Mythos oder Medizin: Helfen Cola und Salzbrezeln gegen Durchfall?

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Meine Kumpels raten mir bei Magen-Darm-Problemen immer zu Salzstangen und Cola. Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass diese als ungesund geltenden Nahrungsmittel dem Bauch guttun. Ist an der Empfehlung irgendetwas dran? Fragt Friedrich Gerny aus Darmstadt

Toilette: Durchfall ist unangenehm - und kann sogar gefährlich werden Zur Großansicht
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Toilette: Durchfall ist unangenehm - und kann sogar gefährlich werden

Mal sind es Viren, die einem die Freude am Essen gründlich vermiesen, mal hat der Bäcker um die Ecke das Eierschinkenbrötchen zu lange in der Sonne liegen lassen. Dann treiben Bakterien im Darm ihr Unwesen. So oder so: Durchfall fühlt sich unangenehm an und entzieht dem Körper neben Wasser auch wichtige Nährstoffe.

Da liegt es nahe, den Verlust über energiereiche Cola und salzige Brezeln wieder ausgleichen zu wollen. Grundsätzlich halten Natrium, Kalium, Kalzium und Magnesium die Funktion von Zellen im Körper aufrecht. Zucker stellt sicher, dass Salz aus dem Darm in den Körper transportiert werden kann. Außerdem schmecken Cola und Salzbrezeln auch noch, wo man doch sowieso wenig Appetit hat.

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"Wirklich geeignet, um Durchfall zu bekämpfen, sind sie trotzdem nicht", sagt Tom Ganten, Oberarzt der Gastroenterologie der Uni-Klinik Heidelberg. Cola besitze zum einen Koffein, was zumindest für Kinder problematisch und eher Durchfall fördernd sei. Zudem sei der Zuckergehalt in dem Getränk viel zu hoch. "Zu viel Zucker kann dazu führen, dass es zu einer vermehrten Wasserausscheidung über die Niere kommt. Dadurch verliert man unter Umständen noch mehr Flüssigkeit und wichtige Elektrolyte wie das Kalium." Eine Studie im "Internal Journal of Clinical Practice" kam sogar zu dem Ergebnis, dass große Cola-Mengen von zwei bis drei Litern am Tag einen Kaliummangel hervorrufen können.

Gleichmäßig nachfüllen

"Natrium und Kalium werden im Körper eng reguliert", erklärt Ganten. "Das gelingt dem Organismus in der Regel selbst bei Durchfall noch, so lange alle Organe richtig arbeiten und die nötigen Substanzen verfügbar sind." Salzbrezeln allerdings enthalten vor allem Natrium und kaum Kalium. "Bei Durchfall gehen beide Elektrolyte verloren und sollten gleichmäßig wieder aufgenommen werden."

Geschieht das nicht, kann das bei schwerem und länger anhaltendem Durchfall schwerwiegende Folgen haben: Kalium hält unter anderem die Zellmembran der Herzmuskelzellen stabil und ist an der Steuerung des Herzrhythmus beteiligt. Ein Mangel kann zu Lähmungserscheinungen im Körper bis hin zu Herzrhythmusstörungen führen. Fehlt Natrium, äußert sich das durch Müdigkeit und Verwirrungszustände. Im Extremfall lagert sich Wasser im Hirngewebe ein, ein Ödem entsteht.

Elektrolytlösung statt Cola

Besser als Salzstangen und Cola eignen sich als Gegenmaßname Elektrolytlösungen aus der Apotheke. "Zu Hause kann man sich so ein Getränk auch selbst zubereiten", erklärt Ganten. Dafür muss ein Teelöffel Salz in einen Liter abgekochtes Wasser gemischt werden, das stellt die Natriumversorgung sicher. Hinzu kommt der Saft von vier Orangen, sie dienen als Kaliumlieferant. Die letzte Zutat sind sieben Teelöffel Traubenzucker (Glukose). Der Zucker liefert Energie und erleichtert es dem Körper, die Elektrolyte aus dem Cocktail aufzunehmen.

Bei leichtem Durchfall beruhigen auch Tee mit ein bisschen Zucker und Zwieback den Verdauungstrakt. "Viel Trinken ist oberstes Gebot", sagt Ganten. "Mindestens drei Liter am Tag bei Erwachsenen, je nach Schwere der Erkrankung kann auch sehr viel mehr nötig sein." Ein Anhaltspunkt für den Status der Wasserversorgung im Körper seien gut durchblutete und feuchte Schleimhäute - etwa in der Nase.

Hingegen ungeeignet für die Behandlung sind in der Regel Tabletten, die den Darm vorerst ganz verstopfen, denn Durchfall erfüllt eine Funktion: Er spült Viren, Bakterien und Giftstoffe aus dem Verdauungstrakt. Meist befallen diese den Dickdarm, der dafür zuständig ist, Wasser aufzunehmen. Ist er entzündet, gelingt das nicht mehr richtig.

Mit trockenem Brot und Äpfeln wieder anfangen zu essen

Beruhigt sich der Magen allmählich, kann man anfangen, trockenes Brot zu essen, ein wenig Apfel oder gekochte Karotten. "Beides enthält Pektine, die gut vertragen werden und Giftstoffe binden", sagt Ganten. Wer keinen Appetit auf einen festen Apfel habe, könne diesen auch kleinraspeln und zu Brei verarbeiten.

