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Mythos oder Medizin: Ist es gefährlich, Kaugummis zu verschlucken?

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Kaugummis sorgen für einen frischen Atem und helfen, die Zeit bis zum nächsten Leckerbissen zu überbrücken. Wohin aber mit ihnen, falls kein Mülleimer in Reichweite ist? Viele warnen vorm Runterschlucken - zu Recht?

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Große Blasen: Was passiert mit Kaugummis, wenn sie im Magen landen?

Seine Klebrigkeit verhalf dem Kaugummi zu einem lebensrettenden Einsatz, der MacGyver würdig gewesen wäre. 1944 befand sich ein britisches Flugzeug über den Weiten des Atlantiks, als die Besatzung ein Leck entdeckte. Da anderes Füllmaterial fehlte, begann die Crew hastig, Kaugummis zu kauen. Mit der klebrigen Masse von 55 Streifen stopfte sie das Loch, berichtete eine Tageszeitung. Maschine und Besatzung erreichten ohne weitere Schäden ihr Ziel.

So faszinierend diese Geschichte auch ist, sie macht ein wenig skeptisch: Sollte man etwas, das so stark klebt, runterschlucken? Natürlich nicht, warnen viele Eltern und Freunde im Chor, Kaugummi lässt sich nicht verdauen und bildet über die Jahre im Magen einen riesigen Ball mit Mintbananenkirschgeschmack.

Ganz so fatal ist es dann aber doch nicht.

Kaugummi klebt, weil er sich bis ins kleinste Detail anderen Oberflächen anpassen kann. Er heftet sich so perfekt in die Rillen der Jeans oder in die kleinen Kratzer des Holztischs, dass er quasi mit ihnen verschmilzt. Im Körper allerdings bekommt er dazu keine Gelegenheit. Ob im Mund, in der Speiseröhre, im Magen oder im Darm: Überall legt sich ein Feuchtigkeitsfilm auf den Kaugummi, der einen direkten Kontakt mit der Körperoberfläche verhindert. Festkleben ausgeschlossen. Trotzdem bleibt die Frage, was bei der Verdauung mit der klebrigen Masse passiert.

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Unverdaulicher Klumpen

Tatsächlich kann unser Körper nur winzige Mengen eines Kaugummis verwerten. Ausschließlich der Zucker und andere Zusätze wie Aromen lösen sich bei der Verdauung aus dem Kaugummi und verteilen sich über die Blutbahn im gesamten Organismus. Mit dem großen Rest aber, der weißen Kaumasse, kann der Körper nichts anfangen. Sie wandert, von den unermüdlichen Wellenbewegungen der Verdauung angetrieben, vom Magen über den Dünndarm weiter in den Dickdarm.

Am Ende plumpst sie dorthin, wo alles landet, was unser Körper aus der Nahrung nicht gebrauchen kann: in die Toilette. "Was oben reingeht, kommt auch unten wieder raus", sagt Axel Enninger, Kindergastroenterologe am Klinikum Stuttgart. Das zumindest gilt für den Großteil der Fälle.

Eine andere Erfahrung musste eine Britin machen, die mit Übelkeit ins Frenchay Hospital in Bristol kam. Die Frau, sie war um die 40 Jahre alt, konnte plötzlich nicht mehr schlucken. Weder Flüssigkeit noch Festes, alles bereitete ihr Beschwerden. Auf Röntgenaufnahmen konnten die Mediziner nichts erkennen, schreiben sie im "British Medical Journal". Als sie jedoch mit einem Endoskop - einem schlauchigen Gerät mit Kamera und Licht - in die Speiseröhre vordrangen, stießen sie auf ein fünf mal fünf Zentimeter großes, cremefarbenes Bällchen.

Auf Nachfrage räumte die Patientin ein, dass sie pro Tag den Inhalt von etwa drei Kaugummi-Päckchen verschlucke. In derartigen Mengen kann sich die zähe Masse tatsächlich zu einem großen Klumpen vereinen und steckenbleiben. Oft passiert so etwas jedoch nicht, auch nicht bei Kindern mit noch kleineren Öffnungen: "Ich kenne niemanden, der an einem verschluckten Kaugummi zu Schaden gekommen ist", sagt Gastroenterologe Enninger. Unter normalen Bedingungen muss sich also niemand sorgen, dass ein verschluckter Kaugummi seinen Verdauungstrakt verstopft.

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Die wahre Kaugummi-Gefahr

Die wahre Gefahr des Kaugummikauens sieht Enninger an einer ganz anderen Stelle, genauso wie Ärzte der Berliner Charité. In einem Bericht schildern sie den Fall einer 21-Jährigen, die acht Monate lang unter ständigem Durchfall litt. Vier- bis zwölfmal am Tag rannte die junge Frau auf die Toilette. Ihr Körper schwand, sie wog nur noch 40,8 Kilogramm. Nach verschiedenen Irrwegen stießen die Mediziner auf die Ursache des Übels: zuckerfreie Kaugummis.

