Herzinfarkt Sterben Frauen häufiger, wenn sie von Männern behandelt werden?

Frauen haben ein höheres Risiko, nach einem Herzinfarkt zu sterben. Dafür gibt es mehrere Gründe. Jetzt wollen Harvard-Forscher einen weiteren ausgemacht haben: das Geschlecht des Arztes.

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"Wenn du eine Frau bist und eine Herzattacke hast, bestehe darauf, von einer Ärztin behandelt zu werden." So betitelt die Harvard Business School eine aktuelle Pressemitteilung. Anlass ist eine Studie, bei der Forscher der renommierten Universität die Daten von mehr als einer halben Million Herzinfarktpatienten ausgewertet hatten. Müssen Frauen jetzt Angst haben, wenn ein Mann sie behandelt?

So drastisch, wie die Mitteilung vermuten lässt, ist der Unterschied nicht. Ohnehin lässt sich das Ergebnis auf Deutschland und seine Klinikstrukturen nicht übertragen.

Ein Blick auf die US-Daten zeigt zwar, dass Frauen tatsächlich etwas seltener sterben, wenn sie von einer Frau behandelt werden. Allerdings überleben auch Männer häufiger, wenn sie an eine Ärztin geraten. Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Frauen haben grundsätzlich ein höheres Risiko, einem Herzinfarkt zu erliegen - ganz egal, wer sie behandelt.

Insgesamt analysierten die Wissenschaftler die Daten von knapp 600.000 Patienten, die zwischen 1991 und 2010 mit einem Herzinfarkt in Florida in eine Klinik eingeliefert wurden. 12,8 Prozent starben im Krankenhaus. Je nach Geschlecht wichen die Daten jedoch von dieser Zahl ab:

  • Wurden Männer von einem Arzt behandelt, starben 11,7 Prozent.
  • Wurden Männer von einer Ärztin behandelt, starben 11,2 Prozent.
  • Wurden Frauen von einem Arzt behandelt, starben 14,6 Prozent.
  • Wurden Frauen von einer Ärztin behandelt, starben 13,4 Prozent.

Bei den Männern überlebten also 0,5 Prozent mehr Patienten, wenn sie an eine Ärztin gerieten. Bei den Frauen betrug der Unterschied sogar 1,2 Prozent. Besser erfassen lässt sich diese Abweichung in absoluten Zahlen: Bei einer Behandlung durch eine Frau starben von 100 Patientinnen eine weniger - also 13 bis 14 statt 14 bis 15 - und von 200 männlichen Patienten ebenfalls einer weniger.

Diese Rohdaten bilden viele weitere Faktoren nicht ab, die die Überlebenschance beeinflussen - darunter etwa das Alter, weitere Krankheiten der Patienten, die Berufserfahrung des Arztes und die Größe des Krankenhauses. In ihren Berechnungen, die diese und weitere Faktoren miteinbeziehen, kommen die Studienautoren deshalb auf eine andere Differenz: Frauen, die von Ärztinnen behandelt wurden, hatten demnach ein um 1,5 Prozent niedrigeres Risiko, am Infarkt zu sterben, als Frauen, die von einem Arzt behandelt wurden.

Bei Frauen äußert sich ein Herzinfarkt anders

Aus der Studie lässt sich nicht ablesen, welche Ursachen hinter den Unterschieden stecken. Nur eines ist klar: Ärztinnen sind in den Notaufnahmen in Florida die Minderheit. Während sie 62.000 der analysierten Patienten behandelten, kümmerten sich ihre männlichen Kollegen um mehr als 519.000 Herzinfarktpatienten. Aufgrund der Daten liegt die Vermutung nahe, dass Frauen, die sich in diesem Umfeld durchgesetzt haben, außergewöhnlich gut in ihrem Job sind.

Den grundsätzlichen Unterschied in der Sterblichkeit zwischen Männern und Frauen konnten allerdings selbst sie nicht wettmachen. Auch bei der Patientengruppe der Ärztinnen starben im Schnitt mehr Frauen als Männer. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Lange Zeit galt der Infarkt als männliches Problem - zu Unrecht. Denn Frauen sind vor Herzkrankheiten keineswegs gefeit. Sie erleiden aber im Schnitt erst in höherem Alter einen Infarkt als Männer. Das zeigt auch die aktuelle Studie: Die Patientinnen waren im Schnitt sechs Jahre älter als die Patienten.

Diverse Studien zu Geschlechterunterschieden beim Infarkt zeigen, dass die Frauen entsprechend des Altersunterschieds auch häufiger an anderen und weiteren Krankheiten leiden als die Männer, zum Beispiel an Diabetes. Beides zusammen - Altersunterschied und weitere Krankheiten - erklären wohl zum Teil die schlechtere Prognose von Infarkt-Patientinnen.

Bei Frauen äußert sich ein Herzinfarkt anders

Ein weiterer Unterschied sind die Symptome, mit denen sich der Herzinfarkt bemerkbar macht. Bei extremem Brustschmerz, der in die Arme strahlt, denkt vermutlich jeder an einen möglichen Infarkt. Doch es ist gar nicht so selten, dass Betroffene diese Beschwerden nicht entwickeln. Stattdessen plagen sie eher heftiges Bauchweh, Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbrüche und Atemnot - alles Symptome, die auch bei anderen Krankheiten auftreten können. Solche eher unspezifischen Beschwerden haben zwar auch Männer, bei Frauen ist dies jedoch häufiger der Fall.

