Ausdauer Kinder sind so fit wie Spitzensportler

Sie hüpfen, sprinten, toben und werden einfach nicht müde: In Sachen Ausdauer können es Kinder sogar mit Spitzen-Triathleten aufnehmen, zeigt eine neue Studie. Dafür gibt es mehrere Gründe.

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Wenn die Erwachsenen längst nicht mehr können, ihre Beine müde sind vom Anschieben des Bobby-Cars, sie sich nach der Verfolgungsjagd einfach nur mal kurz hinsetzen wollen, rennen und springen die Kinder oft noch rastlos ums Sofa. Wo nehmen sie all diese Energie her?

Einen Teil der Antwort haben Forscher bereits gefunden. Der Kinderkörper ist extrem gut darin, Energie bereitzustellen. Ob es bei Versuchen um intensives Strampeln auf dem Fahrrad ging, um kurze Sprints oder auch Hochsprünge - in vielen Studien in der Vergangenheit hängten Kinder vor der Pubertät junge Erwachsene ab. Jetzt haben französische Wissenschaftler um Sébastien Ratel der Université Clermont Auvergne gezeigt, dass sich zehnjährige Jungs in Sachen Ausdauer und Erholung sogar mit Leistungssportlern messen können.

Für ihre Studie ließen die Forscher drei Gruppen auf dem Ergometer gegeneinander antreten:

  • Einmal zwölf gesunde Jungs im Alter von acht bis zwölf Jahren, alle ohne außergewöhnliches Sporttraining.
  • Einmal zwölf Männer im Alter von 19 bis 23 Jahren, die ähnlich untrainiert waren wie die Kinder.
  • Und einmal 13 Triathleten, Langstreckenläufer oder Fahrradfahrer, die alle an Wettkämpfen auf nationaler Ebene teilnahmen.

Alle mussten bei einem sogenannten Wingate-Test 30 Sekunden lang so stark in die Pedale treten, wie sie nur konnten. Währenddessen und anschließend beobachteten die Forscher verschiedene Werte, wie sie in der Fachzeitschrift "Frontiers in Physiology" berichten.

Schneller erholt, mehr Sauerstoff genutzt

Dabei achteten die Wissenschaftler unter anderem darauf, welche Energiequellen der Körper der Versuchsteilnehmer nutzte. Im besten Fall gewinnt der Körper seine Energie auch bei Anstrengungen aerob, also mithilfe von Sauerstoff aus dem Blut. Fordern wir unsere Muskeln jedoch so sehr, dass der Sauerstoff ausgeht, stellt der Körper auf eine anaerobe Energiegewinnung um. Diese ist weniger effizient, außerdem entstehen dabei Abfallstoffe wie Laktat, die den Muskel ermüden.

Je trainierter ein Mensch ist, desto länger kann er im aeroben Bereich durchhalten. Diese Fähigkeit beobachteten die Forscher auch bei den eigentlich nicht trainierten Kindern: Ihre Körper konnten bei der Energiegewinnung deutlich länger auf Sauerstoff setzen als die Körper der untrainierten Erwachsenen. Dadurch ermüdeten sie selbst bei extremer Anstrengung nicht so schnell - ähnlich wie die Ausdauersportler.

In einem zweiten Teil beobachteten die Forscher außerdem, wie schnell sich die Körper der Teilnehmer von der Anstrengung erholten. Dafür erfassten sie unter anderem die Herzfrequenz und die Laktatmenge im Blut. Bei allen Tests übertrafen die Kinder die untrainierten, jungen Erwachsenen. Ihr Herz beruhigte sich schneller, ihr Körper beseitigte früher das Laktat aus dem Blut. "Sie erholten sich sehr schnell - sogar schneller als die Ausdauerathleten", sagt Forscher Ratel.

Die Nachteile der Kinder: Kürzere Schritte, schlechte Bewegungen

In früheren Studien hatten Forscher außerdem noch einen Trumpf entdeckt, der direkt in den Kindermuskeln steckt: Im Vergleich zu Erwachsenen besitzen die kleinen Körper verhältnismäßig viele dunkle Muskelfasern, die zwar langsamer auf Reize ansprechen, dafür aber auch viel langsamer ermüden.

Mit ihren Vorteilen können Kinder ausgleichen, was sie an anderen Stellen einbüßen. "Bei vielen sportlichen Aufgaben müssten Kinder eigentlich früher müde werden als Erwachsene, weil sie nur begrenzte Herz-Kreislauf-Kapazitäten haben, ihre Bewegungsabläufe tendenziell weniger effektiv sind und sie mehr Schritte brauchen, um eine Distanz zu überwinden", sagt Ratel.

