Hunde-Attacken: Der Feind des Joggers ist der Dackel, nicht der Bernhardiner

Hunde und Jogger: Tipps vom Hundeflüsterer
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Marc Rehbeck

Viele Jogger fürchten sich vor Hunden. Martin Rütter, Deutschlands bekanntester Hundetrainer, erklärt im Interview mit achim-achilles.de, warum Hunde und Läufer sich in die Quere kommen, weshalb Weglaufen keinen Zweck hat - und warum mehr Männer als Frauen gebissen werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben es Hunde auf Jogger abgesehen?

Rütter: Hunde finden alles spannend, was sich bewegt. Sie lieben das Jagen. Ernsthaft gefährlich ist das aber nur selten. Es geht dem Hund ums Hinterherrennen, nicht ums Reinbeißen.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten Läufer auf keinen Fall tun, wenn sie ein Hund verfolgt?

Rütter: Versuchen, schneller zu werden. Selbst die kleinsten Hunde würden Usain Bolt über 100 Meter schlagen. Wegrennen macht also überhaupt keinen Sinn. Verlangsamen und stehenbleiben ist die effektivste Methode, um den Hund zu stoppen. In diesem Moment ist das Spiel für den Hund nicht mehr interessant.

SPIEGEL ONLINE: Stehenbleiben? Ist das wirklich so eine tolle Idee?

Rütter: Abrupt stehenbleiben ist nicht gut, denn dann wird der Läufer für den Hund womöglich zur Bedrohung. So entsteht schnell die Situation, dass der Hund um den plötzlich stehengebliebenen Jogger herumrennt und ihn ankläfft. Optimal wäre: langsamer werden, zum Stehen kommen, den Hund ignorieren und wieder abdampfen.

SPIEGEL ONLINE: Ich soll den Hund ignorieren?

Rütter: Ja, ich gucke an ihm vorbei oder über ihn rüber und dann haut er wieder ab. Das ist die Theorie, ich weiß. In der Praxis läuft es meist anders: Der Jogger mault den Hund an, die Hundehalter beschweren sich und sagen: "Der tut doch nichts." Dann gibt's Streit, und das ist das eigentlich Blöde.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkenne ich, ob ein Hund wirklich nur spielen will?

Rütter: Man sieht es gut an der Körper-Steifigkeit der Hunde. Wenn ein Hund vor mir steht, mich anguckt - der Schwanz bömmelt runter, Muskeln sind nicht angespannt -, kann ich prima an ihm vorbei, kein Drama. Wenn ich merke, dass sich der Körper des Hundes anspannt, er den Kopf hoch hält und der Schwanz steif wird, kann es ernst werden. Genauso ist es beim Verfolgen: Wenn der ganze Hund in sich weich aussieht, er trabt, galoppiert und der Po wackelt - ist er nicht bedrohlich.

SPIEGEL ONLINE: Kann man einem fremden Hund verbal Einhalt gebieten, indem man zum Beispiel "Aus" oder "Stopp" ruft?

Rütter: Wenn der Hund gut erzogen ist, können Standardbefehle wie "Aus" oder "Sitz" eine Hilfe sein. Aber meine Erfahrung zeigt mir: Die Leute, die es nicht schaffen, den Hund vom Jogger abzuhalten, haben ihm auch nicht die elementaren Erziehungsregeln beigebracht. Befehle zu rufen, ist also nicht effektiv. Im Übrigen sind die meisten Jogger, die gebissen werden Männer.

SPIEGEL ONLINE: Aha, und woran liegt das?

Rütter: Wenn ein Hund angedonnert kommt, kriegt der Mensch einen Schreck und bleibt stehen - das ist ein normaler Impuls. Die Frau trabt erleichtert weiter, wenn der Hund stehenbleibt und nichts passiert ist. Der Mann aber will sich behaupten, geht auf den Hund zu, beschimpft ihn und versucht ihn zu verjagen. Der Hund merkt, dass in dieser Situation irgendwas nicht zusammenpasst. Erst die Angst, dann das Beschimpfen. Da kann es gefährlich werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Art Revierverhalten zwischen Hunden und Männern?

Rütter: Das ist kein klassisches Konkurrenzdenken, so nach dem Motto: Das ist mein Park. Es ist vielmehr eine Reaktion auf körpersprachliche Muster. Generell ist es so: Wenn ich eine starke körperliche Präsenz habe und mich bedrohlich vor einem einigermaßen verträglichen Hund aufbaue, werden 99 von 100 Hunden sagen, okay, ich lasse es lieber.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hunde sind am angriffslustigsten ?

