Mythos oder Medizin: Kann Wassertrinken beim Abnehmen helfen?

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In vielen Diätratgebern heißt es, man solle viel Wasser trinken, um abzunehmen. Aber ist das wissenschaftlich überhaupt belegt? Ein Forscherteam ist der Frage nachgegangen.

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Wassertrinken: Unkomplizierter Schlankmacher?

Ohne Wasser wären wir eine leere, trockene Hülle. Je nach Alter und Geschlecht bildet die Flüssigkeit zwischen 40 und 80 Prozent des menschlichen Körpers, bei Neugeborenen sind es sogar 70 bis 80 Prozent. Jeden Tag gibt ein Erwachsener im Schnitt mehr als zwei Liter Wasser ab, wir schwitzen es aus, atmen es aus - und nicht zuletzt scheiden wir es auch über die Blase aus. Dann muss Nachschub her.

Schon ab dem Verlust von 0,5 Prozent des Körperwassers setzt der Durst ein, ab 20 Prozent besteht Lebensgefahr. Wassertrinken ist lebensnotwendig, gar keine Frage. Geht es nach Diätratgebern und Frauenzeitschriften, ist die kalorienfreie Flüssigkeit jedoch viel mehr als das, ein Elixier der Schlankheit gewissermaßen. "Schluck dich schlank", "Abnehmen durch Wassertrinken" oder "Wasser trinken löscht Kalorien" lauten einige der Schlagzeilen.

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Was in Diätprogrammen empfohlen wird und viele Menschen nach Befragungen mittlerweile als Tatsache betrachten, ist wissenschaftlich jedoch kaum belegt. Zu diesem Ergebnis kommt Rebecca Muckelbauer von der Berliner Charité. "Als Ernährungswissenschaftlerin wurde ich immer wieder gefragt, ob Wasser wirklich beim Abnehmen hilft", erzählt sie. Obwohl das Thema so populär ist, kannte sie aber keine gute Studie. Also machte sie sich mit einem Team auf die Suche. Ihre Ergebnisse schildern die Forscher nun im "American Journal of Clinical Nutrition".

Qualitätsproblem

Die Wissenschaftler durchforsteten medizinische Datenbanken, sie suchten auf Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch nach Studien, die sich mit dem Einfluss von Wasser auf das Gewicht Erwachsener beschäftigen. Insgesamt stießen sie auf fast 5000 Artikel - und mussten aufgrund mangelnder Qualität oder unpassender Inhalte fast alles wieder aussortieren. "Wir haben sehr umfangreich gesucht, am Ende sind uns aber nur 13 Studien geblieben", sagt Muckelbauer.

Doch selbst diese waren zum Großteil keine hochwertigen Studien. Zum Teil stützten sich die Untersuchungen auf nur wenige Teilnehmer, zum Teil war der Untersuchungszeitraum zu kurz für aussagekräftige Ergebnisse. Wirklich überzeugen konnten die Forscher nur drei Studien, die alle die Wirkung von Wasser bei einer Diät analysiert hatten. Dabei trank ein Teil der meist übergewichtigen Abnehmwilligen rund einen halben Liter mehr Wasser, als der Ernährungsplan es vorschrieb - mit Erfolg.

"Studien mit Menschen, die gerade versuchen abzunehmen, weisen auf einen positiven Effekt eines erhöhten Wasserkonsums hin", schreiben die Forscher im Fazit ihrer Übersichtsarbeit. Zur generellen Aussage "Wassertrinken macht schlank" kann sich Muckelbauer dennoch nicht durchringen. Die anderen Studien mit Teilnehmergruppen von dick bis dünn lieferten uneinheitliche Ergebnisse, "viele waren aber auch zu kurz, um einen Effekt zu sehen", sagt sie. "Es ist erstaunlich, wie wenige Studien es da gibt."

Wasser satt

Eines gilt als sicher: Wer Wasser statt Saftschorlen und Limonaden trinkt, kann viele Kalorien sparen. "Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Wassertrinken zumindest für kurze Zeit das Sättigungsgefühl stärkt, allerdings nur bei älteren Personengruppen", heißt es in der Studie. Außerdem gebe es die Theorie, dass Wasser den Energieumsatz erhöhe und dadurch das Abnehmen unterstütze. "Aber auch das ist bisher wissenschaftlich nur sehr schlecht untersucht. Die anderen Erklärungen halte ich für wahrscheinlicher."

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Schaden kann das Wassertrinken kaum. Bei Gesunden können die Nieren bis zu einen Liter Flüssigkeit pro Stunde ausscheiden, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Der Körper komme mit bis zu zehn Litern Wasser pro Tag klar - deutlich mehr, als wahrscheinlich auch der Abnehmwilligste trinken möchte und würde. Eine Ausnahme sind Menschen mit einer schweren Herzschwäche oder Problemen bei der Flüssigkeitsausscheidung, etwa durch Nierenschäden. Sie sollten vorsichtig sein und ihre Flüssigkeitszufuhr mit einem Arzt abklären.

