Achilles' Verse "Stehen bleiben oder ich pfeife"

Am liebsten läuft Anna Achilles nach der Arbeit. Doch wenn sie Feierabend hat, ist es draußen längst finster. Aber allein in der Dunkelheit laufen? Anna traut sich und bemerkt: Gefahren lauern immer da, wo man sie am wenigsten vermutet.

Abenddämmerung: Plötzlich ist es finster
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Abenddämmerung: Plötzlich ist es finster


Hinter mir raschelt es. Erschrocken drehe ich mich um. Nichts zu sehen, außer Äste. Ich jogge weiter. Die Novembersonne ist schon lange untergegangen.

"Willst du wirklich jetzt noch laufen gehen?", hatte mich meine Mitbewohnerin gefragt, als ich meine Laufschuhe schnürte. Klar! Sie klang wenig überzeugt: "Wenn du in einer Stunde nicht zurück bist, rufe ich die Polizei." Voll die Panikmacherin, dachte ich. Doch jetzt, umgeben von Finsternis, wird mir etwas mulmig.

Ich laufe im benachbarten Park. Zwar beleuchten hier Laternen den Weg, aber eben nur den Weg. Rings um mich herum, da wo Bäume und Büsche sind, ist es stockfinster. Wo sind all die anderen Sportler? Hier läuft anscheinend keiner mehr nach 20 Uhr. Ich bin allein.

Mir fällt ein Gespräch mit meiner Mitbewohnerin ein: Vor vielen Jahren soll ein Mann hier im Park Joggerinnen getötet haben, erzählte sie. Jetzt bloß nicht panisch werden.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich im Dunklen allein unterwegs bin. Aber sonst telefoniere ich. Meine Mama bringt mich immer sicher nach Hause. Bis ich in meiner Wohnung angekommen bin, bleibt sie in der Leitung. Doch laufen und telefonieren gleichzeitig ist aus mehreren Gründen unpraktisch. Außerdem habe ich nicht mal mein Handy dabei. Ich bräuchte jetzt eine dieser Notfalluhren, mit Hilfe-Knopf und GPS-Ortung - oder noch direkter: Pfefferspray.

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Achilles' Verse: Die Welt, eine Laufstrecke
Aber ob ich das im Notfall überhaupt richtig einsetzen könnte? Ich bezweifle es. Ich würde mich in einer Stresssituation wohl eher selbst benebeln. Hinzu kommt: Pfefferspray darf man nur in Notwehr verwenden. Sonst macht man sich der gefährlichen Körperverletzung strafbar. Aber wo fängt Notwehr an? Wäre es übertrieben, jedem mir entgegenkommenden Typen "Oleoresin Capsicum" in die Augen zu pfeffern? Bestimmt. Könnte auch nur ein Läufer sein.

Vielleicht eher die sportliche Variante: eine Trillerpfeife. Wenn sich mir jemand nähert, rufe ich: "Stehenbleiben - oder ich pfeife." Wenn der Angreifer nicht stoppt, gibt's was auf die Ohren. Aber, was, wenn es wieder nur ein Läufer oder ein Spaziergänger war? Dann ruft er wahrscheinlich die Polizei - und das zu Recht.

Ich komme also um einen Selbstverteidigungskurs nicht herum. Kann nicht schaden, ein paar schmerzhafte Hebel, Griffe und Schläge in der Hinterhand zu haben. Allein schon fürs Selbstbewusstsein. Dann hätte ich jetzt diese Gedanken wohl nicht.

Es raschelt im Gebüsch

Meine Laufrunde ist fast zu Ende. Doch jetzt wird's heikel: Um aus dem Park hinauszukommen, muss ich auf einem komplett unbeleuchteten Weg laufen. Ich sehe fast nichts. Plötzlich raschelt es im Gebüsch. Mein Herz klopft. Mein Atem beschleunigt sich. Wieder knistert irgendwas, diesmal länger. Verdammt, was ist das? Ich bleibe stehen. Bin ganz still. Das Rascheln wird lauter. Plötzlich springt ein Hase zwischen den Blättern hervor. Er hoppelt über den Weg und davon. Ich atme aus und schüttele den Kopf über mich selbst. Ich will wieder loslaufen, doch ich komme nicht weit.

Mein Fuß bleibt hängen. Ich stolpere. Mit voller Wucht knalle ich auf mein rechtes Knie. Ich liege am Boden. Meine Kniescheibe schmerzt unerträglich. Ich wimmere auf dem Boden liegend vor mich hin. Die größte Gefahr für mich bin immer noch ich selbst.

Wieder zu Hause: Vor meiner Mitbewohnerin kann ich die lädierte Hose nicht verstecken. "Ist was passiert? Hat dich jemand angegriffen?", fragt sie in diesem Ich-hab-es-dir-doch-gesagt-Unterton. "Nee, ich bin gestolpert", sage ich. "Oh", antwortet sie und grinst verstohlen. Ich setze meinen bösesten Blick auf. Meine Mitbewohnerin kontert mit Mitleid: "Das nächste Mal gehen wir zusammen laufen. Dann kann ich auf dich aufpassen." "Mhm", grummle ich. Und in Gedanken füge ich hinzu: Am besten nehmen wir eine Stirnlampe mit. Das ist sicherer.

