Fünf Jahre nach Ehec Was wurde aus dem Versprechen der Lebensmittelsicherheit?

Lebensmittelskandale gibt es immer wieder: Ehec mit Tausenden Erkrankten und 53 Toten war nur der bisher schlimmste. Danach sollte alles besser werden - doch hat sich wirklich etwas getan?

Ehec stellte 2011 die Lebensmittelsicherheit infrage: Bockshornkleesprossenen waren der Auslöser
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Ehec stellte 2011 die Lebensmittelsicherheit infrage: Bockshornkleesprossenen waren der Auslöser

Von Carolin Wahnbaeck


Im Mai 2011 brach die größte Ehec-Epidemie aus, die man in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg gesehen hatte. Innerhalb von zwei Monaten erkrankten Tausende Menschen, 53 von ihnen starben, unter anderem an der lebensgefährlichen Komplikation HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom), die zu Nierenversagen führen kann. Die Intensivstationen waren überfüllt, die Ärzte ratlos. Es dauerte Wochen, bis verunreinigte Sprossen aus Bockshornkleesamenen als wahrscheinliche Auslöser identifiziert waren - ausgerechnet ein Lebensmittel, das man mit Bio-Kost verband.

Die Epidemie verängstigte Bürger und ließ die Preise am Lebensmittelmarkt fallen. Die Politik stritt wie üblich über die Verantwortung - und dann war Anfang Juli 2011 der Ausbruch vorbei. Der wahrscheinliche Verursacher war gefunden, die weitere Verteilung unterbunden worden. In der abebbenden Erregung folgten die erwartbaren Versprechungen, künftig alles besser machen zu wollen.

Seitdem ist Ruhe - zumindest gefühlt. Eine ähnlich gefährliche Epidemie hat es in Deutschland nicht mehr gegeben. Ist die Situation also unter Kontrolle? Ist unsere Lebensmittelsicherheit so viel besser geworden, dass solche Infektionswellen nicht mehr vorkommen?

"Natürlich kann sich das wiederholen"

"Wir haben uns gewappnet, aber so etwas kann trotzdem jederzeit wieder passieren", sagt Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). "Denn der Ehec-Erreger kann sich ständig genetisch verändern und neue Krankheitsbilder hervorrufen. Dies zu diagnostizieren und zu behandeln ist nicht leicht." Den Ausbruch 2011 hatte ein wenig bekannter und sehr seltener Ehec-Typ ausgelöst. Mehr als 20 Prozent der Infizierten entwickelten das gefährliche HUS-Syndrom. Die richtige Behandlung zu finden war für die Ärzte sehr anspruchsvoll.

Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt die Lage ähnlich ein: "Natürlich kann sich das wiederholen. Die Lebensmittelhygiene bietet keine hundertprozentige Sicherheit", sagt Hendrik Wilking vom RKI. "Kleinere Ausbrüche von Ehec, Salmonellen oder Listerien haben wir andauernd in Deutschland. Den Erreger und die Infektionsquelle früh zu erkennen ist dabei der beste Schutz."

Schon aus der Vielzahl der Infektionen eine Epidemie zu erkennen, sei extrem schwierig, so Wilking. Denn oft seien die Symptome unspezifisch - Durchfall oder Erbrechen können viele Ursachen haben. Zeit ist bei der Erkennung ein entscheidender Faktor: Der Patient muss erst mal zum Arzt gehen, ein Labor die Stuhlproben untersuchen, die Fälle müssen gemeldet und ein Zusammenhang hergestellt werden - das dauert. "Währenddessen kann sich der Erreger ausbreiten", so Wilking, "das wird beim nächsten Ausbruch genauso sein." Viele der Ursachen, die vor fünf Jahren zur Krise führten, könne man also gar nicht beheben.

Andreas Hensel beobachtet Lieferketten
Christian Thiel

Andreas Hensel beobachtet Lieferketten

Hat sich also nichts verändert?

Doch was man tun konnte, hat man versucht: Insgesamt seien Lebensmittel seit der Ehec-Krise in Deutschland sicherer geworden, sagt Hensel vom BfR. Die Erkenntnis, dass pflanzliche Lebensmittel ähnlich gefährlich sein können wie tierische, habe sich in Gesetzen und neuen Verwaltungsvorschriften niedergeschlagen. "Speziell Sprossen, aber auch andere pflanzliche Produkte sind nun Teil der klassischen Lebensmittelüberwachung in Deutschland," sagt Hensel.

