Katie Hopkins Selbstversuch TV-Sternchen nimmt 20 Kilo zu und wieder ab - um Dicke bloßzustellen

Dicke sind bloß zu faul zum Abnehmen - um ihre krude These zu beweisen, hat die Britin Katie Hopkins innerhalb weniger Monate 20 Kilo zugelegt und wieder abgespeckt. Belegt hat sie damit nur eins: die eigene Ignoranz.

The Katie Hopkins Project: My Fat Story/ Storie

Von


Katie Hopkins war im britischen Dschungelcamp, schreibt Kolumnen für die "Sun" und ist unter anderem dafür bekannt, dass sie ihre Kinder nicht mit Kindern spielen lässt, die aus ihrer Sicht inakzeptable Vornamen wie Tyler oder Chardonnay tragen. Sie posaunt auch heraus, dass sie niemals Übergewichtige einstellen würde, weil diese faul wirkten. Und mehr als das: Sie sagt auch, sie hasse Dicke.

Diese Weltsicht durfte Hopkins nun in einem TV-Format untermauern: "My Fat Story". Drei Monate hatte sie dafür extrem viel gegessen, keinen Sport mehr getrieben und rund 20 Kilo zugelegt. Anschließend speckte sie in wenigen Monaten wieder ab, und ja, das ist ihr gelungen. Damit will sie bewiesen haben, dass Übergewicht zu heilen total einfach sei, man müsse sich eben nur nicht mehr vollstopfen - und Sport treiben.

Dass die Beobachtung eines einzelnen Menschen sicher nicht einen Beleg dafür liefern kann, dass ein Zusammenhang für die gesamte Menschheit gilt, sollte klar sein. Helmut Schmidt ist mitnichten der lebende Beweis, dass es eine gute Idee ist, jahrzehntelang in horrenden Mengen Mentholzigaretten zu rauchen.

Essen, obwohl man satt ist

Die Gleichung stimmt zwar, dass jemand abnimmt, wenn er weniger Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht. Nur: Dies steht nicht völlig für sich allein, sondern es gibt Faktoren, die Hunger, Appetit und Sättigungsgefühl beeinflussen. Dickwerden hat weniger körperliche als psychosoziale Ursachen, sagen inzwischen viele Mediziner. In diesem Bereich hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen, heißt es in einer SPIEGEL-Titelgeschichte (7/2013), die Sie hier lesen können.

"Jeder kennt das Phänomen, dass er eigentlich satt ist, aber trotzdem weiter isst", sagte Jens Brüning, Direktor des Max-Planck-Instituts für Neurologische Forschung in Köln, dem SPIEGEL. "Weil er frustriert ist, weil er in fröhlicher Gesellschaft isst, weil es gut schmeckt." Offenbar nähmen höhere Gehirnzentren massiven Einfluss auf die Regelkreise von Hunger und Appetit - unabhängig vom objektiven Sättigungsgrad.

Eine Veranlagung zu Normal- oder Übergewicht scheint zudem in die Wiege gelegt: Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass der Zuckerstoffwechsel von Kindern verändert ist, wenn die Mutter vor der Schwangerschaft übergewichtig war. Infolgedessen sind wohl große Disziplin, familiäre Unterstützung und ein entsprechender Lebensstil vonnöten, damit das erhöhte Risiko für Übergewicht der Kinder nicht in tatsächlichem Übergewicht mündet. Mit anderen Worten: Es gibt Menschen, denen es schwerer fällt, dünn zu bleiben oder abzunehmen, als anderen. Katie Hopkins zählt anscheinend nicht zu dieser Gruppe, bei ihrer Aversion gegen Übergewicht ist das auch kein Wunder.

Mit viel Wohlwollen könnte man ihren Selbstversuch als Ansporn für Übergewichtige sehen, so stellt sie das jedenfalls selbst dar. Starkes Übergewicht ist definitiv ungesund - bei leichtem Übergewicht ist die Datenlage indes unklar. Motivation zum Abnehmen zu schaffen, ist per se nicht schlecht. Doch Hopkins will allen Übergewichtigen vorschreiben, was sie zu tun haben: nämlich alles für eine gesellschaftlich akzeptable Figur zu geben. Und bis dahin offensichtlich den Spott und Hohn hinnehmen, den Menschen wie Katie Hopkins für sie übrig haben. Dabei trägt genau diese Stigmatisierung dazu bei, dass Dicke häufiger Depressionen und Angststörungen entwickeln.