Rütter: Die reinen Jagdhunderassen neigen natürlich mehr dazu, den Jogger zu verfolgen. Es ist also statistisch wahrscheinlicher, von einem Dackel als von einem Bernhardiner verfolgt zu werden. Wichtig ist aber: Ein Hund, der dem Jogger hinterherrennt, ist ein saumäßig schlecht erzogener Hund.

SPIEGEL ONLINE: Hunde und Jogger haben ja an sich einen ähnlichen Bewegungsdrang. Welcher Hund passt zu einem Läufer?

Rütter: Durchschnittliche Freizeitläufer, die einmal am Tag für eine Stunde joggen, können im Grunde jede Rasse prima mitnehmen. Zehn Kilometer übersteht jeder Hund, der einigermaßen trainiert ist. Wenn man aber am Tag zwei Stunden läuft, dann muss es ein Hund sein, der ein hohes Maß an Sportlichkeit mitbringt, etwa Border Collies, Australian Shepherds, Weimaraner oder Münsterländer.

SPIEGEL ONLINE: Was muss ich bedenken, wenn ich mit meinem Hund Laufen gehen möchte?

Rütter: Einfach nur rennen, ist für den Hund zu wenig. Ich kenne sehr viele Hundehalter, die sehr intensiv mit den Hunden laufen und Spazieren gehen, aber ihn geistig zu wenig fordern, zum Beispiel mit Suchspielen. Man darf Bewegung nicht mit Beschäftigung verwechseln. Es gibt aber auch Hunde, die nur mit Laufen glücklich sind.

SPIEGEL ONLINE: Kann ein Hund Marathon laufen?

Rütter: Sicher, wenn man ihn sorgfältig darauf vorbereitet. Ich habe sogar mal einen Mops gesehen, der Marathon gelaufen ist, aber das ist eine absolute Ausnahme. Man sollte es generell langsam angehen. Der Hund sollte sich beim Tierarzt einem Fitness-Check unterziehen und vor dem Laufen muss ich den Hund aufwärmen, damit er keine Sehnen- und Gelenkprobleme bekommt. Das vergessen viele.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Hunde eigentlich auf Walker?

Rütter: Anfangs, als dieser Trend aufkam, war das tatsächlich ein Problem (lacht). Da kommen diese Menschen mit überdimensionierten Stöcken, häufig mit viel zu weit nach vorn geneigter Körperhaltung, dazu noch diese Geräusche: Klack, klack, klack. Das fanden Hunde spannend und ungewöhnlich. Und es hat des öfteren dazu geführt, dass sie Walker angekläfft haben. Inzwischen gehört dieses Erscheinungsbild aber anscheinend so zum Stadtbild, dass die meisten Hunde sich schon daran gewöhnt haben.

