Outdoor-Training Junglefit "Fußball ist viel gefährlicher"

Warum kriechen Erwachsene über Wiesen und hangeln sich durch den Wald? Junglefit-Trainer Christo Foerster spricht im Interview darüber, wie Menschen den natürlichen Bewegungsdrang wiederfinden und warum er beim Klettern auf Seile und Haken verzichtet.

Daniel Cramer

Zur Person
Christo Foerster, Jahrgang 1977, ist Diplom-Sportwissenschaftler und Gründer der Natural Coaching Academy. Foerster bietet als Trainer Junglefit deutschlandweit in Workshops an. Besonders geprägt hat ihn ein neuntägiges Seminar im brasilianischen Dschungel, ausgerichtet von Erwan Le Corre (Movement Naturelle). Christo Foerster lebt und arbeitet in Hamburg.
SPIEGEL ONLINE: Herr Foerster, ist Junglefit kindisch?

Foerster: Kindlich vielleicht, aber nicht kindisch. In Junglefit steckt viel von dem, was wir als Kinder gemacht haben. Kinder entdecken die Welt durch spielerische Bewegung - egal, ob sie aus China, Timbuktu oder Paderborn kommen. Wenn wir älter werden, geht uns dieser Bewegungsdrang verloren.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Foerster: Weil wir Angst entwickeln und weil uns Angst vorgelebt wird. Ich sehe es an mir selbst. Ich habe zwei Kinder, und, obwohl ich weiß, wie wichtig Bewegung ist, schränke ich sie ganz oft ein. "Sitz still, lauf nicht so schnell, komm da herunter." Das sind Kleinigkeiten, die man gar nicht so merkt, aber dadurch wird sukzessive der natürliche Bewegungsdrang beschnitten. Und irgendwann ist man ganz weit davon entfernt, auf einen Baum zu klettern.

SPIEGEL ONLINE: Als Erwachsener hat man tatsächlich Hemmungen…

Foerster: Wenn ich im Park auf einen Baum klettere, denken die Leute, ich bin verrückt. Da gibt es auch gesellschaftliche Zwänge. Das macht man als Erwachsener nicht. Dabei ist das viel natürlicher als ins Fitnessstudio zu gehen und Bizeps-Curls zu machen.

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Junglefit: Ab durch die Hecke
SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Leute auf ihr Outdoor-Work-out?

Foerster: Die gucken zunächst komisch, aber dann sind die Reaktionen meist positiv. Ich wurde schon von Rentnern beklatscht oder von Touristen mit dem Handy gefilmt. Ich glaube, dass bei vielen Menschen eine eigene Sehnsucht durchkommt und sie sich erinnern: Stimmt, auf Baumstämmen balancieren, von irgendwo herunterspringen - das habe ich früher auch gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Junglefit-Training genau aus?

Foerster: Es ist ein individuelles und spielerisches Fitnesstraining ohne festes Programm. Man kann ganz einfach anfangen: balancieren, klettern, kriechen, springen. Ich bin kein Trainer, der dir sagt, was du machen musst. Jeder soll nur so weit gehen, wie er möchte. Ich versuche zu motivieren, ermutigen und Bewegungsformen anzubieten, aber ich mache kein Boot Camp, wo die Leute zu etwas getrieben werden. Es geht um Selbstverantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Überschätzen sich die Leute nicht?

Foerster: Das kommt natürlich vor, aber ich sage immer: Es geht nicht darum, irgendwem etwas zu beweisen oder mit den anderen in den Wettkampf zu treten. Es geht darum, bewusst Risiken einzugehen und zu lernen sich einzuschätzen. Alles, was wir in den Workshops tun, passiert ungesichert. Keine Seile, keine Haken. Das ist mir sehr wichtig, weil ich glaube, dass wir uns schon im Alltag zu sehr darauf verlassen, dass alles irgendwie abgesichert ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie machen ja keine lebensgefährlichen Dinge.

Foerster: Nein, wenn wir balancieren, fangen wir natürlich am Boden an und arbeiten uns hoch. Und wir bereiten uns gut vor, zum Beispiel mit einem Mobilisierungsprogramm für die Gelenke. Manchmal kriegt man einen Kratzer ab, aber das ist nicht weiter schlimm. Fußball ist viel gefährlicher. Es ist im Übrigen erstaunlich, wie viel die Leute beim Balancieren an einem Tag dazulernen.

