Bergurlaub: Rotwein, das Epo des kleinen Mannes

Urlaub ist der Todfeind des Läufers. Vor lauter Familie, Eisdiele und Schlappschlendern kommt Wunderläufer Achim Achilles kaum noch zum Training. Wird Höhenluft in Kombination mit leistungsfördernden Substanzen den körperlichen Verfall verhindern?

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Geschafft: In den Bergen fordert auch die Höhenluft den Körper

Verdammte Sommerferien. Wie zum Teufel soll der ambitionierte Freizeitsportler Training und ganztägiges Familienbespaßen kreativ kombinieren? Nach ausgiebigem Frühstück, Nickerchen im Sonnenstuhl, Wurstbudenstöbern und mittäglichen Stützbieren ist an Geradeauslaufen nicht zu denken. Das schlappe Schlendern, das Mona "Wandern" nennt, geht nicht mal als Regenerationseinheit durch.

Wer sich halbtagsweise zum Trainieren abseilt, gilt als Rabenvater. Frühes Aufstehen fällt auch aus, weil das nette Beisammensein am Vorabend unerwartet kirschwasserhaltig verlief. Gnadenlos dokumentieren die Einschnitte der Rennbadehose, dass die ansprechende Form des Frühjahrs zerlaufen ist wie der Schokoladeneisklecks im Bauchnabel. Kann aber auch sein, dass sich gerade in der Hüftgegend ein unerwarteter Leistungszuwachs abzeichnet. Rote Blutkörperchen brauchen ja viel Platz. Da dehnt sich die Haut schon mal. In der Warteschlange vom Buffet spanne ich jeden Mittag die Beckenbodenmuskulatur an. Pilates geht überall.

Traumhafte Alpenluft: Training ohne Anstrengung

Dieses Jahr hatte ich die Familie mit sanfter Gewalt in die Bergferien gelotst. Das Kalkül: Alpenluft bringt praktisch anstrengungsfrei einen tollen Trainingseffekt, weil sich die roten Blutkörperchen explosionsartig und von ganz allein vermehren. Wenn Top-Athleten mit Höhentraining besser werden, dann wird für einen Durchschnittssportler ja wohl flaches Atmen genügen, sofern natürlich konsequent blutbildende Substanzen konsumiert werden. Rotwein ist das Epo des kleinen Mannes. Der portugiesische Wunderläufer António Pinto soll sich jeden Tag eine Flasche gegeben haben. Gesund ist das nicht. Aber: roter Wein, rote Nase, rotes Blut - wundervolles Erfolgsrezept für Herbstrekorde im Berliner Flachland.

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Achilles' Verse: Psycho-Pilze, Maggi-Wasser und ein mörderischer Aufstieg
Um ein wenig gefühlten Sport zu absolvieren, brachen wir immer wieder zu Bergtouren auf. Man muss sich die Wanderei nur schönrechnen: Wenn ein Höhenmeter Klettern einem gelaufenen Kilometer in der Horizontalen entspricht, dann ist der Anstieg zur Leberknödelhütte genauso viel wert wie ein Marathon. Ganz wichtig: Nicht übertreiben. Wer lossprintet wie eine Gemse, wird bereits in der ersten Kurve röcheln, blaugesichtig wie ein Schlumpf. Immerhin ein hübsches Urlaubsfoto. Aus Sicherheitsgründen achteten wir darauf, nie die Seilbahnstation oder aber unseren Ferienort aus dem Blick zu verlieren.

Die größte Gefahr beim Bergwandern ist und bleibt das Übertraining. Am ersten Tag hatte ich leichtsinnigerweise versucht, eine einheimische Dame jenseits der 80 auf den Treppenstufen zur Kirche zu überholen. Muss an meinen neuen Wanderstiefeln gelegen haben, dass mich die zähe Alte abhängte. Ich betrachtete die folgenden drei Tage Zwangspause wegen plötzlicher Hackenblasen als Zaunpfahl des Schicksals. Liebevoll begutachtete ich die Blutbeutel an der Ferse - meine ganz persönliche kleine Epo-Reserve.

