Gemüse-Trick Kinder lieben Röntgenblick-Karotten

"Ich esse kein Gemüse!" Wenn Eltern keine verschränkten Kinder-Arme mehr am Mittagstisch sehen wollen, sollten sie einer Studie zufolge zu einem Trick greifen: Mit lustigen Namen wie "Superfaust-Brokkoli" oder "Röntgenblick-Karotten" wird der Teller leer.

Von Marion Martin

Corbis

Ob Karotten, Brokkoli oder Bohnen: Gemüse steht bei vielen Kindern nicht gerade hoch im Kurs. Jetzt hat eine Forscherguppe um Brian Wansik von der Cornell University in Ithaca getestet, inwiefern sich die Essgewohnheiten des Nachwuchses mit Hilfe eines einfachen Tricks beeinflussen lassen: witzige Namen.

Wie die Ernährungswissenschaftler im Fachjournal "Preventive Medicine" berichten, boten sie an fünf Schulen für Acht- bis Elfjährige an drei Tagen zum üblichen Mittagessen zusätzlich Karotten an. Am ersten und am letzten Tag bekam das Vitamin-A-reiche Gemüse keinen Beinamen. Am mittleren Tag hießen sie entweder "Gericht des Tages" oder aber "Röntgenblick-Karotten ("X-Ray Vision Carrots").

Das Ergebnis: Die Karotten mit den Fantasienamen landeten doppelt so häufig in den Mägen der knapp 150 jungen Probanden wie das namenlose Gemüse, oder solches, das als Gericht des Tages angepriesen wurde.

Lustigen Beinamen machen Gemüse für Kindermägen interessant

In einer zweiten Untersuchung verglichen Wansik und seine Kollegen den Gemüse-Konsum an zwei benachbarten Schulen in einem Vorort von New York City. Im ersten Monat servierten sie den rund 1500 Schüler Karotten, Brokkoli und Grüne Bohnen ohne besondere Bezeichnung. Im zweiten Monat änderte sich das für eine der beiden Schulen - dort gab es nun "Röntgenblick-Karotten", "Superfaust-Brokkoli" ("Power Punch Broccoli") oder "kleine, leckere Baumkrönchen" ("Tiny Tasty Tree Tops", ebenfalls Brokkoli) und "verrückte grüne Bohnen" - im Englischen mit dem klangvolleren Namen "Silly Dilly Green Beans".

Erneut mit durchschlagendem Ergebnis: Den Wissenschaftlern zufolge aßen die Schüler fast doppelt so viel Gemüse als im Vormonat. An der Schule, die zur Kontrolle des Experiments weiterhin Gemüse ohne lustige Beinamen serviert bekam, landeten die drei Gemüsesorten im zweiten Monat noch seltener an als in den ersten vier Wochen auf den Tellern der Schüler.

Attraktive Namen erleichtert es also, Kinder gesund zu ernähren, folgert Brian Wansink in seiner Studie. Das gilt aber auch für andere Altersgruppen. Bereits 2005 hatte er ein ähnliches Experiment mit Erwachsenen durchgeführt.

In Restaurants ergänzte er Speisekarten um einfache Adjektive wie "zart" (zum Beispiel: "zartes Fischfilet") oder benannte Zucchini-Taler in "Großmutters Zucchini-Taler" um. Die Gäste berichteten von einem größerem Geschmackserlebnis.

Das Fazit der Ernährungswissenschaftler: Der Name beeinflusst den Hunger auf ein bestimmtes Produkt - je nach Zielgruppe eignen sich Superhelden-Beinamen oder wohlklingende Beschreibungen.



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Seite 1
milhouse_van_h. 18.09.2012
1.
Braucht es für diese Erkenntnis eine Studie? Das nennt sich einfach nur Marketing oder Werbung. Es heißt ja auch "Fruchtzwerge" und nicht "kleiner Quark mit Zucker und Aromen".
alfredjosef 18.09.2012
2. ja prima
So ein toller Trick wie "jetzt essen wir die Röntgen-Karotte" klappt bei den weniger intelligenten Kindern vielleicht fünfmal, bei den anderen noch weniger oft. Kinder leben aber wieviele Tage ... äh, mehr als tausend doch? Klasse Idee, aber nutzt sich ab, mit der Zeit. Wissen alle Eltern, aber Wissenschaftler müssen das wohl noch lernen. aj
Zephira 18.09.2012
3.
Zitat von milhouse_van_h.Braucht es für diese Erkenntnis eine Studie? Das nennt sich einfach nur Marketing oder Werbung. Es heißt ja auch "Fruchtzwerge" und nicht "kleiner Quark mit Zucker und Aromen".
Ja, braucht es. Vorurteile und Aberglauben sind kein Ersatz für wissenschaftliche Untersuchungen. Sonst könnte man aus der Existenz von Horoskopen noch ableiten, dass diese auch stimmen müssten. Lustig wird es, wenn man einer Gruppe erzählt, Studien hätten einen Mythos bestätigt und einer anderen, Studien hätten den Mythos widerlegt. Schon witzig, wenn sich beide Gruppen empören, dass man das doch schon vorher hätte sagen können...
Zephira 18.09.2012
4.
Zitat von alfredjosefSo ein toller Trick wie "jetzt essen wir die Röntgen-Karotte" klappt bei den weniger intelligenten Kindern vielleicht fünfmal, bei den anderen noch weniger oft. Kinder leben aber wieviele Tage ... äh, mehr als tausend doch? Klasse Idee, aber nutzt sich ab, mit der Zeit. Wissen alle Eltern, aber Wissenschaftler müssen das wohl noch lernen. aj
Nö, das klappt auch öfter. Aber wenn es falsch anstellt, nützen auch die besten Tricks nichts. Das wissen Wissenschaftler sehr gut, bloß viele Eltern nicht.
Privatier 18.09.2012
5. Mit "lustigen" Namen wie EHEC-Sprossen...
Zitat von sysopCorbis"Ich esse kein Gemüse!" Wenn Eltern keine verschränkten Kinder-Arme mehr am Mittagstisch sehen wollen, sollten sie einer Studie zufolge zu einem Trick greifen: Mit lustigen Namen wie "Superfaust-Brokkoli" oder "Röntgenblick-Karotten" wird der Teller leer. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,856457,00.html
...gelingt es möglicherweise sogar davon abzulenken, daß auch BIOproduken gelegentlich das allerwichtigste auf der mit kreativen Gütesiegeln gefluteten Schutzverpackung fehlt: Eine inhaltsadäquate Gefahrstoffkennzeichnung mit Hinweisen auf immer wieder anzutreffende wertvolle Spurenelemente wie Schwefel, Schwermetalle, Dioxin,... MfG
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