Keine Zeit, keine Lust Die Deutschen verlernen das Kochen

Internationale Ernährungsstudien zeigen: Viele Deutsche können überhaupt nicht kochen. Experten haben eine Vermutung, woran das liegt - das Wissen von Müttern und Großmüttern erreicht die neue Generation nicht mehr.

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Currywurst statt selbst gekocht: "Heute können junge Frauen genauso wenig kochen wie junge Männer, oft ist es zumindest so"
DPA

Currywurst statt selbst gekocht: "Heute können junge Frauen genauso wenig kochen wie junge Männer, oft ist es zumindest so"


Kartoffelsalat mit Würstchen, Fisch, Gans oder etwas ganz anderes: An Weihnachten kommt bei den Deutschen allerhand auf die Teller. Oft wird selbst gekocht, für viele dürfte das allerdings eine Besonderheit sein. Im Deutschlandfunk beklagt der Ernährungsexperte Erwin Seitz einen Rückgang der Kochkenntnisse vieler Deutscher.

"Das Wissen um Essen und Trinken ist im Familienleben heute geringer als früher", sagt Seitz. "Heute können junge Frauen genauso wenig kochen wie junge Männer, oft ist es zumindest so." Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin, sieht das ähnlich: "Viele Deutsche sehen Kochen als verlorene Zeit an, sind beruflich stark eingespannt, wollen für sich allein nicht kochen. Und sie können häufig auch gar nicht kochen."

Die Einschätzung der Experten deckt sich mit den Ergebnissen einer internationalen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vom März 2015. Die Statistiker hatten 27.000 Verbraucher ab 15 Jahren in 22 Ländern weltweit am Telefon oder - wie in Deutschland - online befragt. Die Forscher wollten wissen, wie viel Zeit die Leute in der Küche verbringen, wie hoch sie ihr Kochwissen einschätzen und mit welcher Leidenschaft sie Speisen zubereiten.

Frauen gaben an, mehr übers Kochen zu wissen

In allen drei Bereichen zeigte sich im Durchschnitt aller Länder eine deutliche Diskrepanz zwischen Männern und Frauen: Während Frauen nach eigenen Angaben pro Woche im Schnitt 7,6 Stunden in der Küche verbrachten, waren es bei den Männern 5 Stunden, wobei nur Angaben derjenigen berücksichtigt wurden, die berichteten, zu Hause zu kochen.

In der Umfrage gaben die Männer zudem seltener an, ein umfangreiches Kochwissen oder Kochleidenschaft zu besitzen.

Kochkenntnisse bei Männern und Frauen: Durchschnitt aus 22 Ländern
GFK

Kochkenntnisse bei Männern und Frauen: Durchschnitt aus 22 Ländern

Sortiert nach Ländern fällt auf, dass die Menschen in Indien unter den 22 untersuchten Nationen überdurchschnittlich viel Zeit mit Kochen verbringen: Im Schnitt 13,2 Stunden pro Woche. Das entspricht fast zwei Stunden pro Tag. Im Gegensatz dazu gaben die Südkoreaner an, nur 3,7 Stunden in der Woche in der Küche zu stehen. Der Durchschnitt aller Länder lag bei 6,4 Stunden pro Woche, also etwas weniger als einer Stunde täglich.

Die Deutschen verbringen im Vergleich ebenfalls unterdurchschnittlich viel Zeit mit Kochen: 5,4 Stunden pro Woche im Schnitt - im Vergleich mit Frankreich, Italien, Großbritannien und Polen der niedrigste Wert. Über die Kochkünste sagt das allerdings noch nichts aus.

Kochkenntnisse und Wissen über Lebensmittel

Und tatsächlich - hier trauten sich die Befragten in Deutschland etwas zu, zumindest im Vergleich mit den anderen europäischen Nationen. Ein Viertel stimmte der Aussage zu, eine Menge Erfahrung und Wissen zu den Themen Lebensmittel und Kochen zu haben.

Nur in Italien, wo die durchschnittliche Kochzeit pro Woche laut Befragung bei gut 7 Stunden liegt, berichteten mehr Menschen, ein gutes Kochwissen zu haben. Im Vergleich aller 22 untersuchten Länder liegt Deutschland trotzdem unterm Durchschnitt von knapp einem Drittel mit angeblich umfangreichem Kochwissen.

