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Heilfasten: Einlauf statt Auflauf

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Der Karneval ist vorbei, jetzt ist Schluss mit lustig: Die jährliche Heilfastenkur steht an, zehn Tage lang Brühe statt Braten. Auf dem Speiseplan finden sich nur noch Flüssigkeiten. Dabei geht es nicht ums Abnehmen - sondern um das Fasten-High.

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Corbis

Gemüsebrühe: Bei der Buchinger-Methode ist nur Flüssiges erlaubt

Eines meiner liebsten Rituale nach dem Winter ist es, mit meinem völlig verschlammten Rad an die Tanke zu fahren, eine Euro-Münze in den Schlitz zu stecken und mit dem Hochdruckreiniger den ganzen Schlamm abzukärchern. Die Fahrradnerds werden jetzt den Kopf schütteln. Ich weiß, Wasser ist Gift fürs Fahrrad. Wenn das in die Tretlager kommt, also nein. Ist mir aber egal. Ich hab keinen Bock, stundenlang mit der Zahnbürste in Zahnkränzen herumzuschubbern.

Und genausowenig habe ich Bock, den Rest des Jahres immer Reis statt Pommes als Beilage zu nehmen. Also kärchere ich mich auch einmal im Jahr durch: mit einer Heilfastenkur. Zehn Tage Brühe statt Braten, zehn Tage Einlauf statt Auflauf. Und sogar auf den Karneval verzichte ich. Wie? Fasten ohne fressen? Ist der Jeck, werden die Karnevalnerds unter Ihnen jetzt fragen. Vielleicht. Ich sehe es als kalorische Katharsis: raus mit den ollen Kamellen, rein mit der guten Laune. Jetzt sind die Ernährungsnerds dran mit dem Kopfschütteln: Ich weiß, Heilfasten ist umstritten, von Radikalkuren wird in der Regel abgeraten. Aber es geht mir nicht nur darum, ein paar Pfunde zu verlieren. Heilfasten macht high.

Heilfasten, Buchinger-Style, geht so: einen Tag lang Runterbremsen, Gang rausnehmen, sieben Tage lang Rollenlassen, langsam wieder beschleunigen und dann so lange wie möglich mit Tempo 90 auf der rechten Spur bleiben. Denn den Nachhall der Askese sollte man sich bewahren. Erlaubt ist nur Flüssiges. Ja, richtig, Kaffee und Alkohol sind auch Flüssigkeiten, aber trotzdem verboten. Ebenso wie alle zuckrigen Limonaden und Säfte. Und kommen Sie nicht auf die Idee, Cola Light zu trinken. Da ist zum einen Koffein drin, zum anderen Süßstoff. Die Idee beim Heilfasten ist es, sich mal von diesem Dreck freizumachen.

Nach dem Kater kommt die Leichtigkeit

Aber erst mal fühlt man sich so, als wenn der ganze Mist auf einmal hochkommt. Die berüchtigte Fastenkrise fühlt sich an wie Karneval-Kater, dauert aber drei Tage lang. Der Motor muss sich schließlich umstellen - von Benzin auf Brühe. Das verwirrt jede Maschine. Doch wenn dieses Tal der Tränen durchschritten ist, fühlen wie man sich so leicht wie ein Wölkchen über Mecklenburg-Vorpommern. Das liegt am Serotonin, das nun aus den Neuronen spritzt. Der Kopf wird kristallklar, die Sinne geschärft, alles riecht intensiver. Leider riecht man selbst auch intensiver, was man, wenn's dumm läuft, selbst wiederum intensiver riecht. Drum ist es sinnvoll, sich für die Tage der Askese freiwillig in die Isolation zu begeben. Köln, Mainz oder welcher närrische Ort auch immer das Zuhause ist, kehrt man den Rücken. Das erspart es einem, mit leerem Magen, Hundenase und Röntgenblick an leeren Wodkaflaschen, duftenden Dönerbuden und schwülstigen Schwarzwälder Kirschtorten vorbeilaufen zu müssen. Stattdessen Rückzug an einen ruhigen, einsamen Ort. Ideal wäre Sibirien, Pripjat oder Fukushima. Aber Hiddensee, Kirchentellinsfurt oder die Lüneburger Heide tun's auch. Meinetwegen auch Mecklenburg-Vorpommern. Raus aus der Gesellschaft, rein in den Ostblock.