Bis zu 16 Streifen kaute die Frau jeden Tag, dabei nahm sie bis zu 20 Gramm des Süßungsmittels Sorbitol zu sich, das auch als Abführmittel genutzt wird. Der Zuckeralkohol durchwandert die Verdauung wie die Kaumasse unangerührt, auf seinem Weg durch den Darm bindet er allerdings Wasser an sich - und verdünnt den Stuhl. "Solche Kaugummi-Durchfälle sehen wir in der Klinik tatsächlich häufig", sagt Enninger. Der Durchfall sei meist aber nur störend. "Dass die Patienten dadurch richtig abnehmen und krank werden, ist selten."

Trotzdem kann der Experte Kaugummis auch Gutes abgewinnen. Bei Patienten, die etwa aufgrund einer Erkrankung für einige Zeit nur Flüssiges essen können, halten die Süßigkeiten die Kaumuskeln in Form. Außerdem zeigen Studien mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass Kaugummikauen nach dem Essen Sodbrennen lindern kann. "Das liegt wahrscheinlich daran, dass das Kauen die Bewegungen des Magen-Darm-Trakts ankurbelt", sagt Enninger. Und dann klappt es auch besser mit der Verdauung.

Fazit: Kaugummikauen kann der Verdauung sogar guttun! Wenn gerade kein Mülleimer in der Nähe ist, schadet es auch nicht, mal einen herunterzuschlucken. Er findet garantiert wieder seinen Weg nach draußen. Nur ein ganzes Päckchen sollte es nicht sein.

GESCHICHTE DES KAUGUMMIS
Schon in der Steinzeit mochten Kinder Kaugummis. Dafür sprechen schwarze Klumpen aus prähistoischem Teer, die Forscher in Nordeuropa gefunden haben. Die meisten der Kaugummikauer waren wohl zwischen sechs und 15 Jahre alt, wie Analysen der Zahnabdrücke ergeben haben.
Griechen und Ureinwohner Nordamerikas stellten schließlich Kaugummi aus den Harzen verschiedener Bäume her. Das erste Patent für die Herstellung von Kaugummis erhielten Behören 1869. Der Kaugummi wurde darin aus dem Milchsaft des Breiapfelbaums, auch Kaugummibaums gewonnen, der in Zentralamerika heimisch ist. Bis heute dient die aus dem Saft gewonnene Masse, Chicle genannt, zur Kaugummiherstellung.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die Besatzung eines Flugzeugs habe 1911 ein Leck mit Kaugummis gestopft. Tatsächlich ereignete sich der Vorfall 1944. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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1.
PeterPan95 21.10.2014
Sehr schöner, fundierter Artikel mit passenden Randbemerkungen. Endlich wurde auch die Eingangsfrage mal eindeutig beantwortet - und dass Extreme nie gesund sind sollte ja bekannt sein.
2. Beide bescheuert...
danson 21.10.2014
Auf Nachfrage räumten sie ein, dass sie sich täglich höchst abnormal bezüglich Dingen verhalten, die sie sich einverleiben. Dass ihre Probleme mit dem Verdauungstrakt daher rühren, verwundert sie dann wohl auch sehr.
3. Verwendet journalistische Teaser
paulpaulsen 21.10.2014
"[...] Viele warnen vorm Runterschlucken - zu Recht?" Sind solche "Buzzfeed-Teaser" dem Niveau von Spiegel-Online angemessen? Das ist nicht das erste mal, dass ich sowas lese: vom 13.10.2014, "Wie wird man Schluckauf los? Luftanhalten, Wassertrinken, erschrecken lassen - die Liste der Tipps ist lang. Was hilft wirklich?" Kostet es Euch Klicks, wenn Ihr einen informativen Teaser schreibt. Lausig...
4. Zitat Wikipedia
Doktor Weisenheimer 21.10.2014
„Heute wird der größte Anteil der Kaugummibasis (Kaumasse[1]) aus petrochemischen Grundstoffen erzeugt, sie besteht aus Kunststoffen, vorwiegend Polyisobutylen und Polyvinylacetat. 50 bis 70 % des Kaugummis sind Zucker, der Rest sind Füllstoffe, wie Aluminiumoxid, Kieselsäure oder Zellulose. Ebenfalls enthalten sind Weichmacher, Feuchthaltemittel, Antioxidantien, Aromen, Säuren, Farbstoffe und Emulgatoren.“ Dass Kaugummi heutzutage noch ein Naturprodukt ist, ist also eher die Ausnahme, denn die Regel.
5. Als Kind im Vorschulalter
willibaldus 21.10.2014
bekam ich Kaugummi von einem Onkel, ohne zu wissen was das ist und habe ihn anschliessend auch verschluckt. Stunden später kam er dann mit heftigem Übergeben wieder heraus, was den Onkel und die Eltern ziemlich gewundert hat.
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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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