Bei den Sprossen wird dies besonders deutlich: Die Europäische Union erließ das sogenannte "Sprossenpaket", um die bestmögliche Qualität von Sprossen zu garantieren. Sprossenerzeuger unterliegen nun schärferen Hygieneanforderungen und brauchen eine amtliche Zulassung. Mit einem EU-weiten Kontrollsystem sollen sich die Produkte bis zum Hersteller zurückverfolgen lassen. Zudem sind Einfuhren aus Drittländern strenger reguliert, und für Sprossen gelten mikrobiologische Kriterien und Grenzwerte.

Damit der Ursprung des Erregers beim nächsten Mal schneller gefunden wird, lassen sich Produkte nun entlang der gesamten Lebensmittelkette Schritt für Schritt rückverfolgen. Dafür hat das BfR ein computergestütztes Informationssystem entwickelt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hilft, das System in Europa umzusetzen, viele Mitarbeiter erhalten Schulungen. "Nur wenn man genau weiß, woher Lebensmittel stammen, kann man sie gezielt aus dem Verkehr ziehen", sagt Hensel.

Symbolpolitik: Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus biss im Juni 2011 in Salat, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Er überlebte.
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Symbolpolitik: Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus biss im Juni 2011 in Salat, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Er überlebte.

Außerdem gelten jetzt kurze Meldefristen. Ärzte und Labore müssen die Gesundheitsämter schneller über Krankheitsfälle informieren, diese müssen die Daten rascher an das RKI weiterleiten. Dauerte es vorher im schlimmsten Fall rund zwei Wochen, bis das RKI von einem Ehec-Fall erfuhr, sind es nun nur noch maximal vier Tage.

Trotzdem sieht das RKI mit Sorge, dass Ärzte immer weniger Laboruntersuchungen anordnen und damit weniger mikrobiologische Informationen vorliegen. "Ärzte müssen schnell und möglichst günstig behandeln - da fallen die teuren und zeitaufwendigen Laboruntersuchungen oft weg", meint Wilking. "Diese Daten brauchen wir aber, um Epidemien und das verursachende Lebensmittel zu erkennen."

Infektionen sind Teil der Normalität

Trotzdem kommt Hensel insgesamt zu dem Schluss: "Lebensmittel in Deutschland sind so sicher wie nie zuvor. Die Hersteller müssen dafür geradestehen. Aber frische Lebensmittel sind eben nicht steril - das Problem wird immer bleiben."

Kleinere Ausbrüche gibt es in Deutschland daher so gut wie täglich. Das RKI erkennt saisonale Infektionswellen: Zu Beginn bis zur Mitte des Jahres komme es regelmäßig zu Norovirus-Ausbrüchen. Zur Grill-Saison, so das RKI, erkrankten viele aCampylobacterer-Bakterien im Fleisch - der häufigsten lebensmittelbasierten Erkrankung in der EU. Ehec dagegen sei eigentlich typisch im dritten Quartal.

Größere Epidemien - wie Ehec/HUS 2011 oder ein Norovirus-Ausbruch 2012, bei dem 12.000 Kinder wegen verunreinigter Erdbeeren aus China erkrankten - sind dagegen tatsächlich selten, dem engmaschigen Kontrollnetz sei Dank.

Aber - sollte man sich auf diese Schutzsysteme wirklich verlassen? Oder doch lieber auf manche Lebensmittel verzichten? Schwangere, Alte und kranke Menschen sollten zumindest von Sprossen, Rohmilchprodukten und rohem Fleisch die Finger lassen. Hensel selbst sieht das Thema gelassen: "Ich esse weiterhin Sprossen, ja klar! Alle in Deutschland verkauften Lebensmittel müssen sicher sein. Am Ende ist es aber immer eine Frage von Treue und Glauben. Man sollte sich beim Essen nicht bange machen lassen."

Wichtig bleibt in jedem Fall: Sowohl die Hände als auch die Lebensmittel gründlich waschen. Oder, wenn das nicht reicht, stark erhitzen. So hält es übrigens Wilking mit den Sprossen: Er isst sie nur abgekocht.

Blick zurück: Die Stimmung auf dem Höhepunkt der Ehec-Krise (SPIEGEL TV, Juni 2011)

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