DFB-Chefkoch Holger Stromberg: "Poldi mag Röstaromen"

Holger Stromberg entscheidet, was Deutschlands Fußball-Nationalspieler essen. Der DFB-Koch achtet auf die Ernährung der Stars und kümmert sich um deren seelisches Wohl. Im Interview mit Achim Achilles verrät er, welche Athleten sich in der Küche einmischen.

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Erwin Lanzensberger

DFB-Chefkoch Holger Stromberg: "Kartoffelpüree ist sehr beliebt"

SPIEGEL ONLINE: Herr Stromberg, was viele Fußballfans nicht ahnen, der WM-Titel 2014 in Brasilien geht nur über Sie.

Stromberg: Na ja, ich bin ein klitzekleines Rädchen im System.

SPIEGEL ONLINE: Als DFB-Chefkoch bestimmen Sie, was die deutsche Fußball-Nationalmannschaft isst. Ganz unwichtig ist das nicht.

Stromberg: Stimmt. Gerade in fernen Ländern braucht die Mannschaft Sicherheit in puncto Essen. Man kennt ja noch die Geschichten von Olympia in Mexiko 1968. Stichwort: Montezumas Rache. Meine Aufgabe ist es, ein Büffet auf die Beine zu stellen, das Energie liefert - und schmeckt.

SPIEGEL ONLINE: Welches Gericht kommt bei den Nationalspielern am besten an?

Stromberg: Pasta wird gerne gegessen, Kartoffelpüree ist sehr beliebt. Ein Klassiker ist die französische Tomatensuppe, die ich in der Vorbereitung zur letzten EM gekocht habe. Gemüse steht immer mehr im Vordergrund. Die meisten essen aber tatsächlich sehr gerne gemischten Salat.

ZUR PERSON

Holger Stromberg, Jahrgang 1972, ist seit 2007 der Koch der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der gebürtige Münsteraner ist in einer Gastronomenfamilie aufgewachsen und erarbeitete sich bereits mit 23 Jahren den begehrten Michelin-Stern. Vor fünf Jahren eröffnete er seine eigene Currywurst-Buden-Kette "CURRY 73". Gerade ist sein neues Buch "Iss einfach gut" erschienen. www.holgerstromberg.de

SPIEGEL ONLINE: Wer sind Ess-Trendsetter im Team?

Stromberg: Lukas Podolski zum Beispiel. Der steht für die männlich-deftige Küche und macht oft Vorschläge. Mesut Özil schließt sich häufig den Ideen an. Poldi mag Röstaromen und probiert mit dem Pfannenstiel in der Hand gerne mit mir was aus. Die Spieler sind sehr offen und wissbegierig und geben mir viel Feedback. Das ist toll.

SPIEGEL ONLINE: Auch Thomas Müller und Manuel Neuer outen sich mittlerweile als Gourmets. Wie viel Überzeugungskraft mussten Sie aufwenden, um die Jungs von Burger und Pizza runterzukriegen?

Stromberg: Gar keine. Das sind Profis. Außerdem kann und will ich niemandem vorschreiben, was er isst. Aber gerade in einem Turnier gibt es die ein oder andere Frustration. Wenn Spieler nicht zum Einsatz kommen, muss ich drauf achten, dass die Enttäuschung nicht in Naschereien übergeht und sie zu viel Eis oder Kekse konsumieren.

Buchtipp
SPIEGEL ONLINE: Gibt's dann ein Naschverbot?

Stromberg: Nein, das muss man psychologisch angehen. Manchmal muss man sich für einen Spieler einmal Zeit außerhalb der Reihe nehmen, das Gespräch suchen und vor allem positiv sein. Das reicht in der Regel. Und falls nicht, nehme ich die Snacks unauffällig vom Buffettisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen also nicht nur in der Küche?

Stromberg: Wir tauschen uns aus, ist doch klar. Ich stelle ein motivierendes Buffet zusammen, aber jeder muss seinen Ernährungsplan selbst aufstellen und einhalten. Die Spieler sollen sich selbst kennenlernen und spüren, was ihnen gut tut und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Heiko Westermann soll durch Ihre Küche seinen Heuschnupfen besiegt haben.