Auch Leistungsabfall kann als Erfolg gewertet werden

Ob mein revolutionäres Trainingsrezept funktioniert, sollte ein kleiner Leistungstest am letzten Ferientag beweisen. Nach zwei Wochen passiver Hämoglobin-Dröhnung schälte ich mich an diesem wolkigen Urlaubsmorgen heldenhaft noch vor acht Uhr aus den Laken. Ein paar Probeläufe würden gigantischen Leistungszuwachs dokumentieren. Wobei ich beschlossen hatte, auch einen geringen Leistungsabfall durchaus als Erfolg zu werten, weil Messwerte in der Höhe garantiert verzerrt sind. Der Aufwärmtrab bergab lief schon mal prächtig. Meine Teststrecke führte im Dörfchen entlang des Flusses vom Bäcker bis zum Biergarten. Falls Unterzuckerung drohte, war Erste Hilfe immer in Kriechnähe.

Weil GPS in den Bergen oft unpräzise ist, hatte ich entschieden, dass 432 Meter in 1.500 Metern Höhe exakt 500 Metern in zivilisierten Gegenden entsprechen. Laut Trainingsplan hätte ich die mörderische Strecke achtmal absolvieren sollen. Ich fand die Hälfte aber auch schon saugut. Leider tickte die Stoppuhr nicht ganz sauber. Oder ich hatte mich verdrückt. Die Zahlen, die das Display anzeigte, als ich zu mir kam, erschienen mir jedenfalls nicht so ganz plausibel. Liegt garantiert daran, dass die Unmengen roter Blutkörperchen viel schwerer sind und das Wettkampfgewicht massiv beeinträchtigen. Es ist ein gutes Gefühl, topfit in die zweite Saisonhälfte zu starten.


Damit es mit dem Training besser klappt: Tipps und Tricks in Achim Achilles' E-Book: Laufen und Trainieren - Die besten Lauftrainings der Welt.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Gps
loki21 30.07.2013
Zitat von sysopimago Urlaub ist der Todfeind des Läufers. Vor lauter Familie, Eisdiele und Schlappschlendern kommt Wunderläufer Achim Achilles kaum noch zum Training. Wird Höhenluft in Kombination mit leistungsfördernden Substanzen den körperlichen Verfall verhindern? http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/hoehentraining-im-bergurlaub-mit-rotwein-als-dopingmittel-a-913810.html
Wenn Ihr GPS in den Bergen ungenau ist, dann liegt es weniger bis gar nicht am GPS, sondern an Ihrem verwendeten Gerät, welches entweder billig ist und so nichts taugt, oder aber einfach für andere Einsatzgebiete ausgelegt ist (sprich Einsatz in der Zivilisation). Mit einem Outdoor-Navigationsgerät können Sie auch in 3.000 m metergenau navigieren und die richtige Höhenlinie finden. Ohne Problem geht dies von statten. Hatte mit meinem Gerät in 7 Wochen Pyrenäen ohne jeglichen Handyempfang nie Probleme gehabt. Habe mich dabei ausschließlich vom Atlantik zum Mittelmeer navigiert und bin auch dort angekommen. Weitere Karten hatte ich aus Gewichtsgründen nicht dabei, nur mein Navi. Die Beschilderung von Wanderwegen ist in den Pyrenäen auch nicht mit dem Luxusstandart in den Alpen vergleichbar. Teilweise führte der HRP auch mitten durch die Pampa, da stellenweise gar keine Wege vorgesehen sind. Man sucht sich seinen eigenen Weg. Schwankungen ergeben von max 10 m ergeben sich bei dichtem Blätterdach. Dies findet man aber oberhalb von 1.500 m eher selten.
2. Höhenakklimatisation-so geht es. ..
michaelkaloff 30.07.2013
Um die Erythrozytenzahl nennenswert zu steigern, reichen Höhen von 1500m nicht aus. Wenn man sich tagsüber auf dem Berg und nachts im Tal aufhält, ergibt dies auch keinen nennenswerten Effekt. Für einen nennenswertes Ergebnis sollte man sich drei Wochen in Höhen von min. 2500m, besser 3000m aufhalten. Erst nach drei Wochen ist die vom körpereigenen Epopeak initiierte Akklimatisation abgeschlossen. Ein Ergebnis, das herbstliche Höchstleistungen im Flachland ermöglicht, können Sie vergessen. Nach der Rückkehr in tiefgelegene Gebiete beginnt der Abbau der Erythrozyten sofort. Nach etwa zwei Wochen ist kein Höhentrainingseffekt mehr feststellbar. Der Körper vermeidet nun einmal einen hohen Hämatokritwert, warum, dürfte klar sein (Embolien etc.). Auch deshalb ist Epodoping verboten. Ich habe in den Hochanden etwa gut 40 Höhenakklimatisationen erlebt.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.