Dick und glücklich? Für Hopkins unmöglich

Hört man sich schließlich an, wie Hopkins über Übergewichtige spricht, ist es mit der Sympathie für ihre vermeintliche Botschaft endgültig vorbei. In einem Interview mit CNN (hier das YouTube-Video) antwortet sie auf die Frage, ob dicke Menschen glücklich und zufrieden sein könnten, kopfschüttelnd mit einem "Nein". Wer dick sei, habe schließlich irgendwann beim Prozess des Zunehmens kapituliert, anstatt sich zusammenzureißen. Und daher müssten Dicke sich mies fühlen, weil sie ja versagt hätten, selbst wenn sie etwas anderes behaupteten.

Freude und Übergewicht können in Katie Hopkins Universum nicht koeexistieren. Was für eine traurige Welt.

insgesamt 301 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gerhard5260 07.01.2015
1. Physik
Auch die Biologie ist letztendlich der Physik untergeordnet. Dass heisst, völlig unabhängig von Veranlagung bzw. genetischer Ausstattung nimmt ein Mensch ab, wenn er weniger Kalorien zu sich nimmt, als er täglich benötigt. Die Gründe, weshalb es dennoch viele Menschen nicht schaffen abzunehmen, liegen in der Psyche und nicht im Stoffwechsel bzw. in der Genetik.
Eric7878 07.01.2015
2. Nicht ganz unrecht...
...hat die gute Frau. Zumindest wohl mit der Aussage, "Dicke" seien glücklich. Wenn jemand stark übergewichtig ist und allen anderen weiß machen will, er/sie stehe dazu // sei glücklich etc. pp. halte ich das schlicht für eine (Selbst)Lüge, die die Person evtl. irgendwann auch selbst glaubt. Kein Übergewichtiger kann mir weiß machen, dass er/sie nicht sofort eine schlanke Figur dankbar annehmen würde. Auch wenn es bedauerlich ist, dass dies meist auch daher kommt, weil - abgesehen von gesundheitlichen Beschwerden und schnelle Atemnot - die Mitmenschen so gehässig sein können, wie die Dame aus dem Artikel.
damocles_ 07.01.2015
3. Ectomorph
Schnll zu und wieder abnehmen ist vor allem eine Frage der Veranlagung. Ist man ein Ectomorph (von natur aus schlank) und hat einen funktionierenden Metabolismus, kann man schnell (durch viele Kohlenhydrate und Fett zusammen) zunehmen. Dann durch einfaches Runterfahren der Nahrungsmenge abnehmen. Das trifft aber dann leider nur für natürlich schlanke Körpertypen zu. Für die anderen gilt es Kohlenhydrate einzuschränken, und zumindes einiges an Kraftsport und Laufsport zu tätigen.
cededa 07.01.2015
4. Irgendwann...
... werden wir durch Studien feststellen, dass nicht nur übermäßige Kalorienzufuhr für Übergewicht zuständig ist, sondern auch die veränderte Darmflora durch Dauerbeschuss mit Antibiotika... (und dass diese der Grund ist, warum Abnehmen so viel schwieriger ist als Zunehmen).
mongolord 07.01.2015
5.
Klar gibt es genetische Unterschiede wie jemand Nahrung verwertet und wie schnell er oder sie zu/ab-nimmt. Aber letztendlichzählt trotzdem nur die Kalorienbilanz. Ist man mehr als sein Grundumsatz, nimmt man zu, isst man weniger wird man auf Dauer abnehmen. Und das gilt für jeden Menschen! Ein Großteil der Dicken ist wirklich zu faul oder nicht gewillt sein Leben umzustellen, oder verfügt nicht über das Wissen wie man sich gesund ernährt. Aber im Grunde würden viele von denen schon abnehmen wenn sie sich an ein paar einfache Grundregeln halten: 1. koche selbst aus frischen Zutaten. Das ist billiger als Fertignahrung, man lernt Kochen (Bonus beim andern Geschlecht!), es schmeckt besser und ist gesünder (sowohl was Mikro als auch Makronährstoffe angeht) 2. Trink Wasser! Keine Softdrinks und wenig Säfte. Das spart schon unglaublich viele Kalorien. 3. Große Gemüseportionen. Jedes Gemüse ist sehr kalorienundicht (sprich wenig Kalorien auf viel Volumen). Dazu hat Gemüse unmengen an Mikronährstoffen und Mineralien. Der halbe Teller bei ner Hauptmahlzeit darf ruhig aus Gemüse bestehen! 4. Sparsam mit Soßen und Öl/Fett umgehen. Da kommt man sehr schnell auf viele Kalorien ohne es wirklich zu merken. 5. Bewusst genießen! Wenn ich eine Rippe Schokolade esse, dann Zeit lassen. Am besten noch Bitterschokolade. Auf schnelles Junkfood in sich reinstopfen verzichtet man.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.