Ab 5. September 2012 ist Martin Rütter wieder auf der Bühne zu sehen. Sein neues Programm heißt "Der tut nix!" Am 16. März 2013 will er in Berlin die 02-Arena füllen.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 344 Beiträge
stefanryke 30.08.2012
... der Hund frontal aus einiger Entfernung auf mich zugestürmt kommt, bellend um mich rumläuft und nach mir schnappt? ... Frauchen mit Hund-an-der Leine entgegenkommt, Hund sich beim Treffen mit mir auf gleicher Höhe losreist [...]
... der Hund frontal aus einiger Entfernung auf mich zugestürmt kommt, bellend um mich rumläuft und nach mir schnappt? ... Frauchen mit Hund-an-der Leine entgegenkommt, Hund sich beim Treffen mit mir auf gleicher Höhe losreist und den Unterarm schnappt? ... gleiches Szenario, wie vorher, diesmal nur auf dem Fahrrad? Alles schon mehrfach erlebt.
uweausdo 30.08.2012
Wir sind im Besitz eine knapp 4 Monate alten Hündin, die begeistert hinter allem herrennt, was sich bewegt. Das versuchen wir ihr abzugewöhnen. Wir erleben tagtäglich viele erwachsene Hunde bei denen dies wohl vergessen wurde. [...]
Wir sind im Besitz eine knapp 4 Monate alten Hündin, die begeistert hinter allem herrennt, was sich bewegt. Das versuchen wir ihr abzugewöhnen. Wir erleben tagtäglich viele erwachsene Hunde bei denen dies wohl vergessen wurde. Wenn so ein Dobermann vor einem steht und rumkläfft, wird einem schon mulmig.
jujo 30.08.2012
Da ich mit Dackeln aufgewachsen bin, meine Mutter hat gezüchtet und zum Jagd-Gebrauchshund ausgebildet, kann ich nur diese beurteilen. Da habe ich alles erlebt, Dackel die auf das Wort, Handzeichen ohne Leine immer (!) [...]
Zitat von sysopDer Hund ist der größte Feind des Joggers. Martin Rütter, Deutschlands bekanntester Hundetrainer, erklärt im Interview mit achim-achilles.de, warum Hunde und Läufer sich in die Quere kommen, weshalb Weglaufen keinen Zweck hat - und warum mehr Männer als Frauen gebissen werden. Interview mit Martin Rüttner: Jagdhunde verfolgen Jogger - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,852879,00.html)
Da ich mit Dackeln aufgewachsen bin, meine Mutter hat gezüchtet und zum Jagd-Gebrauchshund ausgebildet, kann ich nur diese beurteilen. Da habe ich alles erlebt, Dackel die auf das Wort, Handzeichen ohne Leine immer (!) folgten und andere die richtig falsche Tölen waren, da ging ohne Leine in der Öffentlichkeit gar nichts, die Ansatzlos zubissen, vorher nicht mal knurrten. Da man seine Pappenheimer aber kannte, muss man als Hundeführer eben das richtige tun, Leine kurz halten z.B.
Mimimat 30.08.2012
Sie haben DAS ALLES schon MEHRFACH erlebt? Wohnen sie in einer Hundeschule?
Zitat von stefanryke... der Hund frontal aus einiger Entfernung auf mich zugestürmt kommt, bellend um mich rumläuft und nach mir schnappt? ... Frauchen mit Hund-an-der Leine entgegenkommt, Hund sich beim Treffen mit mir auf gleicher Höhe losreist und den Unterarm schnappt? ... gleiches Szenario, wie vorher, diesmal nur auf dem Fahrrad? Alles schon mehrfach erlebt.
Sie haben DAS ALLES schon MEHRFACH erlebt? Wohnen sie in einer Hundeschule?
der_durden 30.08.2012
Dass es diese Fälle gibt, ist auch für mich als Hundemensch und -Halter ein großes Ärgernis. Dadurch wird Ablehnung gegen mich und meinen vierbeinigen Freund erzeugt. Das macht mich traurig. Die wirklich allermeisten Hunden [...]
Zitat von stefanryke... der Hund frontal aus einiger Entfernung auf mich zugestürmt kommt, bellend um mich rumläuft und nach mir schnappt? ... Frauchen mit Hund-an-der Leine entgegenkommt, Hund sich beim Treffen mit mir auf gleicher Höhe losreist und den Unterarm schnappt? ... gleiches Szenario, wie vorher, diesmal nur auf dem Fahrrad? Alles schon mehrfach erlebt.
Dass es diese Fälle gibt, ist auch für mich als Hundemensch und -Halter ein großes Ärgernis. Dadurch wird Ablehnung gegen mich und meinen vierbeinigen Freund erzeugt. Das macht mich traurig. Die wirklich allermeisten Hunden sind weit davon entfernt einen Menschen zu beißen. Hunde sind im Wesentlichen Konfliktvermeider. Das kann man schön erkennen wenn man Hunde untereinander beobachtet. Die Körpersprache des Hundes verrät viel. Wer einen Hund möchte, soll bitte auch das Leben mit einem Hund in Gänze annehmen, dazu gehört auch, die Erziehung. Nur ein gut erzogener Hund macht der Familie auf Dauer Freude, da nur diese Tiere überall dabei sein dürfen, der Mensch nicht in ständiger Angst lebt, es könne jeden Moment etwas passieren. Ich verstehe nicht, dass Menschen sich nicht informieren, dass Sie keine Hundeschule aufsuchen, ihre Tiere nicht sozialiseren. Denn es ist auch ärgerlich, wenn ein Hund auf meinen Hund los geht und nicht einmal mehr die Beschwichtigungssignale des defensiven Tieres zu erkennen mag. Ganz klar, solche Menschen, sollten besser keinen Hund führen dürfen, egal welchen.
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  • Donnerstag, 30.08.2012 – 11:27 Uhr
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Zur Person
  • Marc Rehbeck
    Martin Rütter, Jahrgang 1970, ist der beliebteste Hundetrainer Deutschlands und bekannt aus TV-Shows wie "Eine Couch für alle Felle" oder "Der Hundeprofi". Mitte der neunziger Jahre eröffnete er sein erstes Zentrum für Menschen mit Hund, wo er Hunde und ihre Halter nach der D.O.G.S.-Methode (Dog Orientated Guiding System) trainiert. Inzwischen existiert ein umfassendes Netzwerk in Deutschland und der Schweiz mit über 50 Standorten und über 100 ausgebildeten D.O.G.S.-Coaches. Auch auf der Bühne ist der gebürtige Duisburger äußerst erfolgreich.

Zur Person
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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