Jerusalem-Marathon "Ihr wart noch nicht hier? Kommt!"

Vorbei am Jaffator und der Knesset: 25.000 Läufer sind am Freitag beim Jerusalem-Marathon gestartet. Im Interview erklärt der Bürgermeister Nir Barkat, wie er die umstrittene Veranstaltung attraktiver machen und die Bürger zu mehr Sport motivieren will.

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ZUR PERSON
  • Ingo Kutsche
    Nir Barkat ist seit Dezember 2008 amtierender Bürgermeister von Jerusalem. Vor seiner politischen Tätigkeit war der betont säkulare Politiker ein erfolgreicher Hightech-Unternehmer.
SPIEGEL ONLINE: Herr Barkat, welche Botschaft übermittelt der Jerusalem-Marathon, der am Freitagmorgen gestartet ist?

Barkat: Die Veranstaltung wurde im Jahr 2011 nicht initiiert, weil ich Marathonläufer bin. Sondern weil ich die Bedeutung von Marathon-Events erkannt habe. Ich möchte das Niveau für das Wohlbefinden der Bürger Jerusalems durch Sport anheben. Außerdem sind Marathonwettbewerbe das Schaufenster in die ganze Welt. Sie sehen dies an der Teilnehmerzahl und der Zufriedenheit der Läuferinnen und Läufer. Ein Marathon ist nicht nur ein Event, ein Marathon ist eine spirituelle, atemberaubende Erfahrung. Bei der Streckenplanung war für mich wichtig, dass die schönsten Seiten von Jerusalem gezeigt werden. Inklusive der Altstadt vom Süden und vom Norden, dem Jaffator und, und, und. Die Highlights. Letztlich geht es darum, den Teilnehmern eine exzellente Atmosphäre zu bieten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie im Zuge der Internationalisierung Fortschritte gemacht?

Barkat: Ich denke schon. Wir haben, alle Wettbewerbe zusammengenommen, 25.000 Teilnehmer. Das ist neuer Rekord. Begonnen haben wir mit etwa 10.000. Das ist ein schönes Wachstum und kann sich sehen lassen. Gemeldet haben Teilnehmer aus weltweit 55 Ländern, was für uns sehr wichtig ist. All diese Menschen kehren als Botschafter des Friedens in ihre Heimat zurück und bringen eine Botschaft der Normalität mit. Ich weiß natürlich, dass es Marathonläufe gehobener Güteklasse auf der ganzen Welt gibt. Aber ich denke schon, dass wir bereits in der engeren Auswahl sind. Ich bin schon den Berlin-Marathon gelaufen, auch in Paris und in New York. Laufen soll auch irgendwann zum Leben der Stadt Jerusalem dazugehören.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihnen vor dem vierten Jerusalem-Marathon besonders wichtig?

Barkat: Dass mehr Schülerinnen und Schüler ein Teil des Marathons werden - als Teilnehmer oder als Volunteers. Das ist gelungen, und darüber freue ich mich besonders. Es wurde auch hart daran gearbeitet, das Wetter für beste Laufbedingungen zu koordinieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen Spaß…

Barkat: Ja, natürlich. Aber im Ernst: Sport und Kultur gehören zusammen. Und ich glaube an die Kraft des Sports. In Jerusalem wurde ein Stadion für 11.000 Zuschauer gebaut, im vergangenen Jahr gab es eine Road-Show der Formel 1. Das war auch für mich ein besonderes Erlebnis, schließlich bin ich schon einmal die Rallye Paris-Dakar gefahren. Die Road-Show haben fast 300.000 Zuschauer aus ganz Israel gesehen. Das war ein Big Deal angesichts von 800.000 Einwohnern in Jerusalem und acht Millionen Einwohnern im Land.

SPIEGEL ONLINE: Warum setzen Sie so vehement auf den Sport?

Barkat: Sport ist ein Mittel, um meine Stadt auf dem globalen Markt zu platzieren. Jerusalem ist eines der stärksten Markenzeichen auf der ganzen Welt. Und mein Ziel ist es, dass Jerusalem daraus Nutzen ziehen kann. Dies geht über Kultur und Sport, die entsprechende Infrastruktur, Künstler und Athleten. Wenn wir etwas machen, dann in hoher Qualität. Und jetzt haben die Leute Appetit bekommen. Weil sie merken, dass es positive Auswirkungen auf die Wirtschaft der Stadt und die Jobentwicklung gibt. Es geht um langfristiges Denken als Entrepreneur, um Gründer- und Unternehmergeist. Daran glaube ich. Und an die Wucht des Sports im Allgemeinen. Weil ich weiß, was in Städten passiert, die diesen Prozess einleiten.

SPIEGEL ONLINE: Verfolgen Sie ein bestimmtes Ziel mit dem Jerusalem-Marathon?

Barkat: Das Ereignis muss sich ständig weiterentwickeln und irgendwann zu den interessantesten der Welt gehören. Jeder Marathonläufer soll sagen: Hier muss ich einmal in meinem Leben dabei gewesen sein. Ein Must-have, ein Erlebnis wie kein anderes. Wir haben keinen flachen Kurs, es gibt einige Anstiege und Gefälle. Unsere Teilnehmer wissen also, dass sie keine Bestzeiten laufen werden. Aber sie sehen die heiligen Plätze. Meine Botschaft an die Marathonläufer lautet: Ihr wart noch nicht hier? Kommt!

