Abhärtung gegen Kälte Guckt mal, ich friere gar nicht!

Nur die Harten kommen in den Garten, beziehungsweise in den Park. Oder warum sonst joggen viele Männer bei Minusgraden in kurzen Hosen, fragt sich Jens Lubbadeh. Der Abhärtungswahn ist nicht nur unsinnig, sondern auch ungesund.

Winterliche Badefreuden in Polen (Archivbild)
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Winterliche Badefreuden in Polen (Archivbild)


Ich hatte mal einen Kollegen, nennen wir ihn Björn, der immer nur T-Shirts trug. Als ich den Job begann, war es Sommer, in dieser Jahreszeit war Björn maximal unauffällig. Auch im Oktober, als ich längst Rollkragenpullover trug, wunderte ich mich noch nicht über Björns Garderobe. Ich hielt ihn einfach für einen harten Hund. Als der Dezember kam und er unter seiner Winterjacke immer noch nichts anderes als ein T-Shirt entblößte, fragte ich mich das erste Mal, ob irgendetwas mit ihm nicht stimmte.

Ich beobachtete ihn heimlich. An Björn waren keinerlei Anzeichen von unterdrückter Gänsehaut oder Kältetremor zu erkennen. Auch seine Hautfarbe war physiologisch korrekt. Völlig ruhig saß er da mit seinen nackten Armen, während mich die Wolle am Hals kratzte. In der Mittagspause kontrollierte ich heimlich seinen Heizkörper - er war abgedreht. Nein, der spielte nichts vor. In mir löste das einen Gefühlsmix aus Bewunderung, Unverständnis, Fremdfrösteln und Scham aus. Was, wenn mit mir etwas nicht stimmte? War ich zu verweichlicht?

Heimlich begann ich Björn nachzueifern. Als ich sicher war, dass die Heizkörper auf das Maximum hochgedreht waren, zog ich demonstrativ meinen Rollkragenpullover aus. Absichtlich hatte ich mein liebstes T-Shirt angezogen. Am nächsten Tag ließ ich den Rollkragenpullover gleich zu Hause. Am Tag darauf saß ich - jetzt nicht mehr im T-Shirt - im Wartezimmer meiner Hausärztin: Verdacht auf Lungenentzündung.

Was ist nur los mit diesen jungen Leuten?

Mit dieser Erfahrung beendete ich meine Abhärtungsversuche. Die meiner Mitmenschen verfolge ich jedoch weiter mit Interesse. Seit einigen Jahren gibt es da Bewegung: Immer häufiger fallen mir Mitmenschen auf, die im tiefsten Winter herumlaufen als wär's gerade Frühsommer. Aber nicht so wie Björn, der wenigstens noch eine Jacke trug. Sondern richtig mit Botschaft. Der Typ neulich am Hamburger Hauptbahnhof zum Beispiel: Armeehose und Muskelshirt - bei zwei Grad plus. Ruhig wartete er am Bahnsteig auf den Zug, die Hände demonstrativ in den Hosentaschen und nicht etwa um Reibungshitze bemüht auf der Haut reibend. Seine Botschaft: Schaut mal, was ich für eine coole Sau bin. Und dann all die Jogger, denen ich im Winter im Park begegne, die in kurzen Hosen durch Schnee und Eis stapfen. Es sind immer Männer, und sie sind immer zwischen 20 und 35 Jahren alt. Was ist mit denen nur los?

"Bei dem Thema Abhärten schwingt viel Ideologie mit", sagt der Sportmediziner Klaus-Michael Braumann im Interview. Vor allem werde es seiner Ansicht nach dazu benutzt, um einen auffälligen Körperkult zu zelebrieren. Dabei fehlen nicht nur Belege dafür, dass Joggen in kurzen Hosen im Winter irgendetwas bringt, es ist auch noch alles andere als gesund: "Kälte führt zur Durchblutungsdrosselung, und Gelenkkapseln und Bänder sind schon relativ gering durchblutet", sagt Braumann. "Das führt möglicherweise zu einer verringerten Regeneration und damit zu einem höheren Belastungsstress."