Die zehn Tage sind genauestens durchgeplant. Am Entlastungstag hat man noch die Wahl zwischen Kartoffeln, Reis oder Äpfeln. Ab dem zweiten Tag haben die Zähne erst mal Pause. Morgens gibt's Kräutertee, mittags Gemüsebrühe, abends gilt es zu überlegen, welches Getränk wiederholt werden soll. Bei solch kulinarischer Monokultur wird die Darmentleerung jeden zweiten Tag zum Festakt. Nun hat man wieder die Wahl: von oben oder von unten. Heißt im Klartext: Abführmittel oder Einlauf. Man sollte zärtlich zum Darm sein. Probieren Sie erst Pflaumensaft, Buttermilch oder Sauerkrautsaft (ja, kein Witz). Wenn das beim Darm nur ein großes Fragezeichen hervorruft, hilft Natriumsulfat, auch bekannt als Glaubersalz. Mit viel Zitronensaft, das macht es leichter, sich einzubilden, man trinke gerade einen Gin Tonic an einem warmen Karibikstrand mit lauter Bikini-Schönheiten.

Bewegung ist wichtig

Glaubersalz ist Glaubenssache. Jahrelang habe ich damit abgeführt. Dass ich danach stundenlang völlig gerädert war, führte ich auf die Fastenkrise zurück. Leider bekam ich die Krise immer nur dann, wenn ich es trank. Als ich dann das erste Mal ohne Glaubersalz gefastet habe, war alles viel leichter und angenehmer. Mir bekommt das Zeug nicht. Außerdem zwingt Glaubersalz einen vollends in die Isolation, weil man alle 20 Minuten aufs Klo muss, um ein paar Tropfen abzupressen. Dann doch lieber Einlauf statt Auslauf.

Ist man erst einmal im Fastentrott drin, fliegen die Tage nur so dahin. Man wird innerlich ruhig, merkt, dass der Körper entspannt. Während dieser zehn Tage ist meine Dauerallergie komplett verschwunden. Wichtig: nicht nur auf dem Sofa abhängen. Bewegung! Schließlich soll der Körper Fett verbrennen und nicht die kostbaren Muskelpakete. Daher ist es sinnvoll, ab und zu auch mal ein Glas Buttermilch mit etwas Honig zu trinken (siehe Interview).

Am Schluss ist noch einmal Stärke gefragt, wenn der Motor an den Aufbautagen langsam wieder beschleunigt. Der erste Bissen erscheint wie ein Festmahl. So köstlich hat noch kein Knäckebrot geschmeckt. Und eine Bitte: nach der Fastenkur nicht gleich wieder volltanken.

Wie sinnvoll ist Fasten?
Über diesen Link gelangen Sie zum Experteninterview zum Thema Fasten.