Aus dem Wissen wollen die französischen Forscher auch ganz praktisch Nutzen ziehen. "Viele Eltern fragen, was der beste Weg ist, das sportliche Potenzial ihrer Kinder zu fördern", sagt Ratel. "Unsere Studie zeigt, dass die Muskelausdauer bei Kindern oft schon sehr gut ausgeprägt ist. Deshalb könnte es gut sein, sich auf andere Bereiche zu fokussieren - etwa die Sporttechnik, die Sprintgeschwindigkeit oder die Muskelkraft."

irb



insgesamt 14 Beiträge
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zoon.politicon 24.04.2018
1. Wichtig: Spaß an der Bewegung
Wichtig scheint mir, dass die Kinder Spaß an der Bewegung haben, spezielle Sportarten, wenn überhaupt, mit entsprechender Freude / Motivation betrieben werden. Dass Kinder hohe Ausdauer haben können, habe ich bei einem Marathon ca. 1979 erlebt (heute richtigerweise nicht mehr erlaubt:): ein 6 Jähriger lief neben mir 3.30 H. sein 10 jähriger Bruder 3.00 H.
Überfünfzig 24.04.2018
2. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern....
...wo wir als Rasselbande Halbwüchsiger so mit 13/14 morgens 20 km mit dem Rad quer durch die Stadt zu einem Waldstück mit vielen Hügel und steilen Abfahrten gefahren sind und uns dort über Stunden mit Bergauf und Ab die Kante gegeben haben, um anschließend wieder 20 km nach Hause zu fahren. Anschließend haben wir zwar bei Mama den Kühlschrank leer gegessen, aber so richt platt fühlte man eigentlich nicht. Naja damals gab es noch kein 24/7 Fernsehn, Computerspiele und Smartphones, die heute aus unseren Kinder unförmige Jugendliche mit einem eklatanten Bewegungsmangel und Übergewicht machen. Übrigens mein Fußweg zur Schule betrug auf dem Lande schlappe 5 km einfache Wegstrecke. Schulbus Fehlanzeige und das in den Endsechziger! Heute und von mir jeden Morgen zu beobachten, wie die Kiddis 800 m von Mammi zu Schule gekarrt werden und dort regelmäßig der Verkehr ein einziger Stress ist, der mich gegenüber der Ferienzeit 5 min mehr Fahrzeit kostet.
unglaublich_ungläubig 24.04.2018
3. Die können das - aber nicht alle
Mein damals nicht trainierter Sohn lief mit 10 bei einem 10-km-Volkslauf unter 45 min, also mit den fitten bis sehr fitten Erwachsenen. Und bei einem Spendenlauf der Schule mit 11 hat er nach 24 km geschimpft, weil die Lehrer schon aufhören wollten; er hätte wohl nochmal 20 gekonnt. Und er war da nicht der Einzige. Aber sie können das nicht alle. Es hängt stark mit dem Gewicht zusammen, denke ich; er ist halt sehr leicht, auch heute noch. Und ernährte sich damals praktisch nur von Süßkram, und heute nicht viel besser.
Zorpheus 25.04.2018
4. Na das liegt wohl an der unterschiedlichen Muskelmasse
Erwachsene Männer haben nun ma deutlich mehr Muskeln als Kinder. Das Testosteron fördert sehr den Muskelaufbau. Dadurch ist es völlig klar, dass Männer schneller erschöpft sind, wenn sie mit voller Kraft treten. Sie vollbringen dabei ja auch eine viel höhere Leistung. Und auch dass sie mit den größeren Muskeln schneller in den anaeroben Bereich kommen ist klar. Das zeigt nur, dass die Muskeln ab der Pubertät stärker zulegen als der Kreislauf.
willibaldus 25.04.2018
5.
Ich konnte nicht. Das lag aber an Allergien, was komischerweise erst viele Jahre später rauskam, weil ich beim Sportunterricht an einigen Tagen nicht mithalten konnte, an anderen schon. Auch scheint mir, dass die Kinder scheinbar endlos herumtoben können, aber irgendwann ist plötzlich Schluss und es braucht eine Pause. Nur ist die Pause viel kürzer als bei Erwachsenen und es geht dann auch gleich wieder mit 100% weiter.
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