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14. November 2012, 15:35 Uhr

Wir machen uns mal frei

Der Horror-Hummus

Kolumnist Jens Lubbadeh liebt Hummus, diesen leckeren Matsch aus Kichererbsen und Sesampaste. Eines Tages allerdings vergiftet er ungewollt seine Freundin - und merkt, dass mit den lustigen Hülsenfrüchten nicht immer zu spaßen ist.

Hummus ist für mich die salzige Version von Nutella. Der Kichererbsenbrei mit der Sesampaste ist nicht minder suchtgefährdend. Und ich verfalle in ähnliche Essensschemata wie bei der Nuss-Nougat-Creme: Wenn Brot vorhanden, gerne darauf. Ansonsten aber auch pur und löffelweise. Der entscheidende Unterschied zu Nutella: Hummus kann ich ohne schlechtes Gewissen schlemmen, denn Kichererbsen gelten als sehr gesund. Und hier gilt für mich: viel hilft viel.

Da ich mit Hummus aufgewachsen bin, habe ich höchste Ansprüche an seine Qualität. Schlechter Hummus kann mir den Tag verderben. Also habe ich mir angewöhnt, ihn lieber gleich selbst zu machen. Lange Zeit begann für mich die Produktion mit Kichererbsen aus der Dose. Doch irgendwann fing ich an deren Güte grundlegend zu hinterfragen. Viel zu gelb, viel zu matschig und die schleimige gelbliche Brühe erinnerte mich jedesmal an irgendwas aus dem Biologie-Studium. Feinpüriert ergaben diese denaturierten Kichererbsen immer einen Hummus, der nicht hell genug war. Guter Hummus muss hell sein. Wie ein feiner Strand in der Karibik.

Im Bioladen entdeckte ich schließlich trockene Kichererbsen. Ich langte zu. Mein Traum vom perfekten Hummus schien zum Greifen nahe. Damit würde ich in der Hummus-Wertschöpfungskette bis an den Ursprung gehen und die totale Kontrolle über das Endergebnis haben, schwirrte es durch meinen Kopf. Steve Jobs hätte das nicht anders gemacht.

Trockene Kichererbsen müssen nass werden, dachte ich - und legte sie erst einmal in Wasser ein. Irgendwo hatte ich was von ein paar Stunden gehört. Die Erbsen schwollen stark an, das war gut. Dass sie nach zwei, drei Stunden noch immer recht hart waren, störte mich nicht so sehr. War es mir doch vielmehr Bestätigung dafür, was für miese Kichererbsen ich bislang immer verwendet hatte.

"Man weiß gar nicht mehr, wie frische Kichererbsen schmecken"

Nachdem ich mit dem Pürierstab durchgegangen war, präsentierte sich der Hummus so fein wie der Strand von Playa del Carmen im mexikanischen Yucatán. Stolz bot ich meinen Hummus meiner Freundin an. Nach einigen Bissen hatte sie aber schon genug. "Der schmeckt irgendwie anders als sonst", sagte sie mit leicht verzerrtem Gesicht. "Naja, kein Wunder", entgegnete ich. "Ich habe ja auch zum ersten Mal ganz frische Kichererbsen verwendet."

Trotzdem konnte ich sie nicht überzeugen, noch mehr davon zu essen. Man muss akzeptieren, dass nicht jeder Hummus so innig liebt wie ich, dachte ich und wischte mit einem neuen Stück Brot über den köstlichen Strand-Brei. Trotzdem ist es manchmal nicht leicht, immer nur von Hummus-Banausen umgeben zu sein. Ob sich Jamie Oliver auch manchmal so fühlt? Beim Kauen fiel mir auf, dass die Konsistenz tatsächlich etwas bröckeliger war als sonst. Verdammter Dosenfraß, dachte ich. Man weiß ja schon gar nicht mehr, wie frische Kichererbsen eigentlich schmecken.

In der Nacht schlief meine Freundin schlecht. Sie klagte über starke Magenschmerzen. Minütlich ging es abwärts mit ihr, ich musste hilflos ihrem körperlichen Verfall zusehen. Irgendwann konnte sie nicht mal mehr aufstehen, um ins Bad zu gehen und sich zu übergeben. Es war Ende November, der Winter im Anmarsch und es war das Jahr der Schweinegrippe. Was für ein teuflisches Virus das doch war, das von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte, dachte ich. Und welches Glück ich doch hatte, von ihm verschont geblieben zu sein - ich hatte lediglich etwas Magendrücken.

Das Einzige, was ich meiner Freundin bieten konnte, waren mein moralischer Beistand und mein Putzeimer. Auf beides griff sie - mehrfach - zurück, wenn auch zunächst widerwillig (wir kannten uns damals noch nicht so lange). Ich tat an diesem Wochenende mein Bestes, um sie wieder aufzupäppeln, kümmerte mich rührend um sie, umsorgte und pflegte sie und war sehr stolz auf meine Krankenpflege. Sie war einige Tage lang völlig ausgeknockt.

Monate später die Gewissheit: Der Hummus war schuld

Noch Monate später erzählten wir Bekannten, wie schlimm die Schweinegrippe auch bei uns zugeschlagen hatte und dass man dieses Virus weiß Gott nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Erst als ich mal wieder einen Bio-Hummus machen wollte und diesmal zufällig das Kleingedruckte auf der Rückseite der Kichererbsenpackung las, traf mich die schreckliche Gewissheit mit der Wucht einer Konservendose: Ich hatte sie vergiftet! Mit meinem Hummus!

Kichererbsen muss man über Nacht einweichen lassen und dann lange kochen, weil sie Giftstoffe enthalten, die sich erst beim Erhitzen zersetzen. Ein toller Krankenpfleger war ich. Erst krank machen und dann pflegen. Ich war die Hummus-Version von Kathy "Misery" Bates. Aber wer kommt schon auf die Idee, dass Trockengemüse eine Gebrauchsanweisung braucht? Ich lese ja noch nicht mal die von meinem DVD-Player.

Warum mir die rohen Kichererbsen nichts ausgemacht haben, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Manchmal klammere ich mich auch noch an die Hoffnung, dass es vielleicht doch ein Virus war und der Hummus ja gar nicht so schlimm. Aber das tue ich wohl nur, weil der Gedanke, jemanden vergiftet zu haben, so schrecklich ist. Päpste und Könige wurden vergiftet, aber das ist nun wirklich lange her. Vergiften ist zum Glück völlig aus der Mode gekommen (außer vielleicht in der Ukraine). Jedenfalls hat es über ein Jahr gedauert, bis sich meine Freundin wieder an meinen Hummus getraut hat.

Aufruf: Sind Sie auch schon einmal vergiftet worden oder haben jemanden vergiftet? Dann schreiben Sie an: post@lubbadeh.de

Für Mobilnutzer: Über diesen Link erfahren Sie mehr über die Risiken von natürlichen Giftstoffen in Ungekochtem.

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