Achilles' Verse Schorfgeflechte gehören in den Schuhknast

Barfußlaufen ist archaisch, mythologisch, steinzeitlich - und Trend. Beim Blick auf nackte Zehen allerdings wird klar, dass Schuhe ein Segen sind. Achim Achilles appelliert an die Läufergemeinde: Behaltet eure wundgescheuerten Füße für euch.

Barfuß im Sand: Der Fuß ist das Prekariat des Läuferkörpers
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Barfuß im Sand: Der Fuß ist das Prekariat des Läuferkörpers


Neulich wieder so ein Vogel im Stadion. Reißt sich die Laufschuhe von den Füßen, stopft die stinkigen Socken in die Treter und schlurft selig barfuß über den Rasenrand. Exhibitionismus muss nicht immer lustig sein. Zum Glück stand das Gras so hoch, dass das Elend nur zu ahnen war.

Läuferfüße sind ästhetisch selten ein Genuss und völlig zu Recht der einzige Körperteil, den der Ausdauersportler ganzjährig penibel verhüllt. Hat er was zu verbergen, der Läufer? Aber ja: Blaue Zehennägel, wenn überhaupt noch welche dran sind, Pilzinseln, Schorfgeflechte, Schrunden und Nagelecken wie Geierkrallen. Der Fuß ist das Prekariat des Läuferkörpers. Muss ständig rackern, wird aber nie dafür belohnt.

Klar, dass knallharte Non-Konformisten wie Läufer eines Tages aufbegehren: nieder mit dem Schuhknast, Freiheit für die Zehen, frische Luft ins Dunstgewölbe. Barfußtraining soll außerdem schneller machen, sagt Laufpapst Matthias Marquardt. Schickte Fußballtrainer Christoph Daum nicht einst seine Kicker zum Feuerlauf? Geholfen hat's allerdings nicht. Aber war schön archaisch, mythologisch, voodooartig.

Grashalme nagen, Steine lutschen, Hirnverkleinerung

Barfußlaufen passt in die aktuelle Paläo-Begeisterung: Grashalme nagen, Steine lutschen, auf Saurierfell schlafen, und ganz nebenbei noch eine Hirnverkleinerung - zurück zum herrlich einfachen Leben des Neandertalers mit seiner Lebenserwartung von gut 30 Jahren. Die schafft der Barfußläufer allemal, wenn er beim Großstadtslalom durch Joint-Stummel, Hundehaufen und Bierflaschensplitter verletzungsfrei bleibt. Den ersten Barfuß-Run gab es natürlich auch schon. Und wieder ging der prominente Schuhverweigerer Jesus voran.

Inzwischen gehört der Barfußläufer zu jedem Volkslauf und der Barfußgänger ins Stadtbild. Ist tatsächlich Training. Denn zwischen Pfennigabsätzen und Stahlkappen wird die Flinkfüßigkeit geschult. Mit Rücksicht auf instabile Mägen zwängen die meisten ihre Zehen immerhin in jene froschartigen Schuhe, bei denen man immer zweimal hinschauen muss, weil es zunächst aussieht, als ob da einer im Handstand durch die Gegend läuft. Manche können alles tragen; viele aber auch nichts.

Schlachtlinie entlang des Geschlechtergrabens

Klar, dass erste Glaubenskriege geführt werden: Sohlen, und seien sie noch so dünn, gälten nicht als barfuß, sondern als Weicheierei, sagen die Hardcore-Jünger. Schön, dass das gewohnte deutsche Polarisierungsspiel auch bei derlei Kleinthemen zuverlässig und umgehend losgeht. Dabei verläuft die Schlachtlinie nicht zwischen nackt und angezogen, sondern entlang des Geschlechtergrabens.

Wenn es in durchgegenderten Zeiten überhaupt einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt, dann sind es die unteren Extremitäten. Jedes Jahr wieder sorgt der Sandalendruck ab spätestens März für einen halbwegs gepflegten Frauenfuß, auch wenn das Talent zum ansehnlichen Aufbringen von Nagellack ähnlich ungerecht verteilt ist wie das läuferische Können. Die Herren dagegen pflegen zu ihren Füßen ein ähnlich selbstbewusstes Verhältnis wie zu den Fingernägeln; einen hübschen Kerl kann halt nichts entstellen.

Doch seit der schräge Pirat Ponader die Alltagssandale nachhaltig diskreditiert hat, ist offenes Schuhwerk endgültig untragbar. Und Adiletten schon lange. Was da vorn bisweilen herausquillt, changiert zwischen ernster Gefahr für die Volksgesundheit und Schlachthof, erst recht, wenn je beim Grillen ein Stück glühender Holzkohle Haut und Gummi lebenslänglich verband.

Ich zieh' zum Training ab sofort nur noch die extra dick besohlten Laufschuhe an. Denn immer gilt die alte Regel: Was heute total unmodern ist, wird morgen angesagt sein.