Auch weil es kaum Risiken gibt, will Muckelbauer weiterhin zum Wassertrinken raten. Außerdem plant sie eine Studie, die das wissenschaftliche Loch stopfen kann. Für ihre Doktorarbeit stellte Muckelbauer bereits Wasserspender in Schulen auf und fand tatsächlich Hinweise darauf, dass sich das Risiko für Übergewicht bei den Kindern reduzierte. Jetzt will sie den Versuch auf Erwachsene und deren Arbeitsplätze übertragen. Vielleicht kommt dann auch in der Wissenschaft an, was viele zu wissen glauben: Wasser hilft beim Abnehmen.

Fazit: Wassertrinken kann nicht schaden, wahrscheinlich macht es auch schlanker - zumindest wenn das Wasser süße Getränke ersetzt. Doch wissenschaftlich klar nachgewiesen hat das noch niemand.

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
citizengun 12.08.2013
Wassertrinken hilft aus zwei Gründen. Erstens verusacht es ein Völlegefühl, verhindert damit Heisshunger und verkleinert den Magen was wiederum zu weniger Appetit führt. Zweitens erhöht/verbessert es den Herzschlag und suggeriert damit dem Gehirn Nahrungsaufnahme/Zuckerzufuhr, die es aber real nicht gibt.
2. Vorsicht!
neoy 12.08.2013
Zitat von sysopCorbisIn vielen Diätratgebern heißt es, man solle viel Wasser trinken, um abzunehmen. Aber ist das wissenschaftlich überhaupt belegt? Ein Forscherteam ist der Frage nachgegangen. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/kann-wassertrinken-beim-abnehmen-helfen-a-909394.html
Diese Aussage ist definitiv zu pauschal! Man sollte vielmehr auch als gesunder Mensch darauf achten, nicht zu viel zu trinken, da bei Hyperhydratation ernsthafte Probleme drohen! Zitat: Abhängig von Osmolalität bzw. Natriumkonzentration im Serum unterscheidet man eine isotone, hypotone und hypertone Hyperhydratation. Dies hängt davon ab, in welcher Relation Wasser und Kochsalz zugeführt werden. Bei Abweichungen von der normalen Osmolalität (Serum-Natrium-Konzentration) kommt es zu gefährlichen Veränderungen des Flüssigkeitsgehalts des Gehirns: Hypoosmolalität -> Flüssigkeitszunahme im Gehirn bis zum Hirnödem; Hyperosmolalität -> Flüssigkeitsentzug aus dem Gehirn. (...) Symptome der Hypervolämie: im großen Kreislauf: Ödeme; im kleinen Kreislauf: Luftnot, fluid lung, Lungenödem. Evtl. Pleuraergüsse. Bei Abweichungen von der normalen Osmolalität zusätzlich zerebrale Symptome: Kopfschmerzen, evtl. epileptische Anfälle, Koma. (Quelle: Herold, Innere Medizin, 2011) Werte Wissenschaftsjournalisten und Ernährungsberater dieser Welt: Ich bitte dringlich um eine differenziertere Berichterstattung...
3.
isnogud77 12.08.2013
Wenn man kaltes Wasser trinkt wird es im Körper erwärmt. Die Energie dafür kommt aus der Nahrung und dadurch erhöht das Trinken von Wasser den Energieumsatz. Man braucht keine Studie um das zu nachzuweisen, das ist die einfachste Form von Physik.
4. optional
carmel22 12.08.2013
Das alle Diäten kaum etwas taugen über längere Zeit, hat jeder der eine Diät gemacht hat schon festgestellt. Was wirklich mit unserem Körper passiert bei einer Diät ist in einer längeren Studie festgestellt worden. Ich verweise auf das Buch von Prof. A. Peters -" Mythologie Übergewicht" Warum Dicke länger leben.
5.
encaladus 12.08.2013
Zitat von isnogud77Wenn man kaltes Wasser trinkt wird es im Körper erwärmt. Die Energie dafür kommt aus der Nahrung und dadurch erhöht das Trinken von Wasser den Energieumsatz. Man braucht keine Studie um das zu nachzuweisen, das ist die einfachste Form von Physik.
Ja das stimmt ja soweit. Meines Wissens benötigt der Körper für die Erwärmung von einem Liter Wasser um 1°C etwa 1Kcal. Also muss ich schon ne Menge Eiswasser trinken um damit ordentlich was zu verbrennen. Mich würde auch interessieren wie der Effekt aussieht, wenn der Körper kälte ausgesetzt wird. Also in wie weit dadurch der Verbrauch hochgetrieben wird.
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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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