Es gebe derzeit zwei gegenläufige Trends in der Esskultur, berichtet Gastronomiekritiker Seitz:

  • Über Jahrhunderte hinweg hätten Mütter und Omas gekocht, die ihr Wissen an ihre Töchter weitergaben. "Diese klassische Ordnung ist zusammengebrochen."
  • Gleichzeitig sei in Deutschland die Gourmet-Szene im Aufwind.

Selbst gemacht ist oft gesünder

Wer sich mit Essen beschäftigt, isst oft auch gesünder. 2013 hatten Forscher etwa Daten von 4400 Probanden einer großen Ernährungsstudie in der Schweiz analysiert. Demnach essen Menschen, die gut kochen können, mehr Gemüse und weniger Fertignahrung. Aus diesem Grund sei es wichtig, Kindern und Teenagern das Kochen beizubringen und sie dazu zu ermuntern, ihre Fähigkeiten zu verbessern, schreiben die Forscher.

Glaubt man der GfK-Umfrage, hält sich die Kochleidenschaft in Deutschland derzeit in Grenzen: Nur gut ein Viertel der Befragten in Deutschland gab an, sich dem Thema Essen mit viel Leidenschaft zu widmen. Ähnliche Ergebnisse gab es etwa in Frankreich, Spanien, Polen, Großbritannien, Schweden und Belgien. In Italien berichteten über 40 Prozent der Befragten, mit Leidenschaft zu kochen, was aber auch der Selbstwahrnehmung geschuldet sein dürfte.

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Mit Material von dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 442 Beiträge
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Seite 1
UncleRuckus 26.12.2015
1. Wen wunderts?
Bei der Anzahl alleinlebender Menschen in diesem Land überrascht es mich gar nciht dass so gut wie keiner kochen möchte. Wer macht sich schon die Mühe allein für sich zu kochen? Und da liegt ja auch das größte Problem dieses Landes, zu viele Menschen haben das Familienleben aufgegeben und versuchen sich an der "Karriere" und enden dann in einer einsamen Wohnung mit ein paar Katzen. Und wenn sie merken was los ist, ist es meistens zu spät. Kochen erscheint mir als das geringste Problem dieses Landes.
inx_1 26.12.2015
2. Erfreulich
für die Ernährungsindustrie. Können sie noch mehr Laborfrass an den Mann/die Frau bringen. Wers mag ....
Bell412 26.12.2015
3. Experten. Natürlich.
Es sind mal wieder die Mütter und Großmütter schuld, nie man selbst. Lernen, auch Kochen lernen, ist vor allem eine Holschuld. Keine Bringschuld eines Wissenden. Ich muss lernen wollen. Daß ich nicht kochen kann, liegt einzig und allein an mir, ich bin ein fauler Hund. Meine Mutter konnte im Gegensatz dazu exzellent kochen, leider sind erhellende Maßnahmen auf diesem Gebiet an mir abgeprallt.
Bowhunter 26.12.2015
4. Mit Verlaub
Das sehe ich aber ganz anders. Meine beiden Kinder, beide Studenten und über beide Ohren im Lernstress haben das kochen für sich entdeckt... Zur Entspannung, Inpiration und einfach an der Lust daran, kreativ zu sein. Es schmeckt ihnen besser, dient der Kontaktpflege und ist letztendlich billiger. Der Gang zum Markt hat inzwischen Kultstatus. Das Gleiche erkenne ich auch bei meinen und ihren Freunden und Bekannten. Ich denke eher, dass demnächst vertärkt Front von den Lebensmittelkonzernen gemacht wird, das Zeug, was die Lebensmittel nennen zu konsumieren. MfG Hoyt
hellas1955 26.12.2015
5. Ein Besuch im Supermarkt reicht
...um zu sehen, wie junge Mütter den Einkaufswagen mit Convenience-Produkten vollpacken. Selbst die Schnitzel werden schon paniert gekauft, weil die Eltern nicht mehr wissen, wie paniert wird. Soße kennen die meisten nur aus der Tüte. Es gruselt mich, wenn ich das sehe.
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