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1.
ohjeee 13.02.2013
Zitat von sysopdapdDer Karneval ist vorbei, jetzt ist Schluss mit lustig: Die jährliche Heilfastenkur steht an, zehn Tage lang Brühe statt Braten. Auf dem Speiseplan finden sich nur noch Flüssigkeiten. Dabei geht es nicht ums Abnehmen - sondern um das Fasten-High. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/heilfasten-in-der-fastenzeit-kur-ab-aschermittwoch-a-882887.html
Wow. Wo lernt man denn so etwas? Wer mit täglich ca. 2.500 kcal Defizit lebt, kann den Abbau von Muskelmasse verhindern, indem er nicht faul auf dem Sofa liegt, sondern sich bewegt? Dann erhält man Muskelmasse? Selten so etwas albernes gelesen. Aber klar, das Glas Buttermilch reißt es raus. Viel Erfolg.
2. optional
helmut.alt 13.02.2013
Den Nagel auf den Kopf getroffen. Hervorragend geschrieben!
3. Jaja, das gute Entschlacken
hanswurster 13.02.2013
Wie, diese Schlacken gibt es gar nicht? Die wurden vor geraumer Zeit einfach mal erfunden und ihr Bestehen hundertfach widerlegt? Kann doch nicht abschrecken. Klar, dieses High ist verständlich. Im Übrigen ja genau einer der Gründe, warum es Magersucht gibt. Die Reaktion des Körpers um die ungesund niedrige Kalorienzufuhr zu übertünchen, wie der verringerte Schmerz aufgrund von Adrenalin in Gefahrenmomenten. Ob das so Gesund ist? Und wenn es um dieses Gefühl geht, wieso müssen dann Einläufe sein? Selbst bei kürzerer Fastendauer sollte das eigentlich nach 2-3 Tagen von eine erledigt sein. Alles in Allem bleibt bei mir immer der Eindruck eines seltsamen esoterischen Brimboriums.
4.
_derhenne 13.02.2013
Zitat von hanswursterWie, diese Schlacken gibt es gar nicht? Die wurden vor geraumer Zeit einfach mal erfunden und ihr Bestehen hundertfach widerlegt? Kann doch nicht abschrecken. Klar, dieses High ist verständlich. Im Übrigen ja genau einer der Gründe, warum es Magersucht gibt. Die Reaktion des Körpers um die ungesund niedrige Kalorienzufuhr zu übertünchen, wie der verringerte Schmerz aufgrund von Adrenalin in Gefahrenmomenten. Ob das so Gesund ist? Und wenn es um dieses Gefühl geht, wieso müssen dann Einläufe sein? Selbst bei kürzerer Fastendauer sollte das eigentlich nach 2-3 Tagen von eine erledigt sein. Alles in Allem bleibt bei mir immer der Eindruck eines seltsamen esoterischen Brimboriums.
Werfen Sie gern Dinge in die Runde, über die Sie sich dann gern selbstgerecht echauffieren können? Vom S-Wort, dass Sie hier so süffisant (zurecht) zerpflücken haben Sie als erster geredet. Die Magersucht kam bis jetzt auch weder im Artikel, noch im Thread, zur Ansprache. Ich habe das Gefühl Sie haben ein persönliches Problem mit dem Thema. Das liegt daran, dass der Körper ohne "Zufuhr von oben" irgendwann seine Darm- und Verdauungstätigkeit einstellt, und damit leider nicht wartet bis "alles raus" ist. Wollen Sie den Rest der Fastenzeit alten Ballast mit sich herum tragen? Eine Darmentleerung ist Grundlage für gesundes Fasten. Das Gefühl, dass Sie ein persönliches Problem mit dem Thema haben, verstärkt sich. Haben Sie mal gefastet? Probieren Sie es mal aus. Es hat wunderliche Wirkung für Körper und Geist und könnte helfen, Sie von Vorurteilen zu befreien.
5.
akeley 13.02.2013
Zitat von sysopdapdDer Karneval ist vorbei, jetzt ist Schluss mit lustig: Die jährliche Heilfastenkur steht an, zehn Tage lang Brühe statt Braten. Auf dem Speiseplan finden sich nur noch Flüssigkeiten. Dabei geht es nicht ums Abnehmen - sondern um das Fasten-High. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/heilfasten-in-der-fastenzeit-kur-ab-aschermittwoch-a-882887.html
Das Fastenhigh hat schon vor Jahrtausenden für atemberaubende wie rational unbegreifliche Schriftwerke gesorgt. Eines davon hat viel mit einem älteren Herrn zu tun, der gern in auffälliger Kleidung in Rom auftritt. Es ist bemerkenswert, wie viele Leute schon in ausgehungertem und zusätzlich durstigem Zustand Begegnungen mit allerlei übernatürlichen Gestalten und Stimmen hatten und dafür bis heute nicht nur ernst genommen, sondern bewundert oder sogar angebetet werden. It's a mad world.
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