Kognitive Leistungsfähigkeit Schwitz dich schlau

Lernen, sitzen, lernen: So sieht der Alltag vieler Schüler aus. Sport und Bewegung kommen dabei viel zu kurz. Dabei ist körperliche Aktivität auch für den Kopf essenziell, betonen Forscher.

Schüler in einem Kletterparcour
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Schüler in einem Kletterparcour


Hausaufgaben machen, für die Klassenarbeit lernen und dann noch zum Musikunterricht: Spätestens seit dem Turboabi ist es für deutsche Schüler nicht immer leicht, in ihrem Alltag alle Interessen unterzubringen. Durch die Zeit, die sie mit Lernen am Schreibtisch und in der Schule verbringen, kommt der Sport häufig zu kurz - das hat der Kinder- und Jugendsportbericht erst im vergangenen Jahr festgestellt.

Sportvereine haben es zunehmend schwerer und verzeichnen Mitgliederschwund - kein Wunder: Die Kinder verbringen oft den ganzen Tag in der Schule. Schuld an mangelnder Bewegung sind auch überehrgeizige Eltern, die dem Nachwuchs in unserer Leistungsgesellschaft eine optimale Ausgangsposition für ein erfolgreiches Leben schaffen wollen.

Aber: Es muss nicht immer der Schreibtisch sein, an dem junge Menschen ihre kognitive Leistung steigern. Das haben Wissenschaftler erneut in einem Statement betont, das sie auf einer Fachkonferenz im dänischen Kopenhagen vorstellten.

Wie die insgesamt 24 Forscher im "British Journal of Sports Medicine" schreiben, sei es heute besonders wichtig, dass Kinder und Jugendliche genügend und regelmäßig Bewegung bekommen würden. Denn auf diese Weise würde auch die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns profitieren.

Gesunde Kinder werden auch gesündere Erwachsene

"Die Zeit, die man nicht am Schreibtisch verbringt, ist gut investiert und geht nicht zu Lasten von guten Noten", so die Forscher aus Großbritannien, Skandinavien, Nordamerika und Dänemark. Auf der Fachkonferenz hatte die Wissenschaftler um Peter Krustrup von der Universität von Kopenhagen die qualitativ besten Studienergebnisse zum Thema Hirnentwicklung und Bewegung bei 6- bis 18-Jährigen zusammengetragen.

Die Kernpunkte:

  • Körperliche Aktivität und Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems wirken sich positiv auf die Hirnentwicklung von jungen Menschen aus und fördern ihre Intelligenz.
  • Bewegung vor, während und nach dem Unterricht unterstützen schulisches Leistungsvermögen.
  • Schon moderate Bewegung hat einen positiven Effekt.

Die Forscher weisen außerdem auf inzwischen wissenschaftlich gesichertes Wissen hin: Gesunde Kinder werden auch gesündere Erwachsene. Regelmäßige Bewegung schützt vor Herz-Kreislauferkrankungen und Typ-2-Diabetes - das gilt bereits für leichte bis geringe körperliche Belastung.

Zudem sei auch die soziale Komponenten nicht zu unterschätzen, so die Autoren: Bewegung kann zu mehr Selbstvertrauen, größerer Motivation und Wohlbefinden führen. Denn so würden auch soziale Kontakte zu älteren Vorbildern, Trainern und letztlich auch zu den eigenen Eltern aufgebaut. Zudem würde durch Sport auch Integration von Menschen mit anderer Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung erleichtert.

Bewegung lohnt sich

Deshalb empfehlen die Forscher, an Schulen und im öffentlichen Raum mehr Möglichkeiten für ausreichende Bewegung zu schaffen. Das könnten mehr Spielplätze, Parks und bessere Radwege sein.

Studien, die einen positiven Effekt von Bewegung auf die Hirnentwicklung nachweisen, gibt es schon lange. Untersuchungen in einem Kernspintomografen (MRT) von Sportlern und Nichtsportlern hatten ergeben, dass die aktiven Personen mehr Hirnsubstanz besitzen, die ihnen Vorteile verschaffen dürften. Andere Untersuchungen hatten gezeigt, dass trainierte Menschen auch in Tests zur geistigen Leistungsfähigkeit besser abschnitten. Der Effekt stellt sich vermutlich auch deshalb ein, weil das Gehirn durch Sport langfristig besser mit Sauerstoff versorgt wird. Über einen längeren Zeitraum begünstigt Sport die Bildung von neuen Synapsen und festigt gleichzeitig bereits bestehende Hirnverbindungen.

joe



insgesamt 16 Beiträge
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taste-of-ink 28.06.2016
1.
Diese Ergebnisse widersprechen natürlich der Auffassung führender Mitforisten, die zuletzt wieder im Rahmen des "Trailrunning"-Artikels die gefestigte Stammtischmeinung zum Besten gegeben haben, wonach der Körper keine körperliche Belastung vergisst, Sportler daher spätestens mit 50 am Herzinfarkt versterben und bis dahin rund drei - vier künstliche Hüften und Kniegelenke verschlissen haben. Also, versaut euren Kindern nicht die Zukunft und achtet darauf, dass sie sich möglichst wenig bewegen und ihre Freizeit lieber mit weniger lebensgefährlichen Tätigkeiten wie Playstation spielen und Chips fressen verbringen.
andreasclevert 28.06.2016
2. Alte Weisheit...
...mit neuer Studie unterstützt. Dennoch, liebe Redaktion, man sollte beim Tippen dann doch nicht zu viel herumlaufen, sonst fehlt dem Kletterparcour das 's'. Trotz aller kognitiver Steigerungen bei der Bewegung. Spaß und Korrekturhinweis beiseite. Das Bild freut mich, feiern kommendes Wochenende wieder mal einen Kindergeburtstag im Kletterwald. Die Ewoks kommen ;-)
tomquixote 28.06.2016
3. Schon Turnvater Jahn …
… wusste das, daher fand ich den Artikel, den ihm neulich einer Ihrer Mitarbeiter zugedacht hat, etwas hochnäsig.
fatherted98 28.06.2016
4. Wenn man...
...das Konzept der Ganztagsschulen ernst nehmen würde und diese Schulform breitflächig einführen würde, den Unterricht entzerren würde und die Pausenzeiten verlängern würde, den Schülern entsprechenden Platz und Material zum toben (da reicht schon eine oder zwei Tischtennisplatten) geben würde...ja dann..würden die sich auch mehr bewegen...nur da die Ganztagsschule am Nachmittag zur Aufbewahrungsstätte verkommt, keine Mittel da sind um die nötigsten Reinigungsarbeiten in Toiletten zu verwirklichen, die Lehrer sowieso keinen Bock haben sich mit den Kindern zu beschäftigen..weil geht ja von ihren Pausenzeiten ab...tja...
Dorfluemmel 28.06.2016
5. Der korrekte Link zum wissenschaftlichen Artikel
lautet http://bjsm.bmj.com/content/early/2016/05/27/bjsports-2016-096325 Der Artikel ist frei verfügbar (open access).
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