Stromberg: Heiko hatte eine ähnlich starke Allergie wie ich. Ich musste jahrelang Kortison nehmen. Dann habe ich Weißmehl gestrichen und Schwarzkümmelöl und Agavensaft in meine Ernährung eingebaut. Heute niese und schnäuze ich mal, aber Heuschnupfen ängstigt mich nicht mehr. Heiko hat auf Milchprodukte und Weißmehl verzichtet und sich glutenfrei ernährt. So ist er dem Problem Herr geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie bekomme ich heraus, was mir gut tut und was nicht?

Stromberg: Das muss man wieder lernen. Ich empfehle ein kleines Büchlein, in das ich drei, vier Wochen lang alles hineinschreibe: Was ich verzehre, wann ich esse, wie ich mich vorher und nachher fühle. Liegt das Essen schwer im Magen? Bin ich leistungsfähig? Abends sollte man eine Zeitlang nicht gemischt essen, also nur Salat oder nur Pasta. Am nächsten Morgen frage ich mich dann: Wie habe ich geschlafen? Kann ich Bäume ausreißen oder fühle ich mich schlapp? So beginnt man sich zu spüren.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aber aufwendig.

Stromberg: Die meisten wollen, dass ich Ihnen zehn Ratschläge gebe, die sie in zwei Wochen schlank, glücklich und erfolgreich machen. So läuft's aber nicht. Ich will Leuten helfen, sich selbst zu helfen. Wenn man sich keine fünf Minuten am Tag mit Ernährung auseinandersetzen will, dann ist der Schmerz nicht groß genug. Wer sich dagegen pudelwohl fühlt, braucht auch nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Viele sind verwirrt von ständig neuen Trends, Diäten und Skandalen. Was kann ich tun, um wieder Vertrauen zu schöpfen?

Stromberg: Auf sein Gefühl hören. Misstrauisch sein, nicht an Märchen glauben. Niemand bekommt über Nacht einen super Körper. Wichtig ist, dass man sich wohlfühlt, gesund isst und möglichst authentisch lebt. Es gibt kein Generalrezept für alle Menschen - auch wenn das viele behaupten.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Nationalmannschaft gehört schon jetzt zu den Favoriten für den WM-Titel. Wie steht die deutsche Küche im internationalen Vergleich?

Stromberg: Die kulinarische Hauptstadt ist London, die Mutter aller Küchen ist die italienische und die Spanier sind - wie im Fußball - momentan Spitzenreiter in der Haute Cuisine. Aber wir sind unter den ersten Drei. Wir haben eine tolle Esskultur, aber wir müssen die deutsche Küche moderner gestalten. Da wir nicht mehr auf dem Acker arbeiten, sondern meist im Büro, brauchen wir nicht mehr so viel Fett. Man kann auch heute noch - etwas verändert - eine Rindsroulade mit Kartoffelstampf und Rotkohl kochen, die weder ungesund ist noch schwer im Magen liegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie können mit drei Nationalspielern zusammen dinieren - wen nehmen sie mit?

Stromberg: Gemeine Frage. Ich will keinem Unrecht tun, da sind die Spieler nachtragend. Auf jeden Fall: Heiko Westermann. Wir tauschen uns häufig aus, unsere Frauen kennen sich. Dann Manuel Neuer - und auf den letzten Platz müssen sich alle anderen quetschen. Aber die sind ja schlank, das passt.


Gewinnspiel: Achim-Achilles.de verlost dreimal das Buch "Iss einfach gut" von Holger Stromberg.

Das Interview führte Frank Joung

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1.
janie_jones 05.07.2013
"Wenn Spieler nicht zum Einsatz kommen, muss ich drauf achten, dass die Enttäuschung nicht in Naschereien übergeht und sie zu viel Eis oder Kekse konsumieren." Im Ernst? Sind das irgendwelche Bubis auf Klassenfahrt?
2. Gott sei Dank...
günterjoachim 05.07.2013
Ein Glück daß die Nationalmannschaft den tollen Herrn Stromberg hat. Da wird sie bestimmt Weltmeister. Wohl der allerwichtigste Mann in der DFB Truppe.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.