"Nicht geeignet bei Durchfall sind dagegen Lebensmittel mit hohem Fettgehalt", so der Gastroenterologe. Sie überfordern das gereizte Verdauungssystem. Ähnlich sei es mit Milch. "Viele Menschen vertragen den Milchzucker Laktose nicht, wenn der Darm gereizt ist." Grund hierfür ist, dass das Enzym Laktase, das den Milchzucker im Dünndarm spaltet, bei einer Entzündung nicht in ausreichender Menge vorhanden ist - ähnlich wie bei einer Laktoseintoleranz.

Verschwindet der Durchfall nach etwa drei Tagen nicht von allein, ist er blutig oder fühlt man sich stark geschwächt, sollte man zum Arzt gehen. Das gelte in besonderem Maß für Kinder und alte Menschen, so Ganten. Wenn man die Haut zusammenkneift und die Falten stehen bleiben, dunkel gefärbter Urin oder fehlende Urinausscheidung seien Hinweise auf extremen Flüssigkeitsmangel. "Dann muss direkt ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden."

Fazit: Leicht gesüßter Tee, Zwieback und Elektrolytlösungen unterstützen den Körper bei Durchfall besser als Cola und Salzstangen. Einziger Trost: Durch die richtige Behandlung verschwinden die Beschwerden hoffentlich schneller. Anschließend sind süße und salzige Sünden wieder erlaubt.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. optional
yang0815 05.08.2013
Bei einem Deutschaufsatz würde man jetzt sagen: Thema verfehlt. Die Frage war: "Hilft Cola und Salzstangen" im Sinne von geht der Durchfall damit schneller weg als ohne, oder anders gesagt, wirkt diese Kombination verstopfend. Geantwortet wurde aber was lang andauernder Durchfall bewirkt und wie diese Mängel auszugleichen sind. Dafür ist Cola und Salzgebäck scheinbar eine schlechte Wahl, einverstanden. Und es wird korrekt bezweifelt ob man den Darm wirklich verstopfen sollte. Aber ob Cola und Salzstangen verstopfend wirken, würde mich nach wie vor interessieren. Meiner Erfahrung nach ja.
2. die hier
woswoistndu 05.08.2013
genannte menge von 2-3 litern cola sind auch für den gesunden menschlichen organismus gift, für einen geschwächten umso mehr. im zusammenhang mit einer magen/darm-infektion ist diese mengenangabe allerdings absurd (warum wurde nicht über die schädlichkeit des konsums von 5kg salzbrezeln berichtet?). wenn nichts anderes im haus ist helfen kleine mengen cola und ein paar salzbrezeln bei durchfall, gekoppelt mit kreislaufschwäche, wirklich wunder. nach diesem "notpflaster" sollte man allerdings schleunigst wieder auf eine gängige schonkost umsteigen.
3.
KV491 05.08.2013
Zitat von sysopDPAMeine Kumpels raten mir bei Magendarmproblemen immer zu Salzstangen und Cola. Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass diese als ungesund geltenden Nahrungsmittel dem Bauch guttun. Ist an der Empfehlung irgendetwas dran? Fragt Friedrich Gerny aus Darmstadt http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/helfen-cola-und-salzbrezeln-gegen-durchfall-a-913059.html
Volkserziehung, wohin man auch schaut. Literweise Cola ist also nicht so gesund? Das wusste natürlich keiner. In kleinen Mengen helfen Cola und Salzgebäck bestens, vor allem bei Kindern, die sonst nix drinbehalten. Aber das ist natürlich ganz schlimm, dass Kinder vielleicht ein bisschen Süßes bekommen, wenn es ihnen schlecht geht. Lieber schön bitterer Tee, höchstens gesüßt mit Globuli. Irgendwie ist der Geist körperlicher Züchtigung (hoffentlich) vergangener Tage heute bei der Ernährungsberatung angekommen. Gelobt sei, was hart macht!
4. Das Hausmittel der Wahl
karlbe 05.08.2013
... ist doch Hühner- oder Gemüsesuppe, oder? Da ist alles drin, was man gewöhnlich an Mineralstoffen braucht, man bekommt noch dazu viel Flüssigkeit und alles in leicht verdazulicher und weniger belastender Form. Warum wird das in dem Artikel nicht empfohlen?
5. Thema verfehlt.
namibian 05.08.2013
Man trinkt ja nicht gleich 2-3 Liter Cola! Aber wenn man ein krankes Kind hat, dass sich partout weigert, Flüssigkeit zu sich zu nehmen, da kann Cola Wunder bewirken. Es gibt entkoffeinierte Cola für Kinder, sogar ohne Kohlensäure. Und Salzstangen machen kräftig durstig. Wir wissen schon, dass es sich bei Cola und Salzstangen nicht um apothekenpflichtige Medikamente handelt. Trotzdem lässt sich die im Titel gestellte Frage eindeutig mit JA beantworten, wenn auch aus anderen Gründen.
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Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.
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