SPIEGEL ONLINE: Wie sicher ist der Jerusalem-Marathon?

Barkat: Darf ich fragen, aus welcher Stadt in Deutschland Sie kommen?

SPIEGEL ONLINE: Aus Frankfurt.

Barkat: Ich weiß es nicht - wie hoch ist die Kriminalitätsrate in Frankfurt?

SPIEGEL ONLINE: Das kann ich nicht sagen. Aber es ist natürlich nicht nur friedlich.

Barkat: In Jerusalem hatten wir im Jahr 2010 neun Fälle von Mord, ein Jahr später waren es fünf. 2012 und 2013 jeweils vier. Jerusalem ist zehnmal sicherer als vergleichbare Städte in Amerika. Etwa Los Angeles oder Chicago. Die Kriminalitätsrate in Jerusalem sinkt ständig. Alle Besucher sind also sicher, auch deshalb hoffe ich auf immer mehr Touristen. Und wir haben auch ohne den Marathon ständig viele Polizisten im Einsatz.

SPIEGEL ONLINE: Wer stemmt den Jerusalem-Marathon finanziell?

Barkat: Die Stadt Jerusalem über ihren Haushalt, es ist nichts ausgelagert, wir müssen kein Geld verdienen. Mit Startgebühren und Sponsoreneinnahmen ergibt sich ein Gesamtetat von acht Millionen Schekel, das sind keine zwei Millionen Euro. Ich betrachte es als Langzeit-Investment, denn allein die touristischen Mehreinnahmen durch den Marathon betragen bereits 15 Millionen Schekel.

SPIEGEL ONLINE: Finanziell haben Sie bekanntlich ausgesorgt. Welche Motivation treibt den Bürgermeister von Jerusalem an?

Barkat: Ich komme aus dem Hightech-Sektor, war Unternehmer, zurückgezogen aus der Businesskarriere habe ich mich vor zwölf Jahren. Ich bin quasi in Pension und gebe als Bürgermeister meiner Stadt etwas zurück. Ich möchte mich um Jerusalem kümmern. Denn diese Stadt hat unglaubliches Potential. Eine Stadt in eine bessere Zukunft zu führen, ist wie ein Unternehmen zu leiten. Man braucht ähnliche Fähigkeiten. Und vor allen Dingen Geduld. Ich genieße das. Auch in meiner zweiten Wahlperiode.

Das Interview führte Uwe Martin



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parzival_gralssucher 21.03.2014
1. Wow
ja, da will ich auch mal dabei sein. Ist bestimmt ein klasse Event. Israel die Leute und Jerusalem sind eh toll, war schon da.
gandhiforever 21.03.2014
2. Warum nicht am Samstag?
Da koennte man beim Lauf durch viele Wohnviertel Leute dem Sport nahe bringen, die sonst ueberhaupt nichts fuer Sport uebrig haben, dennen er aber gut taete. So nach dem Motto: mens sana in corpore sano.
zoomintrackout 21.03.2014
3. Etwas schoengefaerbt
Ich bin den Jerusalemmarathon heute gelaufen und es ist wirklich eine schöne Strecke. Allerdings, mit "keine Bestzeiten" hat der Bürgermeister etwas untertrieben: Die Strecke ist wirklich ziemlich hart. Ich habe 25 Minuten länger gebracht als bei meinem letzten Marathon, trotz besseren Trainings. Das ging vielen so. Mit einem Zeitmalus von 25-30 Minuten ist zu rechnen. Darüber hinaus wird der kontroverse Hintergrund dieses Rennens nicht angesprochen. Da hätte der Spiegel (ist ja nur SPON, aber trotzdem) aber etwas besser recherchieren sollen. Die Strecke führt teilweise durch besetzte Gebiete Ost-Jerusalems. http://www.supersport.com/athletics/running/news/101207/Controversy_over_holy_citys_marathon_route Dass es keine internationalen Sponsoren gibt liegt auch eher daran, dass Adidas beim ersten Jerusalemmarathon mit Boykottaufrufen in der Arabischen Welt konfrontiert wurde. http://www.aljazeera.com/news/middleeast/2012/04/20124417011120487.html
perestroika 21.03.2014
4.
Ich finde es gut dass der Marathon in Israels Hauptstadt als das beschrieben wird, was er letztendlich ist: Eine Sportveranstaltung in einer faszinierenden Stadt unweit der Levante. Warum muss man bei Israel immer auf die besondere Situation ("besetzte" Gebiete) hinweisen? Ein weiter, etwas "bequemerer" Marathon in Israel ist übrigens der Marathon am See Genezareth (immer Anfang Januar). Und der "politisch korrekte" Läufer kann hier ganz entspannt die Strecke geniesen, der Golan ist hier noch ein gutes Stück entfernt, da ist mal nix "umstritten" in der näheren Umgebung.
trevi 21.03.2014
5. Kein Maraton in Kriegs-u.Besetzungsgebieten -
Zu derartigen Veranstaltungen kann ich nur kommen, wenn Israel "ehrlichen Frieden" praktiziert und ich nicht über annektiertes Land laufen muss -
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