ZUR PERSON
  • Christine Scholz
    Jahrgang 1987 und Nichte von Achim Achilles. Für den Wunderläufer stellt sie aber keine Konkurrenz dar: Anna ist notorisch trainingsfaul und mindestens so untalentiert wie ihr Onkel. Ihr Motto: Bewegung soll Spaß machen und muss nicht wehtun. Anna lebt in München und macht zurzeit ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk.
  • Anna auf Facebook

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insgesamt 15 Beiträge
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noalk 18.11.2015
1. Genialer Satz
Das nächste Mal gehen wir zusammen laufen.
doppelpunkt 18.11.2015
2. Lampe? Gute Idee!
...weil ich es hasse, auf dem Heimweg durch einen dunklen Park mit dem Fahrrad immer wieder fast in nachtschwarz gekleidete, unbeleuchtete JoggerInnen (möglichst zu mehreren nebeneinander) zu knallen, die erst im letzten Moment im Scheinwerferlicht zu erkennen sind. Und dabei habe ich schon das hellste erlaubte Licht am Rad. Ich wundere mich nur, wie die den Weg finden. Laufen die mit Nachtsichtgeräten?
memphisman 18.11.2015
3. Kampfsport, Frau Antilles!
Machen Sie Kampfsport, Frau Achilles. Das Verletzungsrisiko ist um ein vielfaches geringer als beim Laufen, mindestens genauso gesund, ganzheitlich für Körper UND Geist. Sie trainieren nicht allein und in der Gruppe macht es auch viel mehr Spaß. Und ganz nebenbei erlernen Sie auch die schmerzhaften Hebel, Griffe und Schläge … ;-)
matimax 18.11.2015
4. Mehr Licht!
Den Parkplatz gerade hinter mir gelassen, die Pulsuhr mahnte mit einem Piepton den fehlenden Empfang des GPS-Signals an, trabte ich im stockdunklen Wald. Die Außengeräusche gedämpft wahrnehmend durch die Ohrstöpsel des MP-3-Players lief ich im Rhythmus der Barockmusik vom Kulturradio. Die Stirnlampe für 15 Euro vom Discounter erinnerte in ihrer Leuchtkraft an alte Fahrradfunzeln. Früher, als die Dynamos noch surrend vom Reifenmantel angetrieben wurden. Nass wie heute durfte es nicht sein, denn dann rutschte das Antriebsrädchen oft durch und die Glühbirnchen erloschen. Also, es war kaum mehr als die Wegbegrenzung zu erkennen - Achtung Waldläufer: Umknickgefahr hoch 3 für's Fußgelenk! Es roch streng nach Maggi, ein untrügliches Zeichen, dass sie ganz nah sein mussten. Mein Unterbewusstsein reagierte prompt mit fröstelnd empfundener Gänsehaut. Die innere Stimme fragte tadelnd: was, hast du etwa Angst? Sei ein Mann, reiß dich zusammen. Dann geschah es: Plötzlich spürte ich einen leichten Schlag in der Kniekehle, drehte mich ruckartig um. Wir waren wohl beide erschrocken, denn die Bache stob ein paar Schritte zurück. Frischlinge flitzten aufgeregt herum, Rascheln im Gebüsch, ein allgemeines Grunzen war zu vernehmen, da waren wohl noch mehr - ja, ich befand mich mitten in einer Rotte von hungrigen Wildschweinen. Die wollten es wohl nicht hinnehmen, dass ich ohne einen Sack Kartoffeln mitzubringen ihr natürliches Habitat betrete und mahnten nun ihr Nachtmahl an. Wie-oft hatte ich es schon gesehen, dass vermeintliche Tierschützer bereits auf dem Parkplatz ganze Wildschweinrotten regelrecht mästeten, indem sie säckeweise Futter aus dem Kofferraum holten und auf den Boden schütteten. Blöde Idioten, dachte ich nur, ohne mich auf eine ohnehin sinnlose Diskussion einzulassen. Jetzt nur nicht nervös werden, also einfach weiterlaufen, erst ganz sachte, dann immer schneller. Die Wildschweine ließen mich "kampflos" ziehen und blieben "enttäuscht" zurück - puh, noch mal Glück gehabt! Zwanzig Minuten später sah ich in der Ferne ein helles Licht auf mich zukommen. Na nu, fahren die jetzt schon mit Mottorrädern durch den nächtlichen Wald? Der Lichtkegel wurde immer greller, blendete mich schließlich. Bis ich erkannte, dass mich ein Mountainbiker mit ultraheller Helmlampe passierte. Bo ey, super! So was bräuchte ich auch, und schon ist der Waldweg auf dreißig Meter fast taghell ausgeleuchtet, die Keiler stets im Blick. Und nun kommt wie immer im leben das Aber: Eine Internet-recherche ergab Anschaffungskosten von 300 Euro für diese neueste Errungenschaft der Lichttechnik. Bei höchster Leuchtstufe hält der Akku kaum länger als anderthalb Stunden. Ob ich wohl doch besser auf dem Laufband im Fitness-Center überwintere. Das wäre allemal billiger und die Erkältungsgefahr geringer als im kalten, feuchten und dunklen Wald zu laufen.
mischer1448 18.11.2015
5. Ein neues Mitglied der Achilles-Familie
Eine so spannende und locker erzählte Geschichte wie sie auch Meister Achim nicht besser hinbekommen hätte. Dafür werden Sie als Anton Achilles in die Achilles-Familie aufgenommen und dürfen uns regelmäßig mit weiteren Lauferlebnissen erfreuen.
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