Die Patientinnen selbst und ihr Umfeld denken als Laien bei Bauchweh und Atemnot eher nicht an einen Infarkt - und rufen nicht sofort den Notruf. Doch auch in Praxis oder Klinik bleibt ein Problem, wenn Ärzte nicht immer gleich einen Infarkt in Betracht ziehen. Die Konsequenz: Bei Frauen wird ein Infarkt im Schnitt erst später erkannt als bei Männern. Das senkt die Chance zusätzlich, ihn zu überstehen, denn die Behandlung sollte so früh wie möglich beginnen.

Laut der aktuellen Studie trägt - an sich wenig überraschend - Erfahrung dazu bei, dass insbesondere die männlichen Ärzte häufiger Leben retten konnten. Wer in der Notaufnahme in den vergangenen Monaten oft Infarkte von Frauen behandelt hatte, bei dem waren die Überlebenschancen der Patientinnen demnach höher, heißt es in der Studie. Bei den Ärztinnen gab es diesen Unterschied nicht.

Das Erwerben dieses Wissens gehe jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit zulasten früherer Patientinnen, schreiben die Wissenschaftler der Harvard University. Sie fordern in ihrer Untersuchung, die Zahl weiblicher Ärzte in den Notaufnahmen zu erhöhen.

Video: Herz-Gesundheit (SPIEGEL TV Thema 2012)

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M.steitz 08.08.2018
1. und die anderen Wehwehchen ?
würden Patienten mit anderen Diagnosen auch von Ärztinnen in der Notaufnahme profitieren? Oder könnten z.B. Schlaganfall und innere Blutungen besser vom männlichen Kollegen erkannt werden? Was ist eigentlich mit dem Rest vom Team? Oberarzt, Chefarzt, Pflege, Funktionspflege, nicht zu vergessen das mehrköpfige Team im Herzkatheter Labor.
susie.soho 08.08.2018
2. Symtome bei Frauen
Mein Herzinfarkt machte sich lediglich durch einen leichten, aber dauerhaften Druck am Oberbauch und ein Engegefühl am Kehlkopf bemerkbar. Da mir dieser Zustand völlig fremd war und über eine Stunde lang andauerte, schaute ich ins Internet unter der Suchanfrage: "Herzinfarkt bei Frauen" nach und fand meine Beschwerden bereits dokumentiert. Da rief ich die Rettung an. Nach Schilderung meiner Beschwerden war sie nach 5 Minuten vor Ort. Das ist jetzt 13 Jahre her. Kurz und gut: kein Ausstrahlen von "Schmerzen" in den linken Arm, kein Ausstrahlen in den Rücken.
Lemjus 08.08.2018
3. Logisch
Da deutlich mehr Menschen von Ärzten als von Frauen behandelt wurden starben dabei wohl auch mehr
Naturrecht 08.08.2018
4. Harvard Business School
Vielleicht wäre das eher ein Forschungsgebiet für die Harvard Medical School und nicht für die Business School. Leider konnte ich die Studie selbst nicht finden. Es wäre sehr interessant, ob die Differenz zwischen männlichem Arzt und weiblichem Arzt wirklich signifikant ist. Gemäß dem Falle die Differenz sei Signifikant und es ist wissenschaftlich gearbeitet worden, welche möglichen Gründe könnte für eine höher Überlebenswahrscheinlichkeit"sprechen? Fühlen sich weibliche Patienten bei weiblichen Ärzten wohler und teilen mehr Beschwerden mit. Nach dem Motto - in Gegenwart eines Mannes muss ich stark sein. Können sich weibliche Ärzte in die Beschwerden von Frauen besser hineinversetzten und so präventiv mehr Hilfe leisten? Da es bei Männern wohl genauso ist, würde mehr für die These sprechen - In Gegenwart eines Mannes muss ich stark bleiben. Natürlich könnte es auch einfach sein, dass männliche Ärzte mehr Geld verdienen und nicht mit dem Kopf bei den Patienten sind, sondern welches Auto sie demnächst kaufen. Frauen verdienen bekanntlich (Gender pay gap) viel weniger und sind dann mit dem Gedanken eher beim Patienten. Genug spekuliert - Leider fehlen bei solchen Studien immer die Kausalität...
koh 08.08.2018
5. interessant
interessante studie, schade dass sie nicht verlilnkt ist. und in der tat ein seltsames thema für eine business school. Das Problem bei allen Studien dieser art ist, dass es unglaublich viele variable faktoren gibt, die man nicht leicht unter kontrolle halten kann. Beispielsweise wäre es denkbar, dass männliche Ärzte eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Nachtdienste zu machen, oder in 'schlechten krankenhäusern' zu arbeiten. Und ich bin sicher, dass ein Infarkt schlechtere Chancen hat, wenn er Nachts eingeliefert wird, oder in bestimmten Häusern behandelt wird.
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