen?

Böhm: Die Stimmung unter den Athleten war super. Alle gingen sehr respektvoll miteinander um. Das habe ich auch schon im Training gemerkt. Wenn ich einen anderen Radfahrer getroffen habe, hat der oft angehalten, wir haben kurz geredet und uns abgeklatscht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist die Stimmung unter Sportlern mit Behinderung? Weniger aggressiv oder weniger leistungsorientiert als bei gesunden Athleten?

Böhm: Überhaupt nicht. Diejenigen, die an Rennen teilnehmen, wollen auch gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie suchen stets nach neuen Herausforderungen. Was folgt nun?

Böhm: Ein Freund hat eine Wellenreitschule. Darum würde ich gern surfen lernen. Ohne Prothesen, sitzend auf dem Surfbrett. Das werde ich als Nächstes machen.

Sie laufen gern und wollen sich gleichzeitig für die Menschenrechte einsetzen? Achim-Achilles.de erklärt, wie man Bewegung mit einem guten Zweck verbindet.

Das Interview führte Julia Schweinberger

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
craxz 29.08.2013
1. Toll :-)
Ich finde Ihre Leistung toll. Aber ich befürchte, gleich werden die ersten "wo nimmt er die Zeit her" oder "ist das nicht riskant"-Postings kommen (wie neulich bei der Alpenüberquerung mit Handbike schonmal). Lassen Sie sich nicht entmutigen, weiter so :-)
troy-mc-lure 29.08.2013
2.
Also wenn Herr Böhm Wellereiten lernen will sollte er es vieleicht mal mit einem Kneeboard probieren. Die Dinger waren in den 70ern populär und werden sitzend gesurft aber nicht mit den Teilen die es für den. Wasserski-Bereich gibt. Einfach mal. "Kneeboard surfing" in die Suchmaschine eingeben.
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