SPIEGEL ONLINE: Es geht gar nicht so sehr um körperliche Fitness, sondern um mentales Training?

Foerster: Ich bin davon überzeugt, dass wir Körper, Geist und Seele nicht trennen sollten. Es geht immer um das ganze System Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das Bewegen in der Natur so wichtig?

Foerster: Die Natur ist der ursprüngliche Lebensraum, aus dem wir kommen. Es ist kein Zufall, dass wir im Urlaub meist in die Natur fahren: ans Meer, in die Berge, aufs Land. In der Natur liegt eine Energie. Je mehr wir uns von unserer Natur entfernen, desto größer wird die Sehnsucht. Das ist auch immer die Rückmeldung der Kursteilnehmer. Sie genießen es, den ganzen Tag draußen zu sein und zu toben. Egal bei welchem Wetter.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie, wenn man keinen Wald in der Nähe hat?

Foerster: Man findet auch im urbanen Raum Alternativen. Es geht ums Entdecken. Ich bin schon froh, wenn sich jemand auf seiner Joggingrunde ein bisschen umguckt und mal eine Treppe raufkrabbelt oder über einen Zaun springt. Der Mensch ist so vielseitig. Wir sind zwar nicht so schnell wie ein Gepard, nicht so stark wie eine Löwe und meist nicht so anmutig wie eine Gazelle, aber kein Lebewesen auf der Welt hat so ein großes körperliches Potenzial wie wir. Wir schöpfen es leider in den seltensten Fällen aus.

Das Interview führte Frank Joung, achim-achilles.de

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L!nk 05.09.2014
1. Alternative im urbanen Raum
In der Stadt hangelt man sich an Häuserwänden entlang, balanciert auf Brückengeländern und springt auf Pfeilern herum. Parkour eben.
p-touch 05.09.2014
2.
Jedes Jahr ein neuer Fittness-Trend oder Modesportart, mit dem man denn Leuten das Geld aus der Nase zieht. Mir reicht schon seit Jahren ein Paar Laufschuhe ( ohne eingebauten Computer ) und der Trimm-dich Pfad in der Nähe um fit zubleiben.
hinifoto 05.09.2014
3. Leider alles illegal
Leider ist das Erklettern von Bäumen und Strassenlaternen hier nach §4 der Verordnung der Stadt Lüneburg über die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (SOV) vom 20.10.1994 in der Fassung der zweiten Änderungsverordnung vom 29.09.2005 verboten. Das ordnugswidrige Besteigen von Bäumen kann somit gemäss $59 Absatz 2 des Niedersächsischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung mit einer Geldbusse von bis zu 5000,-€ geahndet werden.
Trondesson 05.09.2014
4.
Zitat von hinifotoLeider ist das Erklettern von Bäumen und Strassenlaternen hier nach §4 der Verordnung der Stadt Lüneburg über die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (SOV) vom 20.10.1994 in der Fassung der zweiten Änderungsverordnung vom 29.09.2005 verboten. Das ordnugswidrige Besteigen von Bäumen kann somit gemäss $59 Absatz 2 des Niedersächsischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung mit einer Geldbusse von bis zu 5000,-€ geahndet werden.
Wieso leider, ist doch gut. Es reicht schon, daß man sonst überall diese Menschen um sich hat, da müssen die nicht auch noch in den Bäumen über einem rumturnen.
TimmThaler 05.09.2014
5.
Zitat von p-touchJedes Jahr ein neuer Fittness-Trend oder Modesportart, mit dem man denn Leuten das Geld aus der Nase zieht. Mir reicht schon seit Jahren ein Paar Laufschuhe ( ohne eingebauten Computer ) und der Trimm-dich Pfad in der Nähe um fit zubleiben.
Die Trends der nächsten Jahre stehen doch schon fest: Extreme-Mushroom-Searching und Excessive-Fresh-Air-Snapping sind im Kommen, die Baumkletterei ist doch schon wieder überholt, also ich mein - out-dated.
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