Achilles beugt sich dem Druck und läuft doch barfuß. Bei seiner Aktion "Tu's barfuß" können Barfußläufer ihre Videos einsenden, abstimmen und tolle Preise gewinnen.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
HaioForler 18.06.2013
1.
Herr Achilles, recht haben Sie: deutscher Student mit nackten Füßen in Birkenstock. No go. wenn er's denn nur selbst einsehen würde. Und nebenbei: in guten Schuhen schwitzt man auch im Sommer nicht, muß man halt nur die Deichmann-20 Euro-Flotte umgehen. Geht schon, wenn man will, auch bei Hartz 4, denn selbst billig kann sommertauglich sein, wenn auch nicht so langlebig. Also Männers: überlaßt das den Frauen mit gepflegten Füßen. Ihr seht nämlich richtig scheisse darin aus, selbst wenn ihr gepflegte Füße habt. Sorry, geht gar nicht. Zumindest in der Öffentlichkeit, wenns nicht der Strand oder der Garten ist. Kann so archaisch oder natürlich sein wie es will. Dann ist es natürlich-scheisse. Doch wer könnte das besser beschreiben als Jochen Malmsheimer in Youtube unter dem Stichwort "Sommer". Viel Spaß.
mÔRIWUTZ 18.06.2013
2. optional
Die Füße sehen doch so eklig aus, weil so aus den verschweißten Tretern nie rauskommen. So gesehen ein Schritt in die richtige Richtung.
blödföhn 18.06.2013
3. Na toll,
was kommt als nächstes Ganzkörperrasur und Schweißdrüsenentfernung ? Oder ist das hier gerade subtiler Schuhlobbyismus. Wer bezahlt deine Schuhe Achim, raus mit der Sprache. Transparenz jetzt, Offenlegung aller Sponsoren des Achim A..
team_frusciante 18.06.2013
4. ...
"Ach herrje, geht ja gar nicht! Absolutes No-Go! Wie können sich diese... diese... 'Menschen' nur so gehen lassen!" Usw. Meine Güte, hört doch mal auf, euren Mitmenschen zu erklären, was denn eurer Meinung nach so gar nicht geht. Geht nämluch sehr wohl. Fühlt sich gut an. Wenn ihr da irgendwelche "archaischen" Philosophien dahinter vermutet ist das euer Problem. Manch einem ist einfach nur heiß. Ich wünschte mir, das Klima würde es zulassen, das ganze Jahr barfuß zu laufen. Gestern ist mir ein dicker, älterer Herr mitten in der Stadt begegnet. Oberkörper frei. Warum nicht? Zieht euch den Stock aus dem Arsch oderversteckt euch in euren Strandbars und Szene-Cafés, aber lasst die Menschen rumlaufen wie sie wollen.
Centurio X 18.06.2013
5. Blaue Zehennägel, Fußpilz, Fußdeformierungen usw....
entstehen nicht durch Barfußlaufen. Diese FußUnannehmlichkeiten sind Nebenwirkungen der Fußbekleidung. Fakt ist, daß unsere Ur-Urahnen barfüßig vor zigtausenden von Jahren in den Steppen Ostafrikas ihrem gewünschten Wildbret hinterherlaufen mussten. Die Buschmänner in der Kalahari tun das übrigens auch noch heute. Folglich liegt es in der Natur des Menschen, ohne Schuhwerk laufen zu können. Es sind nicht gerade die dümmsten Zeitgenossen, die sich darüber Gedanken gemacht haben und zum Schluß gekommen sind, daß die Natur des Menschen am besten Bescheid weiß, welcher Laufstil für ihn othopädisch gut ist. Denn beim Barfußlaufen wird der Sportler dazu gezwungen, sich genau so zu verhalten wie von der Natur vorgegeben; andernfalls sich Verletzungen am menschlichen Bewegungsapparat sofort einstellen. Die mittlerweile multimllionenschwere Sportschuhindustrie, die in China, Vietnam etc. ihre Erzeugnisse für ca. 10 bis 15 € herstellen lässt und die dann hier für 120 bis 180 € verkauft werden, spricht natürlich eine andere Sprache. Seit kurzem laufe ich selbst ein mal wöchentlich 10 bis 16 km auf einem asphaltiertem Fahrradweg barfuß und fühle mich sehr wohl dabei. Die ersten 2 Mal bekam ich heftigen Muskelkater in die Waden, was sich aber mittlerweile gelegt hat. Allerdings laufe ich auf normalen Wegen und bei längeren Distanzen weiterhin mit Laufschuhen, da Schnittwunden an den Füßen anders nicht zu vermeiden sind. Das Barfußlaufen generell als aktuelle Modetorheit und Spinnerei zu bezeichnen, halte ich für voreiliges und wenig durchdachtes Agumentieren gegen die natürlichste Art des menschlichen Laufens.
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