Heißt: Joggen in kurzen Hosen im Winter führt zu Schmerzen und schnellerer Abnutzung der Gelenke. Außerdem steigt die Unfallgefahr. Schon mal ein Insekt im Winter beobachtet? Schon mal darüber gewundert, warum das so langsam ist? Weil die Nerven in der Kälte langsamer leiten. Natürlich sind Menschen keine Insekten, sondern Warmblüter. Trotzdem kann die Körperheizung nicht alle Bereiche gleich gut warm halten, vor allem nicht die Außenbezirke. Wer mit Eisklumpen statt Füßen umknickt, reagiert langsamer, fällt aber genauso schnell.

Abhärten ist möglich

Dabei kann man sich tatsächlich abhärten. Wer etwas für sein Immunsystem tun will, sollte in die Sauna gehen und sich danach kalt abduschen. Dass das Immunsystem von diesen Kaltwasser-Abschreckungen profitiert, haben Studien mittlerweile belegt. Auch die guten alten Wechselduschen boosten die Körperabwehr. Kneipp-Kuren sind nichts anderes als dosierte Kältereize auf der Haut

Zwar ist die Studienlage zu ihrer Wirksamkeit noch dünn, aber sie ist besser als die zum Joggen in kurzen Hosen im Winter. Nur sind Sauna und Kneipp-Kuren nicht so cool wie in Rocky-Balboa-Hoodie und Shorts durch den Schnee zu stapfen.

Aber wer weiß, vielleicht sind die Kurze-Hosen-Jogger gar nicht so zahlreich, wie ich denke. Meine Freundin glaubt, dass das in Wahrheit Kurzzeitjogger sind. Einmal vor allen den harten Mann gegeben und dann ganz allein zu Hause krank geworden.

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
nechtan 23.01.2015
1. Naja
Das mit dem T-Shirt im Winter ist kein Kunststück, betrachtet man die überhitzen Umgebungen in denen man sich bewegt, ist sogar notwendig, zumindest aus meiner Sicht. U-Bahnen, S-Bahn viel zu warm, Büros -vor allem mit weiblichen Kolleginnen- viel zu warm. Einkaufszentrum Katastrophe usw. Aber ja eine ordentliche Winterjacke und ein T-Shirt im Winter gehen, wir leben ja hier auch nicht am Polarkreis. Aber ich stimme Ihnen bei den "Sportlern" zu die haben keine Ahnung was sie da machen und aus meiner Sicht ist das reine Dummheit.
Miere 23.01.2015
2. Pfauenschwanz, Hahnenkamm
Der Schwanz beim Pfau erfüllt auch keinen direkten biologischen Zweck und ist beim Fliegen und Laufen eher hinderlich und schädlich. Aber er beeindruckt die Mädels. Tipp: Björns Gehalt erhöhen. Wenn er sich einen Mercedes leisten kann, muss er nicht mehr im T-Shirt rumsitzen.
gultimore 23.01.2015
3. Im T-Shirt im Büro
Also, dass ich im T-Shirt im Büro sitze, hat nichts mit Abhärten zu tun. Nur damit, dass die meisten Büroräume so überheitzt sind, dass es unangenehm ist, wenn man in was längeren im Büro sitzt. Auch wenn ich meine Heizung nicht an hab, reicht es doch, dass im Nachbarbüro geheitzt wird und es so nie wirklich auskühlen kann. Und würde ich unter der Winterjacke noch einen Pullover tragen, würde ich beim Fahrradfahren so dermaßen schwitzen, dass ich nochmal im Büro duschen dürfte. Dann lieber die ersten 2 km ein bisschen frieren, bis mein Körper sich aufgeheitzt hat.
lobatul 23.01.2015
4. Björn ...
... war vielleicht auch der einzigste im Büro der gearbeitet hat?
Graf-Zahl 23.01.2015
5. Extreme
Es gibt nun mal Menschen die zu Extremen neigen. Die 0-Grad-in-kurzen-Hosen-Jogger sind das eine Extrem. Auf der anderen Seite sehe ich immer mehr (vor allem) Frauen, die deutlichen Temperaturen im Plus-Bereich mit Wollmütze, Fleecejacke und Schal joggen. Das finde ich mindestens genau so bedenklich. Das sind aber wahrscheinlich genau die gleichen, die dann ab 12 Grad bei ihrem 30-Minuten Läufchen mit einer Literflasche Wasser in der Hand rumlaufen.
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